Fledermäuse: Forscher enttarnen fliegende Virenschleudern

Von Annick Eimer

Fledermäuse werden schon länger verdächtigt, Krankheitserreger zu verbreiten. Wissenschaftler der Uni Bonn haben jetzt Tausende der fliegenden Säuger untersucht und dabei Unmengen an Viren gefunden. Einige davon sind auch für den Menschen extrem gefährlich.

Fledermäuse: Viren fliegen immer mit Fotos
Antje Seebens

Bonn - Die einen ekeln sich vor den kleinen haarigen Körpern, die in Ecken und Winkel des Gebälks alter Häuser hängen oder in großen Schwärmen mit weit ausgespannten Flügeln im Tiefflug durch die Abenddämmerung segeln. Andere finden sie niedlich, diese Nachtschwärmer mit ihren runden Kulleraugen, Schlappohren und den keck in die Luft gerichteten Näschen.

Christian Drosten hat ein eher wissenschaftlich distanziertes Verhältnis zu jenen Tieren, die zusammen mit den etwas größeren Flughunden die einzigen Säugetiere sind, die fliegen können. Drosten leitet das Institut für Virologie der Universitätsklinik Bonn. Faszinierend findet er, wie friedlich Fledermäuse in Gruppen zusammenleben. Gruppen, die manchmal so groß sind, dass sie, wären es Menschen, eine ganze Großstadt bevölkern könnten. Vor allem aber sind Fledermäuse sein Forschungsobjekt. Und zwar eines, dem er sich mit Handschuhen und Mundschutz nähert. Denn die Tiere können Krankheitserreger übertragen - darunter viele hochgefährliche Viren.

Fast 5000 Fledermäuse und Flughunde haben Drosten und sein Team in den letzten Jahren untersucht. Manche haben sie persönlich in ihren Schlafstätten in Bäumen, Höhlen und Dachböden gefunden. Von anderen sind nur Kot-, Blut- und Gewebeproben über ihren Labortisch gegangen. Aus allen Ecken der Welt wurden die Proben ins Bonner Institut geflogen.

Gefährlichkeit überrascht selbst die Forscher

Drosten und seine Kollegen sind mit ihrer Untersuchung, deren Ergebnisse sie jetzt in der Fachzeitung "Nature Communication" veröffentlichten, einer schon länger existierenden Fragestellung nachgegangen. Sie vermuteten, dass man in Fledermäusen Vorfahren von Viren finden könnte, die Mensch und Nutztiere befallen. Ein solcher evolutionsbiologischer Ansatz bietet sich bei Viren an, da die kleinen Krankheitserreger die Evolution im Zeitraffer durchleben. Innerhalb weniger Jahrzehnte, manchmal auch binnen Jahren oder Monaten passen sie sich einem neuen Träger an. Sie bauen die Bausteine, aus denen sie bestehen, um und verändern sich so stark, dass man von einer neuen Art sprechen kann.

Drosten hatte damit gerechnet, dass unter den Erregern Viren zu finden sein würden, die mit menschlichen Viren verwandt sind. Doch die große Zahl und vor allem auch die Gefährlichkeit der Erreger, die er jetzt ausgemacht hat, erschreckte selbst ihn.

Ein Schlaraffenland für Viren

Die Vermutung, dass Fledermäuse eine Brutstätte für so manch fiesen Krankheitserreger sind, lag nahe. Zum einen konnte schon eindeutig nachgewiesen werden, dass sie bei Nutztieren in der Vergangenheit kleinere Epidemien ausgelöst haben. Zum andern bieten Fledermäuse einfach optimale Überlebensbedingungen für Viren. Die haben nur eines im Sinn: sich zu vermehren. Dafür brauchen sie immer wieder frische Wirte. Solche, deren Immunsystem sich auf ihre Attacke noch nicht eingestellt hat.

Fledermäuse sind ein Schlaraffenland für hungrige Viren. Sie müssen nur warten, bis das Tier, das sie infiziert haben, in der Morgendämmerung müde seine Schlafstätte aufsucht und dort mit bis zu einer Million Artgenossen aneinander geschmiegt den Tag verschlummert. Größer könnte die Auswahl an Opfern gar nicht sein. "Eine ähnliche Ansammlung von Individuen einer Art findet man auf der Welt sonst nur noch bei einem anderen Säugetier: dem Menschen", sagt Drosten.

Trotz dieser bekannten Faktoren, die schon vor längerer Zeit die Aufmerksamkeit der Virologen auf die fliegenden Säugetiere lenkten, ist das, was Drosten nun veröffentlicht hat, eine große Überraschung. Er und seine Leute fanden rund 60 bis dato unbekannte Vertreter der sogenannten Paramyxoviridae, einer Virusgruppe, die Ärzte und Gesundheitsbehörden aufhorchen lassen. In dieser Gruppe gibt es viele Viren, die schwere Erkrankungen bei Mensch und Tier hervorrufen können. "Ob alle Erreger, die wir gefunden haben, wirklich auf den Menschen oder auf Nutztiere übertragbar sind, wissen wir nicht", sagt Drosten. Bei einigen sei es aber sehr wahrscheinlich, da die Verwandtschaftsverhältnisse zu bekannten Krankheitserregern frappierend nah seien.

Viren galten eigentlich als ausgerottet

Das Team um Drosten fand etwa einen ganz nahen Verwandten des Rinderpest-Erregers, der eigentlich seit dem vergangen Jahr als ausgerottet gilt. Ein weiteres Virus weist verblüffende Ähnlichkeit mit dem Masern-Erreger auf. Zudem hatten sich einige der Fledermäuse eindeutig schon einmal mit Mumps infiziert. "Da staunt man schon nicht schlecht, wenn man in einem Tropfen Fledermausblut plötzlich die gleichen Antikörper findet wie beim Menschen", sagt Drosten.

Besonders beunruhigend ist das, was die Bonner Virologen bei den afrikanischen Fledermäusen identifizierten: Sie stießen mehrfach auf einige der allergefährlichsten Erreger. So etwa die Hendra- und Nipah-Viren. Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Infektion mit ihnen zu sterben, ist sehr hoch. Nur wenige Wissenschaftler dürfen überhaupt an solch gefährlichen Viren forschen.

Das Problem in Afrika ist: "Die Fledermäuse, in denen wir die lebensgefährlichen Erreger gefunden haben, stehen auf dem täglichen Speiseplan vieler Menschen", sagt Drosten. So würden Fledermäuse gegrillt oder als Fleischbeilage in der Suppe gegessen. Bevor sie im Topf landen, werden die Tiere mit Steinen oder Macheten von den Bäumen geschlagen. "Vor allem das Erlegen und die Zubereitung, bei der die Menschen mit dem Blut und den Organen der Tiere in Berührung kommen, ist eine ernstzunehmende Gefahr", so der Forscher. Drosten vermutet sogar, dass viele Todesfälle in Afrika, die der Malaria zugeschrieben wurden, eher auf einen der Fledermaus-Erreger zurückzuführen sind.

Präventionskampagnen überarbeiten

Sollte man also Fallen aufstellen und Fledermäuse vernichten? Drosten mahnt zur Besonnenheit. "Fledermäuse sind schützenswerte Tiere. Sie übernehmen viele wichtige Funktionen in Ökosystemen." Bislang wissen die Forscher wenig über die Übertragungswege der Viren. "Für Fledermäuse gilt das Gleiche wie für andere Wildtiere - den Kontakt vermeiden," sagt Drosten.

Handlungsbedarf sieht der Forscher bei der Weltgesundheitsorganisation und den nationalen Gesundheitsbehörden. Die müssten grundsätzlich ihre Präventions- und Impfkampagnen überdenken. Gilt ein Krankheitserreger als ausgerottet, werden in der Regel sämtliche Schutzprogramme eingestellt - mit der Folge, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung seine Immunität gegen die Krankheit verliert. Ein Erreger gilt dann als ausgerottet, wenn sich über einen längeren Zeitpunkt kein Mensch mit ihm infiziert.

Dass diese Annahme falsch ist, zeigt jetzt die Untersuchung der Bonner Forscher. Die Fledermäuse sind demnach so etwas wie natürliche Reservoirs, aus denen die Krankheiten theoretisch jederzeit wieder aufkeimen können. "Sollte tatsächlich einer der Erreger den Sprung von der Fledermaus zum Menschen schaffen, ist eine Epidemie nicht unwahrscheinlich," warnt Drosten.

Ein weiteres Ergebnis trägt nicht gerade zur Beruhigung bei: Drostens Team hat hochgerechnet, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit jede bisher bekannte Virusart in irgendeiner Fledermaus dieser Welt schlummert. Auch jene Viren also, die in den meisten Industrienationen längst als ausgerottet gelten - etwa die Erreger für Pocken oder Kinderlähmung.

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insgesamt 31 Beiträge
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1. Zeilenschinderei
Albalux 25.04.2012
Zitat von sysopFledermäuse werden schon länger verdächtigt, Krankheitserreger zu verbreiten. Wissenschaftler der Uni Bonn haben jetzt Tausende der fliegenden Säuger untersucht und dabei Unmengen an Viren gefunden. Einige davon sind auch für den Menschen extrem gefährlich. Fledermäuse: Forscher enttarnen*fliegende Virenschleudern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,829514,00.html)
Dieser Bericht sowie der über die Tigermücken haben ja fast das BLÖD-Nieveau erreicht. Da wird auch mit wissenschaftlichen Halbwahrheiten an die verborgenen Ängste der Leserinnen und Leser appelliert. Warum nich gleich ein paar reißerische Überschriften wie "Killermücken im Anflug auf Deutschland - Millionen in Todesangst, Regierung tut wieder mal nichts" oder "Der Maya-Kalender hat doch Recht: Todesvampire als Boten der Apokalypse".
2. Fliegende Virenschleudern
endbenutzer 25.04.2012
Zitat von AlbaluxDieser Bericht sowie der über die Tigermücken haben ja fast das BLÖD-Nieveau erreicht. Da wird auch mit wissenschaftlichen Halbwahrheiten an die verborgenen Ängste der Leserinnen und Leser appelliert. Warum nich gleich ein paar reißerische Überschriften wie "Killermücken im Anflug auf Deutschland - Millionen in Todesangst, Regierung tut wieder mal nichts" oder "Der Maya-Kalender hat doch Recht: Todesvampire als Boten der Apokalypse".
Tigermücke, Fledermäuse: Ist von der Pharma-Industrie und ihren "Mitarbeitern" in der WHO etwa wieder irgendeine großangelegte Impfaktion geplant?
3.
mollizi 25.04.2012
Hallo Albalux, woher wissen Sie denn, dass dies Halbwahrheiten sind? Sind Sie etwa Wissenschaftler? Dann sollten Sie doch wissen, dass man wissenschaftliche Fakten nur durch die Darlegung anderer wissenschaftlicher Daten widerlegen kann. Wo aber sind Ihre Daten und Gegenargumente? Die bleiben Sie uns schuldig! Alsi wäre es besser, wenn Sie sich vorher mal informieren würden, als Behauptungen aufzustellen, die Sie nicht beweisen können.
4.
FunBaer 25.04.2012
Hallo Albalux, ich weiß ja nicht, was Sie in diesem Bericht mit der BLÖD-Zeitung in Verbindung bringen. Die Studie wurde in der renomierten Fachzeitung Nature Communication veröffentlicht. In dem Bericht steht nichts, dass hier in D-Land Panik verbreiten soll. Und das ist eben kein BLÖD-Niveau...es wird nur berichtet. Panik verbreiten wenn dann Sie mit solchen Kommentaren.
5.
FunBaer 25.04.2012
Hallo Albalux, ich weiß ja nicht, was Sie in diesem Bericht mit der BLÖD-Zeitung in Verbindung bringen. Die Studie wurde in der renomierten Fachzeitung Nature Communication veröffentlicht. In dem Bericht steht nichts, dass hier in D-Land Panik verbreiten soll. Und das ist eben kein BLÖD-Niveau...es wird nur berichtet. Panik verbreiten wenn dann Sie mit solchen Kommentaren.
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