Künstliche Riffe Fische lieben Ölbohrinseln

Ausgerechnet an Öl- und Gasbohrinseln vermehren sich Fische um ein Vielfaches besser als in anderen Lebensräumen. Tausende ausgediente Plattformen könnten künftig als künstliche Riffe dienen.

Ölplattform vor China: Guter Lebensraum für Meeresbewohner
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Ölplattform vor China: Guter Lebensraum für Meeresbewohner


Öl- und Gasplattformen gelten gemeinhin eher als Quelle von Umweltverschmutzungen. Doch offenbar bieten sie vielen Meeresbewohnern perfekte Lebensbedingungen. Wie eine Studie an kalifornischen Anlagen zeigt, bilden sie für Fische die produktivsten bekannten Lebensräume weltweit. Die Zunahme von Fisch-Biomasse pro Jahr übertrifft jene vergleichbarer natürlicher Riffe um ein Vielfaches.

"Öl- und Gasplattformen vor der Küste Kaliforniens haben die höchste sekundäre Fischproduktion pro Fläche Meeresboden von allen Meereslebensräumen, die bisher untersucht wurden", schreiben die Biologen um Jeremy Claisse vom Occidental College in Los Angeles im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences". Die Fische gedeihen an dem Plattformen demnach 27-mal besser als an den Felsriffen der Region und im Durchschnitt zehnmal besser als in anderen, auf ähnliche Weise untersuchten Lebensräumen.

Die Resultate stützen die Pläne, ausgediente Förderanlagen als künstliche Riffe im Wasser zu lassen. Um diesen sogenannten "Rigs-to-Reefs"-Ansatz ("Bohrinseln zu Riffen") zu prüfen, maßen die Forscher die Sekundärproduktion, also die Biomasse, die durch Entwicklung und Wachstum aller Fische neu entsteht. Dies kalkulierten sie, indem sie vor der Küste Südkaliforniens per Tauchboot an 16 Plattformen jährlich fünf bis 15 Jahre lang Fische beobachteten. Daraus berechneten sie die neu entstehende Biomasse für das kommende Jahr.

Große Oberfläche, viele Fische

Die Forscher erklären das verblüffende Resultat unter anderem damit, dass die Anlagen mit ihren senkrechten Pfeilern und den vielen Querverstrebungen sehr viel Oberfläche pro Quadratmeter Meeresboden bieten. Die Struktur sei für viele wirbellose Tiere, die wiederum als Nahrung für Fische dienen, ein guter Lebensraum. Zudem böten gerade die bodennahen Querstreben vielen Tieren Schutz vor Räubern.

Die Wissenschaftler entdeckten besonders viele Lengdorsche sowie Fische der Sebastes-Gattung, die felsige Areale bevorzugt. Die Sebastes-Arten besiedeln die Plattformgerüste schon im Larvenstadium. Die Pfeiler bieten ihnen den Vorteil, dass sie durch die gesamte Wassersäule reichen: Mit höherem Alter können sich die Fische in tiefere Wasserschichten zurückziehen.

Die Nutzung als Riffersatz sei eine gute Option für die künftige Nutzung der weltweit mehr als 7500 Öl- und Gasplattformen, schreiben die Biologen. Die Wissenschaftler verweisen darauf, dass etliche ausgediente Anlagen bereits als Meeresschutzgebiete ausgewiesen sind.

Auch bei der Planung und beim Bau von Offshore-Windanlagen solle man deren Rolle als Ökosystem bedenken. Im Juli 2014 hatte eine Studie gezeigt, dass manche Seehunde und Kegelrobben verstärkt in Offshore-Windparks jagen - möglicherweise, weil sie dort besonders viel Fisch finden.

Seehunde und Kegelrobben

jme/dpa

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