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Baumsterben: Feuerbakterium zerstört Süditaliens Olivenhaine

Von , Italien

Fotostrecke: Angriff der Feuerbakterien Fotos
Donato Boscia/ Franco Nigro/ Antonio Guario

Sie sind der Schatz des Salentos. Doch jetzt sterben die Olivenbäume in der süditalienischen Region ab. Grund ist ein gefährliches Bakterium. Die EU ist alarmiert: Der Krankheitserreger könnte nordwärts wandern und Pflanzen anderer Länder befallen.

Der Baum war prächtig, groß, knorrig und etwa 300 Jahre alt. Jedes Jahr reiften acht Zentner Oliven an seinen Ästen. Doch am Freitag wurde er aus der Erde gerissen, zersägt, mit Krone und Wurzel verbrannt. Viele tausend Italiener sahen die Hinrichtung am Bildschirm und vernahmen mit Entsetzen, dass viele, sehr viele Olivenbäumen dieses Schicksal ereilen wird.

Im Salento, einer hundert Kilometer langen und 40 Kilometer breiten Halbinsel im Südosten Italiens, dem "Absatz" des italienischen "Stiefels", sind die Olivenbäume älter und schöner als irgendwo sonst. Sie sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und ein Markenzeichen für den Tourismus rund um die historischen Städte Lecce und Ostuni. Ausgerechnet dort verursacht ein Bakterium ein Massensterben in den Olivenhainen. 8000 Hektar sind schon befallen, rund 600.000 Bäume sind akut bedroht.

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Donato Boscia/ Franco Nigro/ Antonio Guario

Viele sind schon grau, blattlos, vertrocknet. Andere sehen kerngesund aus, trugen auch in diesem Jahr üppige Mengen Oliven. "Doch auch von denen", befürchtet der Phytopathologe Govanni Martelli, Professor für Pflanzenkrankheiten an der Universität von Bari, "werden viele im nächsten Jahr sterben." Wenn ein Baum erst einmal befallen ist, hat er keine Chance mehr.

Zikaden als Überträger

Es gibt bislang keine wirksamen Maßnahmen gegen das Bakterium Xylella fastidiosa, auch Feuerbakterium genannt. Die Lage sei "sehr ernst", warnt denn auch der US-Wissenschaftler Rodrigo Almeida. Er leitet ein Forschungsinstitut an der kalifornischen Universität Berkeley, das sich schon lange mit dem Feuerbakterium beschäftigt. In Kalifornien hat sich Xylella fastidiosa schon vor 30 Jahren zum ersten Mal gezeigt. Dort hatte es Rebstöcke befallen.

Später wurden bakterielle Überfälle in anderen US-Staaten, in Südamerika, in der Türkei, in Nordafrika und im Kosovo gemeldet. Einige Zikaden-Arten, so die Erkenntnisse bislang, fliegen von Baum zu Baum, verbreiten so die Krankheitserreger, und die lösen damit die Piercesche Krankheit aus: Die Versorgung mit Wasser und Nährstoffen bricht zusammen, die Pflanze trocknet aus, stirbt ab.

Nie gekannte Ausbreitungsgeschwindigkeit

Sonderlich beachtet wurden die Vorfälle in Europa bislang nicht. Denn "diese Krankheit kommt in Europa bisher noch nicht vor", schreibt zum Beispiel das Stuttgarter "Informationszentrum für die Landwirtschaft Proplanta" noch heute auf ihrer Webseite.

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Donato Boscia/ Franco Nigro/ Antonio Guario

Tatsächlich hat sie Europa längst erreicht. Und noch nie hat die Pflanzenkrankheit sich so dramatisch ausgewirkt wie jetzt in Süditalien. Almeida und das italienische Forscherteam vor Ort untersuchten nun, ob dort möglicherweise auch andere Überträger oder Krankheitserreger mit im Spiel sind, Pilze oder Insekten etwa. Denn so wäre die enorme Geschwindigkeit der Ausbreitung und die Heftigkeit des Befalls zu erklären.

Was sie vor allem ganz schnell, ganz sicher klären müssen: Ist der befallene Olivenbaum nur ein Opfer, oder ist er zugleich die Quelle für die Ansteckung weiterer Bäume? Ist Letzteres der Fall, und dafür spricht vieles, müssten alle Bäume ausgerissen und verbrannt werden, die befallen sind oder sein könnten. Schon jetzt verlangen die italienischen Behörden, dass der gesamte Olivenhain vernichtet wird, wenn 30 Prozent der Bäume befallen sind.

Großflächige Abholzung

Im römischen Landwirtschaftsministerium wurde ein Krisenstab gebildet, im Hintergrund macht die EU-Kommission in Brüssel Druck. Noch in dieser Woche sollen die Italiener sämtliche verfügbaren Daten liefern, im Gegenzug wurden Finanzhilfen versprochen. Bis Ende November will Brüssel entscheiden, wie weiter zu verfahren ist.

Die Sorge im Süden ist groß, dass es zur großflächigen Abholzung kommt. Das wäre eine Katastrophe für die Region. Die Sorge weiter im Norden freilich ist, dass das brandgefährliche Bakterium weiter wandert, andere Länder in West- und Mitteleuropa heimsucht und dort womöglich weitere Pflanzen befällt - Rebstöcke, wie in den USA, oder auch Obstbäume oder Zitrusfrüchte.

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Zuerst die Palmen und nun die Oliven
b.nitsche 28.11.2013
In ganz Europra sind fast alle Palmen vom Rüsselkäfer befallen und werden wohl, über kurz oder lang, komplett eingehen. Nun auch noch die Oliven. Selbst auf Mallorca sind fast alle Palmen betroffen, obwohl das eine Insel ist und so weit kann der Rüsselkäfer bestimmt nicht fliegen. Der Käfer wurde durch Baumimporte auf die Insel geholt. Das sind Palmen die teilweise 250 Jahre alt sind. Und da soll noch mal einer erzählen es geben keinen Klimawandel. Und nun halt die Oliven, die ein extrem festes Holz haben. Was kommt als nächtes drann? Der Mensch? Aber lasst uns nichts ändern und weiter über so machen...Unsere Politik schläft weiter und da meine ich alle Parteien auch die Grünen.
2. Es trifft wieder die Falschen
hellas1955 28.11.2013
Zitat von sysopDonato Boscia/ Franco Nigro/ Antonio GuarioSie sind der Schatz des Salentos. Doch jetzt sterben die Olivenbäume in der süditalienischen Region ab. Grund ist ein gefährliches Bakterium. Die EU ist alarmiert: Der Krankheitserreger könnte nordwärts wandern und Pflanzen anderer Länder befallen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/feuerbakterien-sueditalien-bangt-um-olivenhaine-a-934825.html
Ich denke dabei an meine griechischen Freunde in einem kleinen Dorf. Viele leben von den Oliven und der griechische Staat wird ihnen nicht helfen!
3. Der falsche Ansatz
fritzyoski 28.11.2013
" dass der gesamte Olivenhain vernichtet wird, wenn 30 Prozent der Bäume befallen sind." Es gibt fast immer einige Individien die resistent sind, vielleicht 1 aus 1000000. Aber wenn man erstmal alles abholtzt wird man die nie finden. Aus resistenten Bauemen laesst sich dann eine neue Generation ziehen welche diese Resistenz an ihre "Kinder" weitergeben. Aehnliches ist mit den Esskastanien zwischen 1904 - 1935 in den USA passiert. Von 2 Milliarden Baumen sind alle bis auf 4 oder 5 abgestorben. Diese waren genetisch resistent. Aber wenn man alles abholtzt findet man sowas natuerlich nicht.
4. @b.nitsche
1969heiner 28.11.2013
Der Käfer wurde durch Baumimporte auf die Insel geholt und das beweist den Klimawandel?
5. @1969heiner
b.nitsche 28.11.2013
Natürlich bezieht sich das auf die Olivenbäume. Diese können bis zu 2000 Jahre alt werden und nun plötzlich werden diese krank. Was soll den noch passieren?
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