Felsanalyse Antarktis-Eis schmilzt ungewöhnlich schnell

Die rapide Gletscherschmelze in der westlichen Antarktis beunruhigt Wissenschaftler. Ob der Mensch verantwortlich ist, war bisher unklar - jetzt legen Forscher erstmals Daten über das Schrumpfen des Eispanzers in den vergangenen Jahrtausenden vor. Sie untermauern schlimmste Befürchtungen.

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Es muss gewaltig gekracht haben im vergangenen Herbst, als ein gigantischer Eisberg von der Zunge des Pine-Island-Gletschers abbrach. Rund ein Jahr lang hatte es in der Antarktis gerummst und geknirscht, bis der Riese endlich losbrach und in den Ozean trieb. Mit einer Größe von 20 mal 34 Kilometern Größe erreichte er nahezu die Landfläche von New York City.

Das spektakuläre Schauspiel des Eisberg-Kalbens hat in den vergangenen Jahren geradezu unheimliche Ausmaße angenommen. Die großen Schelfeis-Platten der Westantarktis, die vor dem auf dem Festland ruhenden Eisschild im Wasser liegen, zerbröseln zusehends - und die dahinter liegenden gewaltigen Gletscher rutschen immer schneller Richtung Meer. Sollte die Eisschmelze weiter bestehen oder sich gar beschleunigen, könnte der Anstieg der Meeresspiegel nach Ansicht von Wissenschaftlern katastrophale Ausmaße annehmen.

Erste Daten bestätigen Befürchtungen

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Während aber das Tauwetter in der Arktis eindeutig mit dem von Menschen verursachten Klimawandel in Verbindung gebracht wird, ist das Bild in der Antarktis weniger klar. Im Westen des Kontinents taut es an allen Ecken und Enden, im Osten aber tut sich wenig. Was den Schelfeis-Kollaps in der Westantarktis auslöst, ist ebenso umstritten wie die Frage, ob das überhaupt ungewöhnlich ist. Denn die Satellitenmessungen der Eishöhe begannen erst Anfang der achtziger Jahre. Über die Entwicklung des Westantarktischen Eisschilds seit der letzten Eiszeit vor etwa 16.000 Jahren war sonst kaum etwas bekannt.

Jetzt haben Forscher erstmals solche Daten vorgelegt. Joanne Johnson und Michael Bentley vom British Antarctic Survey sowie Karsten Gohl vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI) haben in Felsen nach dem chemischen Element Beryllium gesucht, genauer gesagt nach dessen Isotop Beryllium-10. Es entsteht, wenn Gestein vom Eis befreit und dadurch kosmischer Strahlung ausgesetzt wird. Anhand der Zerfallszeit des radioaktiven Isotops lässt sich feststellen, seit wann das Gestein freiligt. Die Methode wird seit Jahren benutzt, um den Rückzug von Gletschern zu datieren.

Johnson und ihre Kollegen haben an vier Stellen am Smith-, Pope- und Pine-Island-Gletscher Felsen auf ihren Beryllium-10-Gehalt analysiert. Die Daten, schreiben die Forscher im Fachblatt "Geology", stellen den derzeitigen Masseverlust des Westantarktischen Eisschilds erstmals in den zeitlichen Kontext der vergangenen Jahrtausende. Und sie bestätigten, was Wissenschaftler seit langem befürchteten: Die Gletscher verlieren "ungewöhnlich schnell" an Stärke, heißt es in dem Papier.

Der Pine-Island-Gletscher ist demnach in den vergangenen 4700 Jahren im Schnitt um 3,8 Zentimeter pro Jahr dünner geworden. Für den Smith- und den Pope-Gletscher ergab sich eine Rate von nur 2,3 Zentimetern pro Jahr in den vergangenen 14.500 Jahren. Das ist nichts im Vergleich zu den Werten der jüngsten Vergangenheit: Satellitenmessungen zwischen 1992 und 1996 haben etwa für den Pine-Island-Gletscher einen Verlust von 1,6 Metern Dicke pro Jahr ergeben - was dem 42-Fachen des Durchschnitts der vergangenen 4700 Jahre entspricht.

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