Von Christian Schwägerl
Das tunesische Schiff "Mohamed Essadek", das die Kontrolleure als nächstes inspizieren, hat gerade frischen Fang gemacht. Die spitzen Flossen der Thunfische durchschneiden die Wasseroberfläche. Sie sind lebend in einem kreisförmigen Netz gefangen. Noch auf hoher See werden die Tiere in Käfige überführt und von Schleppern an die Küste gezogen, wo ihnen mehrere Monate Mast bevorstehen. Das bedeutet, dass die Fangboote nicht zum Entladen in einen Hafen zurückfahren müssen, sondern rund um die Uhr auf Jagd gehen können.
Die 14 Besatzungsmitglieder sind denn auch besorgt, dass ihnen die Kontrolle einen Strich durch die Rechnung machen könnte. "Wir werden nur für das bezahlt, was wir an Land bringen", sagt einer der Fischer - da ist der Anreiz groß, möglichst viel zu fangen. Die Kontrolleure entdecken zwar einige Ungereimtheiten, doch Verfehlungen können sie den Tunesiern nicht beweisen. "Viele Regeln sind schwammig, zudem fehlt es uns an polizeilicher Gewalt", sagt einer der Kontrolleure.
Das ist nur eine der Schwächen der gut gemeinten Kontrollen. Das Hauptproblem ist, dass sich alle Schutzbemühungen auf legale, lizenzierte Schiffe konzentrieren, die über einen Sender ständig ihre Standorte übermitteln müssen. Illegal operierende Fischer zu erfassen ist dagegen schwer. "Um sie ausfindig zu machen, bräuchte es ein viel dichteres Kontrollnetz und wirksame Maßnahmen in den Häfen, so dass der Fang nicht angelandet und die Schiffe nicht wieder betankt werden können", sagt einer der Kontrolleure.
Ölkatastrophe bedroht Überleben
Neben der Überfischung bedroht nun zusätzlich auch die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko das Überleben der begehrten Raubfische. Dort liegt das zweite wichtige Laichgebiet des Roten Thunfischs, US-Wissenschaftler rechnen bereits mit dem Schlimmsten. Es ist gut möglich, dass auslaufendes Öl die Art erheblich an der Fortpflanzung hindert und erwachsene Tiere akut oder schleichend vergiftet.
Die Bundesregierung zeigt sich bereits alarmiert, dass selbst die strengeren Schutzbemühungen dieses Jahres nicht reichen könnten. "Wir setzen uns in Brüssel dafür ein, dass ICCAT im November eine weitere Reduzierung des Fischereidrucks beschließt", sagt Ernährungsministerin Ilse Aigner (CSU) SPIEGEL ONLINE. Nötig seien "noch rigorosere Bewirtschaftungsmaßnahmen nach Maßgabe wissenschaftlicher Empfehlungen, gegebenenfalls auch ein mehrjähriges Fangverbot".
Eine echte Chance für den Fisch gibt es aber wohl erst, wenn die Verbraucher weltweit erfahren, wie sie mit ihrem Genussessen einen der stolzesten Fische der Welt aus dem Meer verschwinden lassen. Roten Thunfisch zu essen ist heute fast schon so problematisch, als würde man Pandabären, Blauwale oder Sumatratiger auf dem Teller haben. Doch das Bewusstsein dafür ist auch in Deutschland noch nicht sonderlich gereift.
Im Trendlokal "Panasia" in Berlin-Mitte sagt der Kellner, auf die bedrohte Art im Menü "sushi-lifestyle deluxe" angesprochen: "Wir sind hier in Mitte, die Leute verlangen danach."
Anmerkung der Redaktion: Die Betreiber des Sushi-Restaurants "Panasia" haben inzwischen gegenüber SPIEGEL ONLINE erklärt, nunmehr ausschließlich eine nicht gefährdete Thunfischart zu verarbeiten.
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