Fisch-Invasion: Riesenwelse erobern Rhein und Neckar

Von Stefan Rheinbay

Der Flusswels vermehrt sich in Deutschlands Gewässern rasant. Die Fische erreichen eine Länge von bis zu drei Metern und können 150 Kilogramm schwer werden. Biologen sprechen von der größten Veränderung der Wasserfauna seit der Eiszeit - rätseln aber über den Grund dafür.

Welse in der Rhône: Der Riese macht sich in Europas Flüssen breit Zur Großansicht
dapd/ Bouletreau et al/ PloS ONE

Welse in der Rhône: Der Riese macht sich in Europas Flüssen breit

Es war drei Uhr nachts, als der Wels anbiss. Eine volle Stunde lang kämpfte Peter Neumann mit dem Fisch. Dann löste er den Haken aus dem riesigen Maul und setzte den Wels in den Rhein zurück. "Was willst du mit so einem Riesentier machen?", fragt Neumann, der als Wels-Profi gilt. Die großen Exemplare schmecken nicht, und generell hat der Wels wenig verwertbares Fleisch. Als Sportfisch wird er aber immer beliebter: Viele Angler entdecken die Möglichkeit, vor der Haustür ein kapitales Exemplar zu fangen.

Diese Chance ist größer als je zuvor: Der Flusswels breitet sich in Deutschland rasant aus, die Population wächst und wächst. Die Fische können bis zu drei Meter lang, 150 Kilogramm schwer und 80 Jahre alt werden. Nach Angaben von Anglern steigt die Zahl der gefangenen Exemplare rapide an. Forscher rätseln über den Grund des plötzlichen Booms.

Der Flusswels ist geheimnisvoll. Niemand kann genau sagen, wo er herkommt. Und kaum einer bekommt ihn jemals zu Gesicht - nur der Angler, der seinen Köder mit viel Glück direkt vor seiner Nase präsentiert: tief unten im Dunkeln, wo der Wels in einem schlammigen Loch sitzt und zeitlebens jede unnötige Bewegung vermeidet.

Die Rheinfischereigenossenschaft kontrolliert jährlich durch Elektrofischen die Bestände der meisten Fischarten. In diese tiefen Bereiche dringt der eingeleitete Strom, der die Fische betäuben soll, aber nicht vor. Deshalb können nur die Angler Anhaltspunkte über die Bestände liefern. Die sind allerdings fast ebenso stumm wie die Fische: "Weniger als ein Prozent der Angler im Rhein füllen überhaupt Fanglisten aus", beklagt Stefan Staas, Geschäftsführer der Rheinfischereigenossenschaft. "Diese Angaben sind alles, was wir haben."

14 Tonnen Wels in einem Jahr

Immerhin: Die dürftigen Zahlen, die vorliegen, dokumentieren eine eindrucksvolle Entwicklung. Noch in den achtziger Jahren gab es nur vereinzelte gemeldete Wels-Fänge. 1996 wurden dann schon 656 Kilogramm registriert, 1997 waren es 1282 Kilo. Die aktuellsten Zahlen stammen aus dem Jahr 2010, als die Angler mehr als 14 Tonnen Wels aus dem Rhein holten.

"Der Wels hat in unseren Gewässern nie eine Rolle gespielt", sagt Staas. "Das hat sich geändert." Als Ursache vermutet er menschliches Tun: Es müsse ein unkontrolliertes Aussetzen der Fische gegeben haben. Ähnlich äußert sich Manuel Lankau, Biologe beim Landesfischereiverband Westfalen. "Es ist durchaus möglich, dass der Wels durch Besatzmaßnahmen verbreitet wird und die ausgesetzten Exemplare seit einigen Jahren vermehrt zueinanderfinden."

Im Rhein findet der wärmeliebende Wels bei steigenden Wassertemperaturen ideale Bedingungen. "Einleitungen von Kraftwerken heizen den Fluss auf", sagt Staas. Hinzu kommt die Klimaerwärmung, die die Temperatur des Rheins ebenfalls steigert.

Ein Welsgelege besteht aus 25.000 Eiern. Nach drei Jahren ist der Jungfisch geschlechtsreif und nach weiteren drei Jahren bereits einen Meter groß. Während der Wels natürlicherweise nur alle zehn Jahre ablaicht, ermöglichen die sommerlichen Wassertemperaturen im Rhein die Fortpflanzung vermutlich in jedem Jahr. Von einer Plage würde Lankau aber nicht sprechen: "Es mag Gewässer geben, in denen das die Fischgemeinschaft beeinflussen kann", so der Biologe. "Aber grundsätzlich wird der Wels sich nicht die eigene Nahrungsgrundlage entziehen, indem er alle Fische auffrisst."

Wels verdrängt die Forelle

Unter Anglern gehen die Meinungen auseinander. Viele Raubfischangler freuen sich über den Neuzugang und rüsten auf: Für den Wels benötigen sie extrem schwere Ruten und große, hakenbewehrte Köder. Viele traditionelle Angler hingegen verfluchen den Wels: Sobald er ein Mischgewässer besiedelt, verspeist er einen Teil der angestammten Fische.

In jüngster Zeit ist allerdings auch ein Neuling hinzugekommen: Die kaum fingergroße Grundel, 2008 zum ersten Mal im Rhein entdeckt, hat sich innerhalb kürzester Zeit ebenfalls massenhaft vermehrt. Die Rheinfischereigenossenschaft spricht von "einer der dramatischsten Veränderungen der Rhein-(Fisch-)Fauna, die je dokumentiert wurde". Welse lieben Grundeln. Die Winzlinge halten sich gerne am Gewässergrund auf und sind für den trägen Raubfisch eine leichte Beute. Ob die Grundel aber für die Wels-Ausbreitung mitverantwortlich ist, lässt sich derzeit kaum sagen.

Gottfried S. angelt seit 40 Jahren in der Sieg, einem Nebenfluss des Rheins in Nordrhein-Westfalen. Achselzuckend zeigt er auf seinen leeren Korb: "Früher hat man hier immer seine Forelle gefangen. Aber der Wels macht jetzt Tabula rasa." Sein Angelverein hat dieses Jahr alle Schonzeiten für den Wels aufgehoben. Die Mitglieder sind aufgefordert, den Fisch gezielt zu angeln und gefangene Tiere nicht wieder ins Wasser zu werfen. Das ist allerdings nicht immer einfach. Gottfried S. verständigte unlängst einen ansässigen Bauern, als ein entkräfteter Angler unfähig war, den gehakten Fisch aus dem Wasser zu ziehen. Erst mit dem Traktor konnte der kapitale Wels an Land befördert werden.

Seine enorme Größe und seine Lebensweise am Grund machen den Wels zu einem idealen Kandidaten, um im Sommerloch die Schlagzeilen zu füllen. "Riesenwels packt 14-Jährige im Badesee" titelte etwa Focus Online im vergangenen August. Am Telefon bestätigt die Mutter den Vorfall: "Das Viech hat sie unter Wasser gezogen, Gott sei Dank konnte sie sich befreien." Franziskas Vater sinnt auf Rache und versucht nun selbst, den Wels zu fangen: "Meine Tochter konnte sich verteidigen, aber wenn ein solches Tier ein kleines Kind angreift, hat es keine Chance. Diese Riesenviecher müssen raus!"

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