Überfischung: Bestände können sich schnell erholen

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DPA/Greenpeace

Thunfische: Durch Überfischung bedroht

Ein Jahrzehnt der Überfischung können viele Bestände erstaunlich gut ertragen, haben Forscher festgestellt. Erst wenn Meerestiere über mehrere Jahrzehnte zu stark dezimiert werden, gibt es kaum noch Rettung. Wissenschaftler hoffen deshalb auf die anstehende Fischereireform der EU.

Viele Fischbestände können sich von einer Überfischung besser als erwartet erholen - solange diese nicht zu lange andauert. Das vermutet ein Team um Philipp Neubauer von der Rutgers Universität (US-Bundesstaat New Jersey), das verschiedene Datensätze in eine Modellrechnung einfließen ließ.

Die Mehrheit der 153 untersuchten Fischarten und wirbellosen Tiere verkrafte eine moderate Überfischung und könne sich innerhalb von zehn Jahren davon erholen, wenn der jeweilige Bestand noch nicht komplett zusammengebrochen sei und der Druck durch die Fischerei schnell und deutlich gesenkt werde.

Für viele überfischte Bestände seien Schutzbemühungen jedoch zu spät gekommen, schreiben Neubauer und Kollegen im Wissenschaftsmagazin "Science". Wenn bereits stark geschwächte Bestände weiterhin überfischt würden, sei es zweifelhaft, dass sie wieder anwachsen.

Ein Beispiel sei etwa der Nordsee-Kabeljau, sagte Rainer Froese von Geomar, dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Jahr für Jahr erlaubten die europäischen Landwirtschaftsminister weit überhöhte Fänge, obwohl der Bestand außerhalb sicherer biologischer Grenzen sei. In der südlichen Nordsee, also den deutschen Gewässern, sei der Kabeljau inzwischen sehr stark reduziert worden. Trotzdem dürfe auch in diesem Jahr weiter gefischt werden, mit etwa dem Dreifachen des nachhaltigen Höchstmaßes.

Auch die Fischer würden profitieren

"Es scheint so zu sein, als könnten die Fische sich generell innerhalb von zehn Jahren gut erholen", sagte Neubauer. "Das hat uns ein bisschen überrascht." Die Ergebnisse könnten nach Einschätzung Neubauers auch ein Indiz dafür sein, dass moderat überfischte Arten sich an die Jagd durch den Menschen anpassen und beispielsweise früher und häufiger Nachkommen zeugen als solche Fischarten, die seltener auf dem Speiseteller landen.

Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO waren 2012 nahezu 30 Prozent der weltweiten Bestände überfischt und 57 Prozent an der Grenze maximaler Ausbeutung. Die Lage bei den völlig überfischten Beständen habe sich jedoch leicht gebessert.

Mit einer historischen Reform plant die Europäische Union die strapazierten Fischbestände künftig besser schützen; sie ist aber noch nicht in Kraft. Fischer sollen demnach künftig nur so viele Fische fangen, wie nachwachsen. Mit zielgenaueren Fangtechniken sollen sie zudem den unbeabsichtigten Beifang verhindern. Außerdem soll ein Rückwurfverbot toter Fische eingeführt werden, um die Entwicklung von Fischbeständen besser zu steuern.

Würde der Fischereidruck sofort deutlich unter das nachhaltige Höchstmaß gesenkt, könnten die Fischer nach Studien des Geomar schon in drei bis vier Jahren mehr fangen als heute, sagte Froese.

wbr/dpa

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1. Aber Reformen schaden doch dann der Fischereiwirtschaft - jetzt
Koda 19.04.2013
und wenn die EU-Fischer nicht fischen, werden es die Russen, Chinesen, Amis und Japaner tun oder die anderen Dritte-Welt-Staaten. Ergo: fischenwas geht, damit wenigstens unsere Fischereiindustrie noch ein paar Jährchen existieren kann. Nach uns die Sintflut. [/Ironie & Zynismus]
2. Nach mir die Sinflut
Körperklaus 19.04.2013
Der Landwirtschaftminister genehmigt Überfischung? Da muss ich wohl nochmal die Verbindung der Landwirtschaft mit der Firscherwirtschaft recherchieren... naja. Ansonsten ist die Fischereiwirtschaft ein gutes Beispiel für einen vernunftleeren Raum. Das hab ich mal in Fernsehen gesehen. Institute ermitteln welche Fischbestände derzeit gefangen werden dürfen. Paßt das Ergebnis der Fischereiwirtschaft in den Kram, wird das Gutachten anerkannt. Stellt das Institut aber fest, dass eine bestimmte Fischart in nächster Zeit nicht gefischt werden sollte, wird deren Arbeit nicht ernst genommen, mit der Begründung das es in Wirklichkeit ja alles anders ist. Die in der Fischereiwirtschaft für die langfristige Plannung zuständig sind, haben wahrscheinlich die Schule abgebrochen als es ans Subtrahieren ging...
3.
Celegorm 19.04.2013
Zitat von Kodaund wenn die EU-Fischer nicht fischen, werden es die Russen, Chinesen, Amis und Japaner tun oder die anderen Dritte-Welt-Staaten.
Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist: Es gibt nicht einen einzigen globalen Fisch. Und über europäische Gewässer verfügen einzig die europäischen Staaten, es verfügt niemand anders über die Rechte, in diesen zu fischen. Was anders herum aber auch bedeutet: Die EU-Länder sind die einzig Verantwortlichen für den Zustand ihrer Bestände und für allfälliges Missmanagement. Wobei es da auch nicht unbedingt Grund gibt, auf andere zu zeigen. Die USA sind in der Frage jedenfalls Europa um Jahre voraus, weshalb deren Bestände und Fischereien grösstenteils bereits wieder in einem guten Zustand sind. Die Fischereiindustrie kann problemlos ewig weiterexistieren und sogar auf höherem Niveau als jetzt, wenn man das Ganze halt in einen nachhaltigen Rahmen bringt. Wobei sich die Erkenntnis mehr und mehr durchsetzt, das öffentliche Bild ist in der Frage oft genug ein ziemliches Zerrbild der Realität..
4. optional
Altesocke 19.04.2013
"Würde der Fischereidruck sofort deutlich unter das nachhaltige Höchstmaß gesenkt, könnten die Fischer nach Studien des Geomar schon in drei bis vier Jahren mehr fangen als heute, sagte Froese." Waere 'mehr als heute' dann auch unterhalb des 'nachhaltigem Hoechstmasses'? Oder nur Kreislauffischen, mal alles, dann erstmal nichts, dann wieder alles?
5.
Altesocke 19.04.2013
Zitat von KörperklausDer Landwirtschaftminister genehmigt Überfischung? Da muss ich wohl nochmal die Verbindung der Landwirtschaft mit der Firscherwirtschaft recherchieren... naja. Ansonsten ist die Fischereiwirtschaft ein gutes Beispiel für einen vernunftleeren Raum. Das hab ich mal in Fernsehen gesehen. Institute ermitteln welche Fischbestände derzeit gefangen werden dürfen. Paßt das Ergebnis der Fischereiwirtschaft in den Kram, wird das Gutachten anerkannt. Stellt das Institut aber fest, dass eine bestimmte Fischart in nächster Zeit nicht gefischt werden sollte, wird deren Arbeit nicht ernst genommen, mit der Begründung das es in Wirklichkeit ja alles anders ist. Die in der Fischereiwirtschaft für die langfristige Plannung zuständig sind, haben wahrscheinlich die Schule abgebrochen als es ans Subtrahieren ging...
Wieso, Mathe funktioniert doch: "Wir fangen weniger? Wir brauchen mehr Boote. Immer noch zu wenig? Vielleicht benoetigen wir mehr Boote?
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Überfischung: Dezimierung im großen Stil

Wie Fangquoten bestimmt werden
Was ist eine Fischfangquote?
Unter einer Fangquote versteht man eine festgesetzte Menge an Fischen oder anderem Meeresgetier, die in einem bestimmten Gebiet während eines festgesetzten Zeitraumes gefangen werden darf.
Wer legt die Fangmengen in Europa fest?
Für Europa erhebt der International Council for the Exploration of the Sea (ICES), eine zwischenstaatliche wissenschaftliche Organisation mit Sitz in Dänemark, wie es um die Bestände der einzelnen Fischsorten bestellt ist. Es wird anhand von Stichproben analysiert, wie sich Populationen entwickeln und wie viele Jungfische nachkommen. Auf Basis dieser Daten gibt der ICES Empfehlungen heraus, wie viel Fisch gefangen werden kann, ohne Raubbau an der Natur zu treiben. Über die Fangmengen, die sogenannten TACs (Total Allowable Catch) entscheiden aber die Agrarminister der Länder. Gingen diese früher oft über die wissenschaftlichen Empfehlungen hinaus, orientieren sich die Minister mittlerweile deutlich stärker daran, was der ICES rät.
Was bedeutet das für die einzelnen Länder?
Sind die jährlichen Höchstfangmengen einmal festgelegt, ergibt sich daraus die Fangmenge pro Land. Welchen Anteil an der Gesamtmenge eines Fisches ein einzelnes Land fangen darf, richtet sich nach einem Quotensystem. Dies stammt noch aus den achtziger Jahren. Es wurde damals auf Basis historischer Fangzahlen vereinbart und gilt weitgehend noch heute.
Wer legt fest, welche Mengen welcher Fischer fangen darf?
Wie die Gesamtmenge unter den Fischern eines Landes aufgeteilt wird, ist europaweit sehr unterschiedlich. Während einige Länder die Rechte nach bestimmten Quotensystemen auf die Fischer aufteilen, werden anderswo Fischereirechte auf dem freien Markt gehandelt. In Deutschland regelt die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) die Verteilung der Fangrechte. Dabei orientiert sie sich an vergangenen Fangmengen der einzelnen Akteure. Wie auch immer die Länder die Verteilung regeln: Letztlich sind sie dafür verantwortlich, dass ihre Fischer die ihnen zugesprochenen Fangmengen nicht überschreiten.
Wie wird kontrolliert?
Die Art der Kontrolle ist europaweit sehr unterschiedlich. So gibt es beispielsweise Schiffe, die ihren Fang freiwillig per Kamera dokumentieren. Anderswo müssen Fischer Logbücher führen. Größere Schiffe sind zum Teil an Überwachungssysteme angeschlossen, mittels derer kontrolliert werden kann, wo sie sich aufhalten. Hilfestellung bei der Überwachung soll den Mitgliedsländern die Europäische Fischereiaufsichtsagentur (CFCA) im spanischen Vigo leisten.
Gibt es trotzdem Streit?
Auch wenn die Fangquoten innerhalb der EU feststehen: Da Fische sich nicht an Grenzen halten, sind oft auch die Interessen anderer Staaten berührt. Aufgrund klimatischer Veränderungen befanden sich beispielsweise vor kurzem deutlich mehr Makrelen vor Island als noch in den Jahren davor, woraufhin die krisengebeutelte Isländische Regierung die Fangmenge massiv anhob. Die Schotten und Iren, die sich weiter an die innerhalb der EU vereinbarten Quantitäten halten mussten, hatten das Nachsehen.