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10. Januar 2013, 17:58 Uhr

Report

Menschen essen so viel Fleisch wie nie

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Der Fleischhunger der Menschheit ist gigantisch. 2012 erreichte er laut einer neuen Studie einen Spitzenwert. Besonders schnell steigt der Konsum von Rind, Schwein und Geflügel in den Entwicklungsländern - und sorgt dort für enorme Probleme.

Fleisch war noch vor nicht allzu langer Zeit ein Luxus-Nahrungsmittel - und das selbst in Industrieländern. Das verwundert kaum angesichts des enormen Aufwands, den seine Herstellung verlangt: Rind, Schwein, Ziege und Geflügel müssen gezüchtet, in Ställen untergebracht und mit enormen Mengen an Futtermitteln ernährt werden, die ihrerseits nach riesigen Ackerflächen und Bewässerung verlangen.

Die globale Landwirtschaft ist eine der größten Belastungen für die Umwelt - wie groß genau, macht der neue "Fleischatlas" jetzt deutlich. Der Report, herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und der Monatszeitung "Le Monde diplomatique", enthält zahlreiche Grafiken und Daten, die sich zu einem teils erschreckenden Bild der globalen Lebensmittelindustrie verdichten.

Nach einer Hochrechnung der Welternährungsorganisation FAO, die sich auch im "Fleischatlas" wiederfindet, wurden 2012 mehr als 300 Millionen Tonnen Fleisch produziert. Der Pro-Kopf-Konsum lag demnach im globalen Mittel bei 42,5 Kilogramm pro Jahr. Zwar gibt es nach wie vor deutliche Unterschiede zwischen Arm und Reich, doch die ärmeren Länder holen schnell auf. Im Jahr 2006 hat ein durchschnittlicher Bewohner eines Entwicklungslands laut FAO 30,7 Kilo Fleisch konsumiert, 2012 waren es bereits 32,7 Kilo - ein Anstieg von fast sieben Prozent. In den Industrieländern ist der Fleischkonsum im gleichen Zeitraum von 81 auf 79 Kilo pro Kopf gesunken.

Deutsche essen durchschnittlich 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr

Die Deutschen liegen mit durchschnittlich 60 Kilo pro Kopf zwar deutlich darunter. Doch das heißt keineswegs, dass ihr Verbrauch gering ist. Laut "Fleischatlas" vertilgen die Bundesbürger pro Kopf viermal so viel Fleisch wie noch Mitte des 19. Jahrhunderts - und doppelt so viel wie vor 100 Jahren. Heute essen 85 Prozent der Menschen in Deutschland täglich oder nahezu täglich Fleisch. Männer essen mehr als Frauen, und die jungen Männer zwischen 19 und 24 Jahren wiederum sind die größten Fleischesser.

Das Problem: Teile der Produktion - und damit auch die mit ihr verbundene Umweltzerstörung - lagern die Deutschen in ferne Länder aus. Das bleibt dort nicht ohne Folgen. So werden zur Herstellung eines einzigen Kilogramms Schweinefleisch etwa 10.000 Liter Wasser benötigt, für Rindfleisch sogar rund 15.000 Liter. Gleichzeitig haben weltweit 1,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.

In manchen Ländern werden im großen Stil Wälder abgeholzt, um Tiere weiden zu lassen und Ackerflächen für die Produktion von Viehfutter zu gewinnen. Ein Drittel der globalen Agrarflächen sei für die Futterproduktion belegt, sagte Barbara Unmüßig, Vorstand der Böll-Stiftung. In Argentinien oder Brasilien müssten Kleinbauern dem Anbau von Soja weichen, so Unmüßig. "Wir essen auch auf Kosten der Menschen in der Dritten Welt." Nach China sei Europa mittlerweile der größte Importeur von Soja, vor allem aus Argentinien und Brasilien.

Umweltbelastungen durch Fleischproduktion

Auch für die Industrieländer ist die Fleischherstellung eine Belastung: Pflanzenarten gehen verloren, das Grundwasser wird mit Dünger, Unkraut- und Insektenvernichtungsmitteln verschmutzt, in Großställen werden massiv Antibiotika eingesetzt. "Neben der Energiewende brauchen wir eine überfällige Agrarwende", sagte BUND-Chef Hubert Weiger. Er warf Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) vor, das Einleiten von Veränderungen versäumt zu haben. "Es werden weiter neue Mega-Ställe gebaut, deren Förderung Fleisch beim Discounter scheinbar billig macht." Das Ministerium wies die Kritik zurück. Deutschland unterstütze bei der EU etwa klar das Ziel von mehr Umweltleistungen der Landwirtschaft.

Scheinbar billiges Fleisch sei tatsächlich das teurere, sagte Weiger. Der Verbraucher müsse dreimal zahlen: "Einmal beim Kauf des Fleisches, dann mit Steuergeld für neue Ställe und Schlachthöfe und drittens für die Umwelt- und Gesundheitsschäden." Es müsse in diesem Jahr zu einer echten ökologischen und sozialen Reform der europäischen Agrarpolitik kommen, so dass Subventionen an strenge Umwelt- und Tierschutzauflagen gebunden werden.

An mancher Stelle schießen die Herausgeber des "Fleischatlas" allerdings auch übers Ziel hinaus. So rechnet der BUND vor, dass in Deutschland geschätzte 170 Milligramm Antibiotika pro Kilo erzeugtem Fleisch eingesetzt werden, was einer der höchsten Werte weltweit sei. Das Ergebnis sei die Zunahme von Antibiotika-Resistenzen, an denen europaweit jedes Jahr rund 25.000 Menschen stürben. Zwar ist der Antibiotika-Einsatz im Stall keineswegs wünschenswert. Aber dass die dort entstehenden Keime Todesfälle unter Menschen auslösen - geschweige denn Tausende pro Jahr umbringen - halten die meisten Experten für höchst unwahrscheinlich. Denn beachtet man einfache Regeln der Küchenhygiene und erhitzt das Fleisch, ist die Gefahr durch Keime gering.

Ohnehin könnten die Zeiten des billigen Steaks bald vorbei sein. Denn nicht nur der Appetit der Menschheit auf Fleisch, sondern auch die Weltbevölkerung selbst wächst - am schnellsten ausgerechnet in jenen Entwicklungsländern, deren Bewohner sich zunehmend von Fleisch ernähren. In Zukunft, rechneten Fachleute jüngst vor, könnte das Schnitzel deshalb wieder zum Luxusgut werden.

Mit Material von dpa und dapd

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