Report: Menschen essen so viel Fleisch wie nie

Von Markus Becker

Der Fleischhunger der Menschheit ist gigantisch. 2012 erreichte er laut einer neuen Studie einen Spitzenwert. Besonders schnell steigt der Konsum von Rind, Schwein und Geflügel in den Entwicklungsländern - und sorgt dort für enorme Probleme.

Schlachterei in China: Fleisch wird in Schwellenländern immer beliebter Zur Großansicht
REUTERS

Schlachterei in China: Fleisch wird in Schwellenländern immer beliebter

Fleisch war noch vor nicht allzu langer Zeit ein Luxus-Nahrungsmittel - und das selbst in Industrieländern. Das verwundert kaum angesichts des enormen Aufwands, den seine Herstellung verlangt: Rind, Schwein, Ziege und Geflügel müssen gezüchtet, in Ställen untergebracht und mit enormen Mengen an Futtermitteln ernährt werden, die ihrerseits nach riesigen Ackerflächen und Bewässerung verlangen.

Die globale Landwirtschaft ist eine der größten Belastungen für die Umwelt - wie groß genau, macht der neue "Fleischatlas" jetzt deutlich. Der Report, herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und der Monatszeitung "Le Monde diplomatique", enthält zahlreiche Grafiken und Daten, die sich zu einem teils erschreckenden Bild der globalen Lebensmittelindustrie verdichten.

Nach einer Hochrechnung der Welternährungsorganisation FAO, die sich auch im "Fleischatlas" wiederfindet, wurden 2012 mehr als 300 Millionen Tonnen Fleisch produziert. Der Pro-Kopf-Konsum lag demnach im globalen Mittel bei 42,5 Kilogramm pro Jahr. Zwar gibt es nach wie vor deutliche Unterschiede zwischen Arm und Reich, doch die ärmeren Länder holen schnell auf. Im Jahr 2006 hat ein durchschnittlicher Bewohner eines Entwicklungslands laut FAO 30,7 Kilo Fleisch konsumiert, 2012 waren es bereits 32,7 Kilo - ein Anstieg von fast sieben Prozent. In den Industrieländern ist der Fleischkonsum im gleichen Zeitraum von 81 auf 79 Kilo pro Kopf gesunken.

Deutsche essen durchschnittlich 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr

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Fleischatlas: Was die Welt auf dem Teller hat
Die Deutschen liegen mit durchschnittlich 60 Kilo pro Kopf zwar deutlich darunter. Doch das heißt keineswegs, dass ihr Verbrauch gering ist. Laut "Fleischatlas" vertilgen die Bundesbürger pro Kopf viermal so viel Fleisch wie noch Mitte des 19. Jahrhunderts - und doppelt so viel wie vor 100 Jahren. Heute essen 85 Prozent der Menschen in Deutschland täglich oder nahezu täglich Fleisch. Männer essen mehr als Frauen, und die jungen Männer zwischen 19 und 24 Jahren wiederum sind die größten Fleischesser.

Das Problem: Teile der Produktion - und damit auch die mit ihr verbundene Umweltzerstörung - lagern die Deutschen in ferne Länder aus. Das bleibt dort nicht ohne Folgen. So werden zur Herstellung eines einzigen Kilogramms Schweinefleisch etwa 10.000 Liter Wasser benötigt, für Rindfleisch sogar rund 15.000 Liter. Gleichzeitig haben weltweit 1,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.

In manchen Ländern werden im großen Stil Wälder abgeholzt, um Tiere weiden zu lassen und Ackerflächen für die Produktion von Viehfutter zu gewinnen. Ein Drittel der globalen Agrarflächen sei für die Futterproduktion belegt, sagte Barbara Unmüßig, Vorstand der Böll-Stiftung. In Argentinien oder Brasilien müssten Kleinbauern dem Anbau von Soja weichen, so Unmüßig. "Wir essen auch auf Kosten der Menschen in der Dritten Welt." Nach China sei Europa mittlerweile der größte Importeur von Soja, vor allem aus Argentinien und Brasilien.

Umweltbelastungen durch Fleischproduktion

Auch für die Industrieländer ist die Fleischherstellung eine Belastung: Pflanzenarten gehen verloren, das Grundwasser wird mit Dünger, Unkraut- und Insektenvernichtungsmitteln verschmutzt, in Großställen werden massiv Antibiotika eingesetzt. "Neben der Energiewende brauchen wir eine überfällige Agrarwende", sagte BUND-Chef Hubert Weiger. Er warf Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) vor, das Einleiten von Veränderungen versäumt zu haben. "Es werden weiter neue Mega-Ställe gebaut, deren Förderung Fleisch beim Discounter scheinbar billig macht." Das Ministerium wies die Kritik zurück. Deutschland unterstütze bei der EU etwa klar das Ziel von mehr Umweltleistungen der Landwirtschaft.

Scheinbar billiges Fleisch sei tatsächlich das teurere, sagte Weiger. Der Verbraucher müsse dreimal zahlen: "Einmal beim Kauf des Fleisches, dann mit Steuergeld für neue Ställe und Schlachthöfe und drittens für die Umwelt- und Gesundheitsschäden." Es müsse in diesem Jahr zu einer echten ökologischen und sozialen Reform der europäischen Agrarpolitik kommen, so dass Subventionen an strenge Umwelt- und Tierschutzauflagen gebunden werden.

An mancher Stelle schießen die Herausgeber des "Fleischatlas" allerdings auch übers Ziel hinaus. So rechnet der BUND vor, dass in Deutschland geschätzte 170 Milligramm Antibiotika pro Kilo erzeugtem Fleisch eingesetzt werden, was einer der höchsten Werte weltweit sei. Das Ergebnis sei die Zunahme von Antibiotika-Resistenzen, an denen europaweit jedes Jahr rund 25.000 Menschen stürben. Zwar ist der Antibiotika-Einsatz im Stall keineswegs wünschenswert. Aber dass die dort entstehenden Keime Todesfälle unter Menschen auslösen - geschweige denn Tausende pro Jahr umbringen - halten die meisten Experten für höchst unwahrscheinlich. Denn beachtet man einfache Regeln der Küchenhygiene und erhitzt das Fleisch, ist die Gefahr durch Keime gering.

Ohnehin könnten die Zeiten des billigen Steaks bald vorbei sein. Denn nicht nur der Appetit der Menschheit auf Fleisch, sondern auch die Weltbevölkerung selbst wächst - am schnellsten ausgerechnet in jenen Entwicklungsländern, deren Bewohner sich zunehmend von Fleisch ernähren. In Zukunft, rechneten Fachleute jüngst vor, könnte das Schnitzel deshalb wieder zum Luxusgut werden.

Mit Material von dpa und dapd

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insgesamt 282 Beiträge
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1. Lebewesen, die durch Blätter atmen
level 10.01.2013
Und was ist mit Pflanzen? Auch eine bedauernswerte Gattung Lebewesen ... bei Tierprodukten kann man teilweise bnoch wählen, ob die Tiere im Stall vegetierten oder frei herumlaufen durften - auch wenn es teuer wird, aber was ist bei Pflanzen und deren artgerechter Haltung???
2. Einfach Lösung..
spon_2117689 10.01.2013
Wie wäre es wen der Staat die Förderung in der Fleischproduktion und Biosprit auf Gemüse umlegt? Ich finde Obst und Gemüse, besonders Bio (alles andere schmeckt ja nicht) viel zu teuer, man könnte viele Felder nutzen und dazu noch was für die Gesundheit machen. Also anstatt 3 Euro für eine Zuccini, halt 50 cent und Fleisch dafür teurer, besonders das aus Hünnerfarmen.
3. Falsch!
8054056 10.01.2013
"Aber dass die dort entstehenden Keime Todesfälle unter Menschen auslösen - geschweige denn Tausende pro Jahr umbringen - halten die meisten Experten für höchst unwahrscheinlich. Denn beachtet man einfache Regeln der Küchenhygiene und erhitzt das Fleisch, ist die Gefahr durch Keime gering." Ähm, nein, Herr Becker, da haben Sie etwas falsch verstanden. Es geht nicht um die im Fleisch enthaltenen "Keime", also Bakterien, gegen die die einfachen Regeln der Küchenhygiene gewiss hülfen, sondern um die Antibiotika-resistenten Bakterien außerhalb des Küchenkosmos, also in Krankenhäusern beispielsweise. Das Stichwort MRSA sollte da genügen. Im übrigen ist die Angabe, dass jährlich etwa 50.000 Europäer an den Folgen (multi-)resistenter Bakterien sterben, korrekt. Siehe Antibiotikum-Resistenz (http://de.wikipedia.org/wiki/Antibiotikum-Resistenz#Einsatz_in_der_Viehzucht) bzw. Mediziner warnen vor "Post-Antibiotika-Zeitalter" | heise online (http://www.heise.de/newsticker/meldung/Mediziner-warnen-vor-Post-Antibiotika-Zeitalter-163756.html) . Fazit: Weniger und dafür qualitativ hochwertiges Bio-Fleisch ist mehr.
4. zuviele Fehler
capone007 10.01.2013
mag ja alles richtig sein, aber: wir essen auf kosten der 3. Welt. Ich mag den Begriff schon nicht, doch dann wird arg und bra angeführt - beides wahrlich keine 3. Welt Länder und selbst extreme Fleischfresser!
5. Denkfehler
zampanist 10.01.2013
Das Problem mit den Antibiotika lässt sich doch nicht durch "Küchenhygiene" und Erhitzen des Fleisches lösen - es geht doch um die Resistenzen, die sich bei den Keimen bilden! Die müssten dann überhaupt nicht per Fleischverzehr aufgenommen werden, die bilden dann eine omnipräsente Gefahr.
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