Flugsaurier-Fund Ein sensationeller Haufen Eier

Flugsaurier zählen zu den rätselhaftesten Wesen der Erdgeschichte. Ein spektakulärer Massenfund wirft nun Fragen auf: Waren die Jungtiere flugunfähig - und Flugsaurier die ersten Helikopter-Eltern?

Chuang Zhao

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Ein chinesisch-brasilianisches Forscherteam stellt in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Science" eine kurze Studie vor, die Teile des wissenschaftlichen Konsenses über Leben und Verhalten von Flugsauriern in Frage stellt. Xiaolin Wang und Alexander Kellner, beide ausgewiesene Pterosaurier-Experten, sicherten in der Turpan-Senke im nordwestlichen China einen Fund, der mindestens 215, möglicherweise sogar 300 Eier der Flugsaurier-Spezies Hamipterus tianshanensis enthält.

In 16 nicht nur als Abdruck, sondern sogar dreidimensional erhaltenen Eiern konnten embryonale Knochen identifiziert werden. Wie ungewöhnlich das ist, begreift man erst, wenn man weiß, wie viele solche Funde es vorher gab: Das erste Ei wurde erst 2004 gefunden, fast 225 Jahre nach den ersten Knochen. Bis 2011 fand man nur exakt sechs Flugechsen-Eier.

Der Fund: Einzigartig

Deshalb verspricht der Fund einen wahren Erkenntnisschub. Frische Informationen kann die Forschung in Sachen Flugsaurier auch gut gebrauchen.

Denn man kennt heute zwar rund 220 Gattungen mit teils mehreren Arten. Trotzdem ist über diese vor 66 Millionen Jahren ausgestorbenen Tiere verblüffend wenig bekannt: Flugsaurier waren Tiere von beispielloser Seltsam- und Widersprüchlichkeit.

Nichts, was heute lebt, ähnelte diesen Tieren:

  • manche waren winzig, die größten aber so groß wie Giraffen;
  • Ihre Hinterbeine waren stark, ihre Arme dagegen dürr und bizarr verlängert: Zwischen dem Leib und dem äußersten, dünnen Fingerknochen spannte sich wie bei Fledermäusen eine Haut zum Flügel;
  • wenn sie am Boden liefen, dann entweder zweibeinig oder - häufiger - auf allen Vieren: vorn stützten sie sich auf ihre dreikrallige, mit der Flügelmembram verwachsene Rest-Hand, während sie den vierten, extrem verlängerten Finger mit der Flughaut wie ein Segel in die Höhe gereckt an den Körper klappten und falteten;
  • Computersimulationen zeigen, dass sie sich mit Vorder- und Hintergliedmaßen zugleich in die Luft katapultiert haben müssen, wo sie erst im Sprung die Schwingen ausbreiteten;

Viele waren offenbar behaart: Ein Zeichen für Warmblütigkeit? Zugleich aber legten sie ledrige, offenbar weitgehend weiche Eier. Solche Eier haben heute Tiere, die ihre Brut im Boden vergraben und auf sich allein gestellt schlüpfen lassen. Im Widerspruch dazu steht, dass zumindest einige Arten offenbar in großen Kolonien lebten - so, wie viele heutige Seevögel.

Das sind eine Menge Aspekte, die nicht so recht zueinander passen. Bebrütete Eier haben feste Schalen, damit sie nicht zerquetscht werden. Weiche Eier werden dagegen in einer schützenden Schicht vergraben - Sand oder Pflanzenteile, die über ihre Verrottung Wärme produzieren. Solche Eier brauchen zudem Feuchtigkeit, um nicht auszutrocknen. Tatsächlich zeigen alle bisher gefundenen Flugsaurier-Eier Verformungen, die auf Dehydrierung hinweisen.

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Pterosaurier: Die ersten Brutpfleger?

Eine Kolonie von Betreuungs-Bedürftigen?

Die Überreste wurden in Schichten liegend gefunden und repräsentieren ganz unterschiedliche Entwicklungsgrade. Zwischen den Eiern fanden sich Knochen geschlüpfter Flugsaurier verschiedenen Alters. Die Forscher gehen davon aus, dass diese Überreste nach schlimmen Unwettern aus einer Nistkolonie weggeschwemmt wurden und sich am Grund eines Gewässers sammelten.

Zeigt das, dass hier Junge gepflegt und gefüttert wurden? Bisher ging man davon aus, dass Flugsaurier Nestflüchter und Selbstversorger waren - eine These, die unter anderem auch Wang und Kellner vertraten.

Die stellen sie nun selbst in Frage, und das liegt vor allem an den Knochen, die sie fanden.

Wang und Kellners neue These: Stoff für Debatten

Die Beinknochen, die sie da fanden, waren zwar schon weit entwickelt, die Flügel aber weit weniger "fertig": Im Laufe der Entwicklung verknöchern anfänglich als Knorpelgewebe angelegte Strukturen durch Einlagerung von Kalk zu den harten Gebilden, die wir als Knochen kennen. Bei Embryonen wie Jungtieren fanden Wang und Kellner nun viel Knorpel, aber wenig Knochen. Sie glauben deshalb, dass die Küken von Hamipterus nicht flugfähig waren und von ihren Eltern möglicherweise über längere Zeit beschützt und gefüttert werden mussten.

SPIEGEL ONLINE fragte Mark Witton, wie Wang und Kellner renommierter Pterosaurier-Experte, von der Universität Portsmouth nach seiner Einschätzung dieser These. Witton hält es für vorschnell, aus dem vermeintlich unfertigen Flügel-Aufbau auf eine Flugunfähigkeit der geschlüpften Tiere zu schließen.

"Wir wissen, dass Teile der Pterosaurier-Flügel erst spät kalzifizierten", schrieb uns Witton nach Lesen der Wang-Studie. "Ihre Brustbeine, an denen starke Muskeln befestigt waren, waren vor allem aus Knorpel gemacht, bis sie mehrere Jahre alt waren, genauso wie die Enden der Flügelknochen. Man muss dabei bedenken, dass diese Tiere beim Schlüpfen nur 15-20 Gramm wogen, und ihre Flugmuskelmasse es auf vielleicht 4-5 Gramm brachte. So eine Muskelmasse braucht keine durch und durch verknöcherte Herkules-Schulter - Knorpel würde da durchaus genügen."

In der wissenschaftlichen Debatte um die Fragen, die Wangs und Kellners Studie aufwirft, wird Witton in dieser Hinsicht eine Gegenposition beziehen. Erst im September kündigte er über das Fach-Portal Peerj die baldige Veröffentlichung einer Studie an, die Wangs Schlüssen diametral entgegenstehen.

Witton und seine Kollegen Elizabeth Martin-Silverstone und Darren Naish untersuchten die Flügelentwicklung der Pterosaurier Pterodaustro guinazui und Sinopterus dongi. Ihr vorläufiger Schluss: Frisch geschlüpfte Flugsaurier der von ihrem Team untersuchten Arten waren sofort flügge - und möglicherweise sogar wendigere Luft-Akrobaten als die Alttiere.

Witton: "Das letzte Wort über die Flugfähigkeiten von jungen Pterosauriern ist noch nicht gesprochen."

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