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30. September 2009, 15:04 Uhr

Flutwelle auf Samoa

Tsunami-Warnung kam für viele zu spät

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Im Pazifik ist ein hochmodernes Tsunami-Warnsystem installiert. Es funktionierte perfekt - trotzdem tötete die Flutwelle auf den Samoa-Inseln mehr als hundert Menschen. Das tragische Ereignis zeigt: Nicht jedes Opfer lässt sich mit Hightech vermeiden.

Kurz nachdem die Telefone piepten, kam bereits die erste Wasserwand. Zum Teil waren die Wellen vier bis sechs Meter hoch, die über die Samoa-Inseln hereinbrachen. Zwar waren Bürgermeister und Hotelchefs zuvor per SMS gewarnt worden, doch weil der Meeresboden so dicht bei den Inseln bebte, blieben gerade einmal 15 Minuten Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Auch eindringliche Hinweise im Radio konnten vielen Menschen nicht mehr rechtzeitig helfen. "Die Warnung kam eigentlich zu spät", beklagte Arne Schreiber, der deutsche Honorarkonsul auf den Inseln, anschließend.

Eine Einschätzung, die man angesichts von wohl mehr als hundert Todesopfern nachvollziehen kann. Andererseits zeigen die Ereignisse der vergangenen Stunden auch, dass die Informationsweitergabe zu Monsterwellen im Pazifik-Raum mittlerweile recht gut funktioniert. Nach dem Beben bei Samoa wurde für den gesamten Pazifikraum eine Tsunami-Warnung ausgegeben, die wenige Stunden später allerdings wieder aufgehoben wurde. Bis dahin arbeitete die Katastrophenschutz-Maschinerie aber auf Hochtouren, zum Beispiel in Neuseeland und auf Hawaii. Und auch als wenige Stunden später, am Mittwochmittag, die Erde im Westen Indonesiens bebte, gab es binnen kürzester Zeit einen Warnhinweis.

"Das pazifische Warnsystem hat eine lange Tradition und ist stetig verbessert worden", sagt der Seismologe Rainer Kind vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das erste Beben habe sich schlicht zu nahe an den Samoa-Inseln ereignet, um alle Menschen in Sicherheit zu bringen. Die Vorwarnzeit konnte gar nicht länger ausfallen - kein Vergleich zu den 40 Minuten und mehr, die im Jahr 2004 ungenutzt verstrichen. Damals hatte ein Tsunami rund um den Indischen Ozean für Verwüstungen gesorgt. Viele Menschen waren auch deswegen gestorben, weil es kaum Vorwarnungen gegeben hatte.

Erstes Warnzentrum im Pazifik schon 1949 eingerichtet

Herzstück des Warnsystems im Pazifik ist eine Zentrale der US-Wetterbehörde NOAA in Ewa Beach auf Hawaii. Das Pacific Tsunami Warning Center (PTWC) wurde 1949 eingerichtet, drei Jahre nachdem ein Erdbeben nahe der Aleuten einen schweren Tsunami ausgelöst hatte. 165 Menschen in Hawaii und Alaska waren damals gestorben. Die Geophysiker in der hawaiianischen Warnzentrale und ihrem Schwester-Zentrum in Palmer (US-Bundesstaat Alaska) brauchen für eine Vorhersage mit ihrem Computermodell folgende Angaben:

Tsunamis können in fast allen Meeren der Welt auftreten. Allerdings kann nur ein besonders starkes Beben überhaupt die gigantischen Wellen auslösen, weil sich nur in diesem Fall der Meeresboden genügend stark hebt und senkt. Nur dann kann genug Energie auf die Wassersäule übergehen, wodurch der Pegel an der Oberfläche punktuell minimal steigt. Lange Zeit war allerdings nur schwer zu sagen, wie stark diese Bewegung jeweils ausfällt. Doch seit einiger Zeit helfen spezielle Bojen ("Deep-Ocean Assessment and Reporting of Tsunamis", kurz: Dart), diese Daten zu sammeln. Sie sind am Ozeanboden verankert, messen mit Drucksensoren die Veränderungen in der Wassersäule - und melden sie dann über Funk weiter.

Das Problem: Auf dem offenen Ozean kommen die verheerenden Wellen recht unscheinbar daher. Beim aktuellen Beben nahe Samoa hob und senkte sich das Wasser um zehn bis 20 Zentimeter, beim Beben im indischen Ozean waren es 70 bis 80 Zentimeter. Man könnte denken, dass die Warnbojen Mühe haben müssten, die Veränderungen überhaupt von normalem Wellengang oder dem Wechsel der Gezeiten zu unterscheiden. Doch die Tsunami-Wellen haben ganz besondere Eigenschaften. Während bei Wind Wellenlängen von bis zu hundert Metern auftauchen, sind es beim Tsunami bis zu 200 Kilometer. Erst in Küstennähe nehmen die Wellenlängen auf 15 bis 20 Kilometer ab. "Das lässt sich leicht erkennen", sagt Geoforscher Kind.

Tsunami-Wellen bewegen sich beinahe mit der Geschwindigkeit eines Düsenflugzeugs durch den Ozean. Auch das Beben vor Samoa belegte das eindrucksvoll: Die 7.600 Kilometer bis zur japanischen Insel Hachijojima, wo der japanische Wetterdienst noch einen sehr schwachen Tsunami beobachtete, legten die Wellen in rund zehn Stunden zurück. Auch wegen der hohen Geschwindigkeit - der genaue Wert ist abhängig von der Wassertiefe - ist eine Warnung für Menschen, die in der Nähe des Epizentrums leben, sehr schwierig.

Vor dem verheerenden Beben des Jahres 2004 hatte das PTWC noch nicht mal ein halbes Dutzend Messbojen, mittlerweile sind es über 30. "Die Katastrophe hat einen enormen Schub bei Forschung und politischer Hilfestellung gebracht", sagt Forscher Kind. Fast 30 Millionen Euro hat sich die US-Regierung die neuen Dart-Messbojen kosten lassen. Sie müssen im Übrigen jedes Jahr ersetzt werden, die Drucksensoren alle zwei Jahre.

Nicht jedes Opfer wird sich mit technischen Maßnahmen vermeiden lassen, Schäden an Gebäude und Infrastruktur schon gar nicht. Im Indischen Ozean, wo es bis zum Tsunami von 2004 gar kein Warnsystem gab, hat sich immerhin einiges getan: Vor allem mit deutscher Hilfe wurde dort in den vergangenen Jahren mit Millionenaufwand ein Warnsystem aufgebaut. Die dabei eingesetzten mehr als 20 Bojen verfügen nicht nur über Druckmesser wie die Dart-Variante aus den USA, sondern auch noch über GPS-Messungen.

Gleichzeitig zeigt das System im Indischen Ozean auch, dass Hightech nicht alles ist. Denn weit schwieriger als die Installation von Bojen und Messgeräten stellte sich das Anbringen von Sirenen heraus. Im schlechtesten Fall erfahren so zwar die Behörden von herannahender Gefahr, die Menschen in der durch Tsunamis gefährdeten Region aber nicht. Auch das Training der Katastrophenschützer lässt vielerorts noch zu wünschen übrig.

Und so klingt Wissenschaftler Rainer Kind einigermaßen erleichtert, als er nach dem Beben von Indonesien am Mittwochmittag verkünden kann: "Unsere Experten haben an den Messdaten der Bojen keinen Tsunami beobachtet." Der Ernstfall ist also zumindest hier noch einmal verschoben.

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