Feuerberg Merapi: Forscher finden mysteriöses Objekt unter Vulkan

Aus Yogyakarta berichtet Michael Lenz

Wissenschaftler haben unter dem indonesischen Vulkan Merapi eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Dort schlummert ein gigantisches Gesteinsobjekt. Der Fund könnte die Forschung über die Feuerberge revolutionieren, glaubt ein deutscher Experte.

Birger Lühr ist schwer beeindruckt vom Lavadom des Merapi. "Einen so großen Dom habe ich auf dem Berg noch nie gesehen", sagt der Geophysiker vom Geoforschungszentrum Potsdam. Seit gut zwei Jahrzehnten ist der Vulkan im indonesischen Zentraljava so etwas wie Lührs wissenschaftlicher Hausberg. Der Vulkan steht allen Experten zufolge kurz vor dem Ausbruch - und Lühr will das Spektakel aus nächster Nähe miterleben.

Der neue Dom auf dem Merapi wächst nach Angaben des vulkanischen Dienstes im indonesischen Bandung um 150.000 Kubikmeter pro Tag und hat inzwischen ein Volumen von mehr zwei Millionen Kubikmetern erreicht. Bricht die Dom auf, quillt nicht nur Lava heraus, sondern es kommt auch zu glühenden Lawinen aus Geröll und Rauch. Die brisante Mischung kann bis zu 800 Grad Celsius heiß werden und sich mit einer Geschwindigkeit von bis zu 300 Stundenkilometern ausbreiten.

Allerdings lässt der große Knall auf sich warten. Nachdem es am vergangenen Wochenende so aussah, als ob der Ausbruch in seine heiße Phase eintritt, hat sich der Berg die ganze Woche über wieder von einer relativ ruhigen Seite gezeigt.

Mysteriöser Körper in der Tiefe

Lühr aber ist inzwischen am Merapi auf etwas Erstaunliches gestoßen. Bei der Erforschung des Unterbaus des Merapi hat der Geophysiker in der Vulkanregion von Zentraljava einen "Körper mit verringerter seismischer Geschwindigkeit" entdeckt - ein gewaltiges Stück Erde, das von Osten nach Westen 70 bis 100 Kilometer, von Norden nach Süden rund 30 Kilometer messe und in der Tiefe durch die gesamte Erdkruste bis in den Mantel der Erde reiche.

Lühr äußert sich enthusiastisch über seinen Fund: "Das könnte die Vulkanwissenschaft revolutionieren." Zwar seien die Daten noch nicht vollständig ausgewertet und auch in noch keinem Fachblatt veröffentlicht. Doch bisher habe noch niemand etwas Vergleichbares beobachtet. "Das Besondere ist, dass er eine Verbindung zur abtauchenden ozeanischen Platte hat", sagt Lühr über den seltsamen Klumpen. "Am vordersten südlichen Rand dieses Körpers sitzen der Merapi und andere Vulkane Javas." Die Gründe sind Lühr und seinen Kollegen rätselhaft. "Wir haben keine Ahnung, warum das so ist."

Lühr arbeitet zusammen mit seinem russischen Mitarbeiter Ivan Koulakov und Experten des Vulkanforschungszentrums in Yogyakarta im Forschungsprojekt "Meramex" (Merapi Amphibious Experiment). In den vergangenen Monaten haben die Wissenschaftler mit 130 Sonden am Merapi, an anderen Vulkanen Zentraljavas und auf dem Meersboden vor Java Messungen vorgenommen, um die geologischen Verhältnisse im Umfeld des Merapi zu erforschen.

Objekt könnte neue Einsichten liefern

Eine Besonderheit der Region um Java sind Erdbeben, die in 100 Kilometern Tiefe stattfinden, also im weichen Erdmantel. Klassische tektonische Erdbeben finden dagegen in der harten Erdkruste statt und werden durch die Verschiebungen der Kontinentalplatten verursacht - auf Java und Indonesien durch die Kollision der indo-australischen und der eurasischen Platte.

Lühr glaubt, der von ihm entdeckte unterirdische Körper könnte einen Erklärungsansatz für diese Tiefenbeben liefern. "In den Tiefen sitzen Flüssigkeiten in Poren und Kristallen", erklärt Lühr. "Nach unseren Vorstellungen werden diese Fluide durch bestimmte Temperatur- und Druckbedingungen freigesetzt und steigen als Gase, Flüssigkeiten und teilweise geschmolzenes Material aus der ozeanischen Platte nach oben. Wenn das Gemisch an die Oberfläche gelangt, bildet sich ein Vulkan."

Der Merapi gilt unter Wissenschaftlern als Hochrisikovulkan, der mit Ausbrüchen alle fünf bis sieben Jahre enorm aktiv ist. Er gehört zu den sogenannten Stratovulkanen, deren Spezialität die Ausbildung von Domen ist: Aus 2 bis 20 Kilometern Tiefe wird Magma heraufgedrückt, erkaltet an der Oberfläche und bildet Staukappen. Da immer mehr Magma emporsteigt, wachsen diese Dome. Der Druck steigt, bis sie aufplatzen und das flüssige Gestein zäh wie Zahnpasta herausquillt.

Projekt vor ungewisser Zukunft

Es ist jedoch unklar, ob Lühr und seine Kollegen den Merapi und das darunter liegende mysteriöse Objekt enträtseln können. Das auf drei Jahre angelegte, von der Deutschen Forschungsgesellschaft und dem Forschungsministerium finanzierte "Meramex"-Projekt endet im kommenden Jahr. "Ob es eine Anschlussfinanzierung zur Erforschung der offenen Fragen geben wird, ist völlig unklar", seufzt Lühr. Dabei sei die Kenntnis der Funktionsweise von Vulkanen von zentraler Bedeutung für die sozioökonomische Entwicklung der Menschheit und das globale Klima.

Lühr nennt den Ausbruch des Tambora auf Java als Beispiel: 1815 schleuderte der Feuerberg 150 Millionen Tonnen Staub und Asche in die Atmosphäre, die sich langsam wie ein Schleier um den ganzen Erdball legten. 1816 erlebten die Menschen auf der Nordhalbkugel daraufhin das "Jahr ohne Sommer", das Europa und den USA Missernten und sogar Frost und Schneefall in den Sommermonaten brachte.

"Wir können Vulkanausbrüche und Erdbeben nicht verhindern”, sagt Lühr. "Aber wir können durch intensive Forschung das Verständnis für diese Phänomene und Prozesse verbessern. Das würde eine präzisere Einschätzung des Gefährdungspotentials ermöglichen."

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