Wassermangel: Forscher prophezeien Ende der Fleischkultur

Von

Fleisch ist in den reichen Ländern eine billige Alltagsnahrung. Doch damit dürfte laut einer Studie bald Schluss sein: Das Wachstum der Weltbevölkerung und künftige Wasserkrisen könnten das Schnitzel zum Luxusgut machen.

Totes Rind in Kenia: Der Welt droht Wassermangel Zur Großansicht
AP

Totes Rind in Kenia: Der Welt droht Wassermangel

Wer glaubt, morgens beim Duschen viel Wasser zu verbrauchen, kennt nicht einmal die halbe Wahrheit. Nach Zahlen der Unesco liegt der weltweite Pro-Kopf-Bedarf bei fast 1400 Kubikmetern pro Jahr - das sind nahezu 4000 Liter pro Tag. Und das ist nur der globale Durchschnitt. In den USA etwa ist der Pro-Kopf-Verbrauch mehr als doppelt so hoch.

Sparsames Spülen hilft da kaum. Denn das weitaus meiste Wasser, das man als Bewohner eines reichen Industrielandes zum Leben braucht, fällt fernab der heimischen Wohnung an - der größte Teil entsteht in der Lebensmittelherstellung. Die Landwirtschaft verbraucht rund doppelt so viel Wasser wie alle anderen Aktivitäten der Menschheit zusammen - und die Fleischproduktion wiederum hat den höchsten Wasserverbrauch. Die Herstellung eines einzigen Kilogramms Schweinefleisch verschlingt rund 10.000 Liter.

Vor diesem Hintergrund verwundert kaum, was Anders Jägerskog und seine Kollegen vom Stockholm International Water Institute (Siwi) jetzt berechnet haben. In ihrer Studie, die anlässlich der World Water Week in Stockholm veröffentlicht wurde, haben die Forscher zwei Fakten einander gegenübergestellt:

  • Die Welt nähert sich immer mehr einem westlichen Ernährungsstil an: rund 3000 Kilokalorien pro Tag, von denen 20 Prozent von tierischen Proteinen - also aus Fleisch - stammen.
  • Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung nach Prognosen der Vereinten Nationen von derzeit sieben auf neun Milliarden steigen.

Diese beiden Zahlen, so lautet das Urteil der Experten, sind nicht in Einklang zu bringen. Es gebe auf den derzeit verfügbaren Ackerflächen schlicht nicht genug Wasser, um neun Milliarden Menschen mit dermaßen viel Fleisch zu ernähren. Malin Falkenmark und ihre Kollegen haben für die Siwi-Studie berechnet, was stattdessen möglich wäre: Würde der Anteil tierischen Proteins an der Ernährung von 20 auf fünf Prozent sinken, könnte das verfügbare Wasser gerade noch reichen - aber auch nur, wenn ein "gut organisiertes und verlässliches System des Lebensmittelhandels" existierte.

925 Millionen Menschen leiden unter Mangelernährung

Das Problem: Ein solches Verteilsystem existiert nicht. Die meisten Experten stimmen darin überein, dass es schon heute genug Getreide gäbe, um noch weit mehr als neun Milliarden Menschen zu ernähren. Doch mehr als die Hälfte des Getreides wird zu Viehfutter und Biosprit verarbeitet oder landet im Müll. 925 Millionen Menschen leiden laut Uno-Landwirtschaftsorganisation FAO unter Mangelernährung - obwohl die Pro-Kopf-Lebensmittelproduktion ständig steigt, wie Falkenmark und ihre Kollegen betonen.

Fotostrecke

3  Bilder
Getreidepreise: Heftige Kurssprünge in Serie
Weitere Probleme sind der wachsende Energiebedarf der Menschheit - der in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich drastisch steigen wird - und die globale Erwärmung. Trotz aller politischen Klimaschutz-Versprechen eilt die Treibhausgas-Konzentration in der Luft von Rekord zu Rekord. Dass die Menschheit in der Lage sein wird, die Erwärmung auf zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten zu begrenzen, erscheint unwahrscheinlicher denn je.

Deshalb wird nach Einschätzung von Forschern künftig immer öfter geschehen, was in den USA und Teilen Asiens schon heute zu besichtigen ist: Dürren, Stürme oder schwere Regenfälle sorgen für wirtschaftliche Schäden und treiben die Getreidepreise in die Höhe.

Zwar sind die aktuellen Preissteigerungen und Produktionsrückgänge historisch nichts Besonderes: In den USA waren Mais und Soja Anfang der siebziger Jahre mitunter doppelt so teuer wie heute, und noch in den neunziger Jahren gab es dort stärkere Rückgänge der landwirtschaftlichen Produktion als in diesem Jahr (siehe Grafiken). Doch global gesehen konnte die Ernährung der Menschheit bisher nur deshalb halbwegs sichergestellt werden, weil immer neue Ackerflächen erschlossen und die bestehenden immer produktiver wurden - modernen Hochleistungsgetreidesorten und Erntemaschinen sei Dank.

Irgendwann aber, so fürchten Experten, könnte das Ende dieser Entwicklung erreicht sein, auch angesichts des künftig zu erwartenden Wassermangels. Schon jetzt gibt es deutliche Anzeichen, dass der ständig steigende Ressourcenbedarf die Technologie überfordert - und am Ende auch den Planeten. Nach Berechnungen des Forscherverbands Global Footprint Network verbraucht die Menschheit derzeit eineinhalbmal so viele Ressourcen, wie die Erde langfristig bereithält. Sollte der Pro-Kopf-Verbrauch auf heutigem Niveau verharren oder gar noch steigen, hieß es 2011 im Fachblatt "Nature", könnte die Menschheit im Jahr 2050 drei Erden benötigen.

Vielleicht hilft eine simple Strategie, die Wissenschaftler den Bewohnern der Industrieländer schon vor einiger Zeit nahegelegt haben: Einfach mal weniger essen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 546 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ja
Steinwald 27.08.2012
Cooles Foto. Grausig zwar, aber irgendwie auch cool. Tja, ansonsten, keine Ahnung. Joa. Kein Fleisch. Ich denke, man könnte genug produzieren, um die Menschheit vollzustopfen, aber andererseits bin ich ja eh dagegen, daß sich ausgerechnet der Mensch derart massig vermehrt. Tut niemandem gut. Naja, eigentlich wollte ich nur das Foto loben.
2. ^^
Urbis 27.08.2012
In Deutschland gibt es bestimmt keinen Wassermangel. Und Hühnchen produziert man hier genug für die eigene Bevölkerung. Weiß nicht was diese Panikmache hier soll?
3. Was wird eigentlich nicht
masc672 27.08.2012
Zitat von sysopAPFleisch ist in den reichen Ländern eine billige Alltagsnahrung. Doch damit dürfte laut einer Studie bald Schluss sein: Das Wachstum der Weltbevölkerung und künftige Wasserkrisen könnten das Schnitzel zum Luxusgut machen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,852329,00.html
zum Luxusgut? Strom, Wasser, Energie allgemein, Autos, etc. Alles wird anscheinend in Zukunft Luxusgüter, die sich der normale Arbeitnehmer nicht mehr leisten kann bzw. darf.
4. Forscher?
der_namenslose 27.08.2012
Ein paar Durchschnittswerte extrapolieren ist aml wirklich Spitznforschung. Es wird niemals eine ganz homogene Welt geben. Mitteleuropa ist klimatsich begünstigt - hier wird auch Fleisch weiter auf dem Speiseplan stehen können. Pauschalsierend, ideologische "Wissenschaft" führt zu groteske, Verhalten: Wir Deutschen sparen Wasser - und die Stadtwerke müssen die Kanäle spülen, weil zu wenig Wasser eingeleitet wird. Wasser sparen in D ist so sinnvoll wie Sand sparen in der Wüste. Und genau so wird es sich auch mit dem Fleisch bewenden.
5. Was hilft es,
sucher533 27.08.2012
Ländern, in denen Dürre herrscht, wenn wir in Deutschland Wasser sparen? Das Wasser wird dadurch nicht in diese Gebiete kommen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Weltbevölkerung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 546 Kommentare
Bevölkerungsentwicklung: Die siebte Milliarde kam innerhalb von nur zwölf Jahren hinzu Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Bevölkerungsentwicklung: Die siebte Milliarde kam innerhalb von nur zwölf Jahren hinzu


Uno-Szenarien: Entwicklung der Bevölkerung bei niedriger, mittlerer und hoher Geburtenrate Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Uno-Szenarien: Entwicklung der Bevölkerung bei niedriger, mittlerer und hoher Geburtenrate

Fotostrecke
Weltbevölkerung: Wie sieben Milliarden Menschen satt werden