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Flauschige Genies: Küken können rechnen

Von wegen dummes Huhn: Federvieh kann rechnen - und zwar schon als Küken. Sollten die Ergebnisse italienischer Forscher stimmen, wären Hühner in Sachen Rechenkunst selbst Affen überlegen.

London - Das Unterscheiden von "größer" und "kleiner" scheint kein besonderes Kunststück zu sein: Viele Tiere sind dazu fähig, doch selbst dies gelingt ihnen meist nur, wenn sie zwei Gruppen im direkten Vergleich zueinander sehen. Hühner aber scheinen zu abstrakterem Denken fähig zu sein: Sie unterscheiden auch dann größer von kleiner, wenn die zur Wahl stehenden Gruppen nach kurzer Zeit verdeckt werden. Und sie rechnen sogar mit, wenn die Größen der Gruppen vor ihren Augen verändert werden, haben Rosa Rugani und ihre Kollegen von der Universität Trient herausgefunden.

Das Ergebnis ist verblüffend, da vorherige Studien ergeben hatten, dass beispielsweise Affen und selbst mehrere Monate alte Kleinkinder auf den Zahlenraum von eins bis drei beschränkt sind. Die Küken hingegen konnten offenbar im Zahlenraum von eins bis fünf rechnen, schreiben die Wissenschaftler im renommierten Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B". Dabei seien die flauschigen Genies nur drei bis vier Tage alt gewesen.

In der Vorbereitungsphase legten die Forscher den Küken zunächst für einige Stunden fünf kleine gelbe Bälle in den Käfig, bei denen es sich ausgerechnet um die Innenbehälter aus Überraschungseiern handelte. Als sich die Tiere an die künstlichen Artgenossen gewöhnt hatten, entfernten die Wissenschaftler die Bälle aus dem Käfig und ließen sie vor den Augen der eingesperrten Küken hinter zwei Abschirmungen verschwinden: zwei Bälle links und drei Bälle rechts.

Nachdem die Küken freigelassen worden waren, liefen sie spontan zu der Abschirmung, hinter der sich mehr Bälle und damit der größere Anreiz befanden. Dann steigerten die Forscher den Schwierigkeitsgrad und stellten den Küken Rechenaufgaben: Sie ließen zunächst vier Bälle hinter dem linken und einen Ball hinter dem rechten Schirm verschwinden. Dann ließen sie zwei Bälle von links nach rechts wandern, alles vor den Augen der Küken.

Nun befanden sich auf der linken Seite nur noch zwei Bälle und auf der rechten Seite drei. Der Vorgang entsprach also der Subtraktion 4 - 2 = 2 in Bezug auf die linke Seite beziehungsweise der Addition 1 + 2 = 3 in Bezug auf die rechte Seite. Die Küken liefen daraufhin zur rechten Seite. Sie hatten offenbar mitgezählt und wussten, wo sich nun die größere Anzahl an Bällen befand, folgerten die Forscher.

Zur Kontrolle bekamen die Küken anschließend weitere Aufgaben, die sie ebenfalls ohne Probleme lösten. Zusätzlich überprüften die Forscher, ob sich die jungen Hühner auch dann für die größere Zahl an Objekten entscheiden, wenn diese unterschiedlich groß sind: Hatten die Küken die Wahl zwischen zwei Würfeln auf der linken Seite und drei kleineren Würfeln auf der rechten Seite, entschieden sie sich dennoch für die rechte Seite. Ausschlaggebend war demnach tatsächlich die Anzahl der Gegenstände - Größe und Volumen schienen keine Rolle zu spielen.

"Der Aufbau dieses Experiments ist das Ergebnis von rund zehn Jahren Forschung", sagte Studienleiterin Rugani im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es sei nun erstmals bewiesen, dass die Fähigkeit zu abstraktem Rechnen unabhängig von Kultur, Sprache oder Ausbildung existieren könne.

Bei den Versuchen habe man sich die Tatsache zunutze gemacht, dass das Überleben von Küken davon abhängt, nicht von der Gruppe getrennt zu werden. "Die anderen Küken können leicht hinter Büschen oder Bäumen verschwinden, weshalb es für die Tiere nützlich ist, auch ohne direkten Sichtkontakt zu wissen, wo sich die Gruppe befindet", so Rugani. Möglicherweise besäßen die Küken deshalb schon im Alter von wenigen Tagen die Fähigkeit, abstrakt zu rechnen.

Und: Die Wissenschaftler betonten, dass es sich hier um keinen Aprilscherz handelt.

mbe/ddp

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