Feldhasen-Projekt Auf der Suche nach den jungen Hüpfern

Einst war der Feldhase einer der häufigsten Bewohner offener Landschaften. Doch mittlerweile ist er vielerorts kaum noch zu finden. Naturschützer, Biologen und Jäger versuchen das zu ändern - und stellen dabei fest, wie wenig sie über die Lebensgewohnheiten der Tiere wissen.

N. Martinez

Aus dem Basler Land berichtet


Die Nacht scheint ruhig. Im Nordosten reflektiert der wolkenverhangene Himmel das Licht der Großstadt Basel, unten im Tal glühen gelblich Laufens Straßenlaternen. Die Landschaft wirkt wie ausgestorben. Aber sie ist es nicht. Darius Weber zielt mit seiner Wärmebildkamera über die Wiese hinweg in Richtung Waldrand. Auf dem Bildschirm erscheinen schemenhaft Bäume und Zaunpfähle - und ein hell leuchtender Punkt.

Ein Tier. Entfernung: rund 200 Meter. "Wahrscheinlich ein Fuchs", sagt Weber. Er klingt fast enttäuscht. Das kleine Team aus zwei Biologen und zwei Studentinnen ist nicht wirklich an Rotpelzen interessiert. Man sucht Hasen, genauer gesagt Junghasen, die sich hier irgendwo in der sanft hügeligen Ackerlandschaft des Laufener Beckens am Rande des Schweizer Jura verstecken sollten. Schließlich ist es Ende März, die Fortpflanzungssaison hat längst begonnen. Und wo erwachsene Hasen leben, das müsste auch ihr Nachwuchs zu finden sein. Eigentlich.

Doch die jungen Hüpfer machen sich rar. Darius Weber, sein Assistent Nicolas Martinez und die Praktikantin Sarah Hummel sind mit ihrer Spezialkamera auf die Ladefläche eines offenen Kleinlasters geklettert. So haben sie einen besseren Überblick, können von oben in die Felder hineinschauen. Muriel Perron fährt. Der Wagen schaukelt im Schleichtempo einen Feldweg entlang. In einer Obstwiese zeigt die Kamera erneut einen hellen Fleck.

Weber schüttelt den Kopf. "Das ist zu viel Licht für einen Junghasen." Vermutlich ein ausgewachsenes Exemplar. Das Tier bewegt sich einige Meter, kommt näher und setzt sich dann aufrecht. Weber schaltet seinen Handscheinwerfer ein. Am Ende des Lichtkegels erscheint etwas Hellbraunes. In der Tat, ein Hase. Seine Ohren sind gut erkennbar. Stören lässt sich das Tier nicht. Er bleibt einfach sitzen.

Nach den Berechnungen von Darius Weber und seinen Kollegen müsste das gut 900 Hektar große Gebiet östlich der Kleinstadt Laufen 30 bis 75 Feldhasen beherbergen. Doch die sind nicht zu entdecken. "Wir sehen nur etwa 20 Prozent der erwachsenen Tiere", erklärt Weber. Ohnehin sei die Population zu klein, sagt der Wissenschaftler - rund fünf Hasen pro Quadratkilometer.

Früher, während den Vierzigern, dürften es zehn-, zwanzigmal so viele gewesen sein. Damals erlegten Jäger im Kanton Basel Land jährlich bis zu 2300 Hasen. Ende der Sechziger waren es nur noch wenige hundert. Eine Erholung hat es seitdem nicht gegeben. Die Zahlen aus der Nordwestschweiz sind symptomatisch für viele Regionen Europas: Der Feldhase, Lepus europaeus, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten rar gemacht.

Nur warum eigentlich? Als Verdächtige sind die industrialisierte Landwirtschaft, der zunehmende Straßenverkehr, Landschaftszersiedlung, Krankheiten und Raubtiere im Gespräch. Eindeutige Beweise fehlen jedoch.

Tarnung als einzige Überlebensstrategie

Im Basler Land versucht man derweil, den Trend umzukehren. Dort startete 2008 das Projekt "Hopp Hase". Initiatoren sind zwei Naturschutzvereine und der regionale Jagdverband. Man hat sich zum Ziel gesetzt, neue Strategien für den Hasenschutz zu entwickeln und anzuwenden. Keine einfache Aufgabe. Die Langohren machen es der Forschung nämlich schwer. Vor allem über die Fortpflanzung des Feldhasen ist nur erstaunlich wenig bekannt.

Die Häsinnen bringen ihre Jungen in aller Heimlichkeit zur Welt - irgendwo im freien Feld, nicht in einer Höhle, wie es die Wildkaninchen tun. Bislang ist es kaum einen Menschen gelungen, Zeuge einer Feldhasengeburt zu werden. Einmal auf der Welt ist dann weiter Unauffälligkeit oberstes Gebot für die kleinen Hasen. Die ersten drei Wochen ihres Lebens verbringen sie weitgehend regungslos, versteckt unter Pflanzenbüscheln oder in kleinen Erdmulden.

Den ganzen Tag lang ist der Nachwuchs auf sich gestellt, allein und schutzlos. Die Tarnung ist praktisch die einzige Überlebensstrategie. Neugeborene Hasen verströmen nicht mal einen eigenen Duft. Alles, was sie verraten kann, wird vermieden.

Die Häsin besucht ihr Junges nur nach Einbruch der Dunkelheit. Pro Nacht wird ein einziges Mal gesäugt. Das muss reichen. Und das tut es auch. Hasenmilch ist extrem nahrhaft, erklärt Darius Weber. Der Fettgehalt liegt bei etwa 20 Prozent. Die gehaltvolle Kost sorgt für schnelles Wachstum. Die Jungtiere nehmen täglich bis zu 30 Gramm zu.

Eigentlich ist der Feldhase eine überaus fruchtbare Spezies. "Häsinnen sind ständig trächtig", sagt Weber. Nur von Oktober bis Ende Dezember ist Pause. Ein weibliches Tier bringt jährlich bis zu 15 Junge zur Welt. Dennoch gibt es beim Nachwuchs anscheinend Probleme. Neuere Studien haben gezeigt, dass es den erwachsenen Hasen zumindest im Basler Land gut geht. Ihre Sterblichkeit ist gering, es gibt genug Nahrung, und sie werden inzwischen auch nicht mehr von Jägern geschossen.

Trotzdem überleben nur wenige Jungtiere. Warum? Weber und sein Team versuchen diese Frage zu klären. "Wir wollen die Junghasen schützen. Aber wie soll das gehen, wenn wir nicht wissen, wo sie sind?" Deshalb kommt die Wärmebildkamera zum Einsatz. Diese "thermographische Junghasensuche" genannte Methode wurde vom deutschen Zoologen Ulrich Voigt für Studien in Niedersachsen entwickelt. Nun wird sie erstmalig auf eidgenössischem Gebiet getestet. Voigt hat seine Schweizer Kollegen vor wenigen Tagen trainiert. Man wurde dabei prompt fündig. In der Nähe von Reinach spürten die Biologen an einem Abend gleich drei Junghasen auf.

Junghasen flüchten nicht

Die Suche geht weiter. Der Wagen rollt auf einen verlassen wirkenden Hof zu. Schrottautos, Bauschutt, Brennholz. Im nächsten Acker erscheint wieder ein Lichtpunkt. Kleiner diesmal, näher und schwächer leuchtend. "Stopp." Die Forscher steigen ab und pirschen sich heran. Der Punkt bewegt sich sprunghaft. Und zu schnell, meint Nicolas Martinez. Junghasen flüchten nicht. Weber knipst den Scheinwerfer an. Eine winzige Maus hüpft verschreckt zwischen den Saatreihen herum. In ihrem Fell funkeln Tautropfen.

Es ist feuchter geworden. Bei Nebel oder Regen funktioniert die Wärmebildkamera nicht, erklärt Martinez. Das Wasser schluckt die Infrarotstrahlung. Heute wird bis ein Uhr nachts wird gesucht. Erstaunlich, wie viel Getier hier unterwegs ist. Noch mehr Mäuse, ausgewachsene Hasen und rudelweise Rehe. In einer Hecke sitzt eine überrascht herunterschauende Schleiereule. Doch nirgendwo ein Junghase.

Man will, so Darius Weber, deren "Schicksal verfolgen". Wahrscheinlich lasse sich nur so das Rätsel der Kleinhasen-Sterblichkeit lösen. Später sollen dann sogar Jungtiere mit einem Miniatur-Peilsender ausgestattet werden. Der könnte dann mehr über das Schicksal der kleinen Hasen verraten - auch, ob sie vielleicht einfach besonders schnell gefressen werden. Denn Räuber interessieren sich vor allem für Leckerbissen in der Nähe von Feldrändern, Wegen oder ähnlichem. Eine intensivere Jagd auf die Räuber darf jedoch nicht die Lösung sein, meinen Vertreter von "Hopp Hase". Ein Feldhase sei schließlich nicht mehr wert als ein Hermelin oder ein Fuchs.

Die Hasenschützer wollen andere Wege gehen, womöglich andere Landschaftsstrukturen schaffen, um die Beutegreifer abzulenken. Elektrozäune sollen unbeaufsichtigte Hunde fern halten. Irgendwann gibt es dann hoffentlich wieder reichlich Langohren. Der Feldhase als alltägliche Begegnung bei Spaziergängen - und nicht bloß ein Phantom, so wie auch heute Nacht.



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Seite 1
op_force 24.04.2011
1. ...
Na, dann hoffe ich mal, dass dieses Projekt Erfolg hat. Ich würde mir wünschen, dass auch in D. Umweltschutzorganisationen, Jägerverbände, Bauern etc. mehr für den Schutz des Feldhasen tun würden. Braucht es immer erst eine Erwähnung auf der roten Liste, bevor es zu nachhaltigem Schutzmaßnahmen kommt?
SpieldesLebens 24.04.2011
2. Landschaftsstrukturen
Es ist allerhöchste Zeit, andere landschaftliche Strukturen zu schaffen, vor allem dichte Hecken an Feldrändern als Schutz, Beibehalten von Wildkräutern am Feldrand und Verzicht auf Gifte in der Landwirtschaft.
4612 24.04.2011
3. Hasenforschung und Behördenwahnsinn in Deutschland
An der Universität Kassel ist gerade ein mehrjähriges Forschungsprojekt Feldhasen ausgelaufen. Auf dem Versuchsgut der Uni konnten, durch kleinere Regeleingriffe in die landwirtschaftlichen Abläufe, deutliche Erfolge bei der Bestandsentwicklung des Feldhasen verzeichnet werden. Weitere Informationen und einen Tagungsband "Feldhase", gibt es im Fachgebiet "Ökologische Standorts- und Vegetationskunde", bei Dr. Jochen Godt und Prof. Dr. Gert Rosenthal, Fachbereichs Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung (ASL) der Uni KS. Was in KS eben anders läuft, als in der ansonsten deutschlandweit behördlich gesteuerten Landwirtschaft, wäre eigentlich auch dort gut umsetzbar. Es wird aber meist nicht angegangen, weil die Leiter der regionalen Landwirtschaftsämter hieran und an anderen, auf Wildtiere Rücksicht nehmenden Biotopverbesserungen, wenig bis überhaupt kein Interesse entwickeln. Um sich die Abläufe vor Augen zu rufen: Die Landwirte werden einmal im Jahr zur Beantragung ihrer Fördermittel, dem wirtschaftlichen Rückgrat aller Bauernhöfe in Deutschland, vom amts(leiter)wegen einbestellt und mit den Direktiven des verbeamteten Oberbauern vertraut gemacht. Wehe dem Landwirt, der dann, irgendwo im telefonbuchdicken Stapel, ein falsches Kreuz in seine Antragsformulare bringt. Sehr schnell war es das dann, mit der Kohle für dieses Wirtschaftsjahr. Folglich findet hier Experimentierbereitschaft gegen den Willen des Amtes faktisch nicht statt. In Hessen wurden, trotz der vom Ministerium aufgelegten Förderprogramme, sogar von einigen Landwirtschaftsämtern (z.B. MR) behauptet, das Programm sei einer Haushaltssperre zum Opfer gefallen. Selbige wurde allerdings erst Monate später verkündet, bis dahin aber derlei unbürokratisches Ökogetue für ein weiteres Jahr wirksam unterbunden. Dr. Nikolaus Bretschneider-Herrmann, Vizepräsident des LJV-Hessen, kann hier ein längeres Klagelied anstimmen. Der Hase, das Rebhun, die Feldlerche und einige Tiere mehr, würden dabei einstimmen, wenn sie es nur selbst könnten.
saako 25.04.2011
4. An die Bambi-Freunde:
Junghasenpopulationen schwanken stark Punkt
Bins 25.04.2011
5. Titel auf dem Acker
Zitat von sysopEinst war der Feldhase einer der häufigsten Bewohner offener Landschaften. Doch mittlerweile ist er vielerorts kaum noch zu finden. Naturschützer, Biologen und Jäger versuchen das zu ändern - und stellen dabei fest, wie wenig sie über die Lebensgewohnheiten der Tiere wissen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,758454,00.html
Ja, ja die Landwirtschaft ! Jedes kleine Fleckchen muss beackert werden, da sonst der Hof Pleite geht. Je mehr Kunstdünger und Spritzmittel, desto besser. Wehe, Jemand weist vorsichtig auf den Widersinn hin ! Jede Heckenreihe, jede Schlehenhecke wird gerodet und das Areal zum Acker hinzugefügt. Seid mir ruhig, mit den Landwirten ! Wohin gehen die meisten Brüsseler Mittel ? Ja genau - in die Landwirtschaft. Da gehört schon lange Mal rigoros der Geldhahn zugedreht. Ist ja Paradox, was da für Hilfen fließen....
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