Fledermäuse auf Wanderung Körperstarre spart Zeit und Energie

Warum Energie verschwenden, wenn man noch einen weiten Weg vor sich hat? Wandernde Fledermäuse verfallen bei Ruhepausen gezielt in eine Starre und sparen dadurch nicht nur Energie sondern auch Zeit.

Silberhaarfledermaus: Auf Fernreisen verfallen die Tiere während der Zwischenstopps in eine Starre
Corbis

Silberhaarfledermaus: Auf Fernreisen verfallen die Tiere während der Zwischenstopps in eine Starre


Einige Fledermausarten gehen ähnlich wie Vögel auf Wanderschaft. Im Gegensatz zu den Vögeln machen sie aber während ihrer Reise keine Extrastopps fürs Futtern. Die Reise geht dadurch zwar schneller, hat aber auch einen Nachteil: Als nachtaktive Tiere müssen sie die dunklen Stunden sowohl zur Nahrungsaufnahme als auch für den Zug nutzen.

Bei Morgengrauen begeben sie sich zur Ruhe, ziehen aber noch am gleichen Tag mit der Dämmerung weiter. Jetzt konnte ein kanadisches Forscherteam belegen, dass die Tiere während jener Ruhephasen in einen Torpor verfallen. Bei dieser Körperstarre wird der Stoffwechsel des Körpers auf ein Minimum heruntergefahren, und die Körpertemperatur sinkt deutlich. Das Prinzip der Heterothermie, also der aktiven Veränderung der Körpertemperatur, könnte auch bei manchen Vögeln vorhanden sein, berichten die Wissenschaftler im Fachjournal "PLOS ONE".

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Schon vorher war bekannt, dass Silberhaarfledermäuse (Lasionycteris noctivagans) sowie Eisgraue Fledermäuse (Lasiurus cinereus) auf ihrer Wanderschaft bei unwirtlichem Wetter in einen Torpor verfallen. Das Team um den Biologen Liam McGuire ging nun der Frage nach, ob die Tiere diese Starre auch gezielt einsetzen, um bei ihrem Zug Energie zu sparen und nicht nur als Reaktion auf schlechtes Wetter. Die Forscher sprechen von "Torpor-unterstützter Migration".

Dazu untersuchten sie Silberhaarfledermäuse während der Wanderschaft. Um den Energieumsatz der Tiere zu überwachen, nutzten sie die Messung per Respirometrie, die abgegebenes Kohlendioxid im Verhältnis zum aufgenommenen Sauerstoff festhält. Um auch die Umgebungstemperatur miteinbeziehen zu können, statteten sie die Fledermäuse zusätzlich mit Temperatur-sensiblen Funksendern aus.

Engeriesparmodus

Das Ergebnis: Alle beobachteten Silberhaarfledermäuse verfielen bei ihren Zwischenstopps in die Torpor-Starre. So sparten sie 91 Prozent der Energie, die sie sonst gebraucht hätten, um ihre Körpertemperatur in der Ruhephase normal zu halten. Auch an kalten Tagen verbrauchten sie dadurch nicht besonders viel Energie.

So reduzieren die Tiere zudem die benötigte Nahrungsmenge für ihre Wanderschaft und sparen entsprechend Zeit. Die Silberhaarfledermäuse können also schneller ziehen, was ihre Sicherheit auf unbekanntem Terrain erhöht. Dies zeige sich etwa im Vergleich zur höheren Mortalität von Zugvögeln, schreiben die Forscher.

Offen bleibt die Frage, ob auch andere wandernde Tiere Torpor nutzen, um unterwegs Energie zu sparen. So verfallen etwa Kolibris während ihrer Wanderung in einen Torpor - ob dies aus den gleichen Gründen wie bei Fledermäusen passiert, ist allerdings unklar. Von Nachtschwalben und Mauerseglern kennt man ähnliche Zustände. Die Autoren der Studie schreiben: "Unsere Forschung zeigt an, dass künftige Studien die Rolle der Heterothermie für die Energetik von Fledermaus- und Vogelwanderungen berücksichtigen sollten."

nik/dpa

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
MünchenerKommentar 02.01.2015
1. Respirometrie?
Wie funktioniert das bei einer Fledermaus auf Wanderschaft? Muss die jeden Morgen in einer Box schlafen, bei der man die Luftzufuhr messen kann, oder wird sie per Implantat oder Chip vermessen?
mhwse 02.01.2015
2. Chip? Mixer!
einfach ab mit dem Tierchen in den Mixer, so kann Sauerstoff, Fettgehalt und Temperatur für den Forscher entspannt und stressfrei für das Tier gemessen werden .. im Emulgat ist auch schon der Durschnittswert in allen Geweben abgreifbar .. Ich weiß nicht ob es so geht .. wenn aber keine Details verlautbart werden, das Tier nicht unter Naturschutz steht geht einem sowas schon mal durch den Kopf .. in einigen Teilen der Welt werden Fledermausarten als Schädlinge bekämpft ..
cassandros 02.01.2015
3. siehe dort
Zitat von MünchenerKommentarWie funktioniert das bei einer Fledermaus auf Wanderschaft? Muss die jeden Morgen in einer Box schlafen, bei der man die Luftzufuhr messen kann, oder wird sie per Implantat oder Chip vermessen?
Steht ausführlich in der referierten Abhandlung unter "Materials and Methods".
mhwse 03.01.2015
4. Danke! - lesen hilft - wie immer ..
trotzdem frage ich mich wie man ein wildlebendes Tier in eine Apparatur zur CO2/O2 Messung bekommt ohne es in absolute Panik zu versetzten. Torpor hin oder her. Wenn der standby so intensiv ist, dass Fressfeinde nicht mehr erkannt werden hat der Energiespareffekt doch etwas zu viele negativ Auswirkungen, wenn dann das Tier trotzdem tod, weil gefressen ist. Also - da es offensichtlich schonend und OHNE das Messergebnis zu stark zu verfälschen geht: Lob an die Forscher. (das ist immer der schwierigste Teil bei einer solchen Arbeit ..)
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