Fledermaus-Sterben in Nordamerika Tödlicher Pilz stammt wohl aus Europa

Millionen Fledermäuse in den USA und Kanada sind an einer neuen Krankheit gestorben: dem Weißnasen-Syndrom. Ein Pilz löst die tödlichen Symptome aus. Auch in Europa ist der Erreger verbreitet - es gibt aber kein Fledermaus-Massensterben. Wie das möglich ist, wollen Forscher jetzt erklärt haben.

Infizierte Fledermaus: Eine Pilzkrankheit rafft Nordamerikas Fledermäuse dahin
AP/ NY Dep. of Environmental Conservation

Infizierte Fledermaus: Eine Pilzkrankheit rafft Nordamerikas Fledermäuse dahin


Eine verheerende Pilzinfektion unter Fledermäusen in Nordamerika hat ihren Ausgang vermutlich in Europa. Allem Anschein nach sei der Erreger des Weißnasen-Syndroms von dort aus in die USA und Kanada eingeschleppt worden, berichten kanadische Forscher um Craig Willis von der University of Winnipeg im Wissenschaftsmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Besonders betroffen von der Infektion mit dem Erreger Geomyces destructans ist die Kleine Braune Fledermaus (Myotis lucifugus). Inzwischen sind Millionen Fledermäuse in 16 US-Staaten und vier kanadischen Provinzen ums Leben gekommen, seit sich der Pilz - vermutlich seit 2006 - von New York aus verbreitet.

Infizierte Tiere wachen häufig aus ihrem Winterschlaf auf, verbrauchen viel Energie, zehren dabei ihre Fettreserven auf und sterben schließlich. Der Pilz wurde auch bei europäischen Fledermäusen gefunden; dort verläuft die Infektion aber bei weitem nicht so dramatisch. Ein Massensterben wie in Nordamerika haben Forscher nicht beobachtet. Das Team wollte nun herausfinden, ob der Pilz seit langer Zeit in beiden Erdteilen vorhanden war und in den USA und Kanada zu einem derart verheerenden Erreger mutierte - oder ob er aus Europa eingeschleppt wurde.

Experimente mit 54 Fledermäusen

Zu diesem Zweck experimentierten die Wissenschaftler mit insgesamt 54 Kleinen Braunen Fledermäusen aus Nordamerika. 18 wurden mit einer aus Thüringen stammenden, europäischen Pilzprobe infiziert, 18 andere mit einer Probe aus Nordamerika. 18 weitere dienten als Kontrolltiere ohne Infektion. Alle drei Gruppen wurden in Klimakammern untergebracht, um die Zeit eines Winterschlafs zu simulieren, und beobachtet.

Für die nordamerikanischen Fledermäuse erwiesen sich beide Pilze als tödlich, mit der US-Variante überlebten die Tiere lediglich etwas länger. Als der Test nach 114 Tagen beendet wurde, waren zwölf der 18 Fledermäuse tot oder lagen im Sterben. Von den mit der europäischen Variante infizierten Tieren waren nach 91 Tagen 16 tot oder bereits tödlich krank. In der Kontrollgruppe überlebten alle Tiere.

In beiden Testreihen wachten die Fledermäuse drei- bis viermal häufiger auf als die Kontrolltiere. Ihre Fettreserven waren zum Ende ihrer Erkrankung komplett aufgebraucht. Die Gewebeanalyse zeigte bei den beiden Pilzvarianten identische klinische Symptome.

Die Ergebnisse stützten die Theorie, der Pilz sei aus Europa eingewandert, schreiben die Autoren. Möglicherweise hätten Höhlen-Touristen ihn eingeschleppt. Dass die europäische Variante sich als etwas aggressiver erwies, könne ein Hinweis auf eine bereits erfolgte Anpassung der nordamerikanischen Fledermäuse an den neuen Erreger sein. Die europäischen Kleinen Braunen Fledermäuse führten den Kampf gegen die Pilzerkrankung schon viel länger, sie hätten wohl bereits gute Abwehr- oder Toleranzmechanismen entwickelt, mutmaßen die Wissenschaftler. Deshalb gebe es bei ihnen kein verheerendes Massensterben.

Neue Pathogene seien am besten über die Kontrolle der Tiere zu bekämpfen, die den Erreger übertragen, meinen die Wissenschaftler. Beim Weißnasen-Syndrom in Nordamerika sei dies aber kaum zu schaffen, da die Wirte - die Fledermäuse - sehr versteckt und weit verstreut lebten. Einen positiven Aspekt habe das Ergebnis aber: Die europäischen Fledermäuse seien wohl nicht in Gefahr, sollte die nordamerikanische Pilzvariante wieder nach Europa gelangen.

wbr/dpa



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