Flokati-Federn Raubsaurier im Schafsfell

Forscher der Universität Bristol behaupten, die bisher naturgetreueste Darstellung eines gefiederten Raubsauriers produziert zu haben. Sieht so aus, als hätten manche eine Art Pelz getragen.

Rebecca Gelernter

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Seit rund 25 Jahren wächst immer mehr Raubsauriern ein Gefieder. Sozusagen. Neue Fossilfunde und neue Methoden brachten die Erkenntnis, dass die vor 66 Millionen Jahren ausgestorbenen Tiere eben nicht wie Godzilla mit grünlicher Echsenhaut über die Steppen streiften - sondern oft mit einem dichten Federkleid bedeckt waren.

An den Darstellungen solcher Killer-Hühnchen mit Reißzähnen und fürchterlichen Klauen scheiden sich die Geister. Manch Dino-Fan findet sie nicht beängstigend genug, während Vogelkundige bemängeln, zu oft sähen die Federbestien aus, als hätte man einem Brathuhn Federn angeklebt: Bei Vögeln liegen die Federn nicht am Körper an, sondern geben dem Tier ein aufgeplustertes Aussehen, dass die darunterliegenden Körperformen zum Teil kaschiert.

Und das, behaupten Forscher der Universität Bristol, war zumindest bei einigen gefiederten Raubsauriern nicht anders. In der kommenden Ausgabe der Fachzeitschrift "Palaeontology" stellen Evan Saitta und Jakob Vinther eine neue, künstlerische Rekonstruktion des jurassischen Klein-Raubsauriers Anchiornis vor, die sie mit der Paläo-Illustratorin Rebecca Gelernter erarbeitet haben. Zugrunde liegen neue Untersuchungen über die Körperbefiederung von Anchiornis.

Wie bei Vögeln, den bis heute überlebenden Abkömmlingen der Raubsaurier, fand man auch bei fossilen Theropoden verschiedene Typen von Federn. Manche haben noch eine haarartige Struktur ohne mittigen Federkiel und erinnern an Daunen, andere sind Konturfedern wie beim Deckgefieder heutiger Vögel oder Schwungfedern, die den Flug ermöglichen.

Auch der rund 160 Millionen Jahre alte Anchiornis verfügte in seinem Gefieder über verschiedene, zweckgebundene Federn. An Armen, Beinen und Schwanz fanden sich starke Konturfedern mit Kiel, die dem Tier wahrscheinlich vor allem einen langen Gleitflug mit vier Flügeln und Steuerfläche ermöglichten.

Am Körper aber, behaupten Saitta und Vinther, trug Anchiornis eine Art Mittending zwischen Daune und Formfeder: Eine Feder mit verkürztem Kiel, die sich wie eine kleine Palme auffiederte. Den Effekt rekonstruierten Paläontologen und Künstlerin als eine Körperfeder, die optisch wie ein Schaf- oder Flokatifell gewirkt haben mag: fluffig.

Woher weiß man das - und warum erst jetzt?

Dass Dinosaurier und Vögel direkt und eng verwandt sind, ahnte schon Charles Darwin. Die ersten Archaeopteryx-Funde bei Solnhofen bestätigten schon 1860, dass auch Tiere, die offensichtlich noch Dinosaurier waren, ein Gefieder hatten und fliegen konnten. Lange behandelte man den "Urvogel" aber als "missing link" - ein Zwischending, dem man quasi eine Sonderstellung zuwies. Dass es unter den Raubsauriern zahlreiche gefiederte Gattungen gegeben haben könnte, erkannte man lange nicht.

Erst neue Fundstätten und neue, moderne Methoden machten es Ende der Neunzigerjahre möglich, in immer mehr versteinerten Fossilien Gefieder oder Behaarungen nachzuweisen. Seitdem verändert sich das Bild vom Dinosaurier so rapide wie fortlaufend. Vögel werden heute als die Gruppe der Raubsaurier gesehen, die die große Katastrophe überlebten und sich über fast 200 Millionen Jahre zur heutigen Vogelvielfalt weiterentwickelten.

Anchiornis ist für all das fast so etwas wie ein Paradebeispiel. Die Spezies wurde erst 2009 entdeckt und sofort als gefiedert erkannt. Reißzähne, Klauen und Schwanz weisen ihn klar als kleinen Raubsaurier aus. Doch würden wir ihn heute in einem Baum entdecken, verbuchten wir ihn wahrscheinlich nur als seltsamen Vogel.

Denn bei kaum einem gefiederten Raubsaurier weiß man mehr über das Aussehen der Tiere. Untersuchungen auf molekularer Ebene machten es möglich, sogar die Farben seines Gefieders zu rekonstruieren: Der Körper war grau gefiedert, auf dem Kopf leuchtete rotbraun eine Art Irokesen-Kamm, und die Schwingen waren schwarz-weiß gemustert.

Dass Anchiornis nun als Flokati-Saurier rekonstruiert werden konnte, verdanken wir einem Glückfall. Bei eingehender Analyse der Matrix - so nennt man das umliegende Gestein, in das ein Fossil eingebettet liegt - fand man bei einem Fossil Federn, die vom Körper getrennt fossilisiert wurden. Erst das machte es möglich, die Struktur einzelner Federn zu erkennen. Es machte Anchiornis zum Räuber im Schafspelz.



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