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Folgen der Aschewolke: Blutregen aus der Hexenküche

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Die Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull schiebt sich über Norddeutschland. Geologen erwarten sogenannten Blutregen und beeindruckende Sonnenuntergänge - doch auch schwererwiegende Folgen lassen sich nicht ausschließen.

AP

Es wird diesig über Norddeutschland. Die Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull schiebt sich über die Region. Nicht nur der Flugverkehr bekommt die Folgen des Ausbruchs zu spüren, auch Wetter und Klima könnten sich vorübergehend ändern. Im Norden dürfte der Himmel in den nächsten Tagen milchig schimmern.

Der Staubschleier könnte Nordeuropa auf Monate hinaus leicht abkühlen. Vergleichbare Ausbrüche zeigen, dass eine Absenkung der Durchschnittstemperatur um wenige Zehntelgrad möglich wäre - im Klartext: Es könnte mehr kühle Frühlingstage geben, sofern der Eyjafjallajökull viel Gas in große Höhe pustet.

Die Aschewolke könnte Sonnenuntergänge tiefrot färben. Mancherorts ist sogenannter Blutregen zu erwarten: Rostfarbene Staubpartikel schweben herab und schimmern auf Autodächern - ein Gruß aus der vulkanischen Hexenküche im Untergrund Islands.

Die Vulkaninsel - so groß wie Bayern und Baden-Württembergs zusammen - liegt direkt auf der Nahtzone zwischen Amerikanischer und Eurasischer Erdplatte im Atlantik. Mit jedem Lava-Ausbruch rücken beide Kontinente ein wenig weiter auseinander; sie entfernen sich mit einer Geschwindigkeit von mehreren Zentimetern pro Jahr. Würde Kolumbus heute den Atlantik queren, müsste er zwölf Meter weiter segeln als vor 500 Jahren.

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Grafiken und Satellitenbilder: Die Folgen der Vulkan-Eruption

Die ersten Einwanderer Islands im 9. Jahrhundert beschrieben in ihren Mythen eine "Insel aus Feuer und Eis". Ihre rechtsprechende Versammlung tagte bis Ende des 18. Jahrhunderts an einer Lava speienden Erdkrusten-Spalte. Seit der Besiedlung wurden 200 Ausbrüche registriert. Viele sorgten für spektakuläre Dampfexplosionen: tausend Grad heiße Lava, Asche und Gase schmelzen die darüber liegenden Gletscher; oftmals brausten daraufhin gewaltige Sturzbäche zu Tal.

Schon 1783 kam giftige Aschewolke aus Island

Die heutige Vulkanwolke weckt böse Erinnerungen. 1783 trieb aus Island eine riesige Aschewolke nach Europa. Die Wolke mit giftigen Gasen, die der Vulkan Laki ausgestoßen hatte, brachte Tod und Verderben. Auf Island starben 10.000 Menschen, ein Fünftel der Bevölkerung. Hunderttausende Nutztiere verendeten auf den Feldern. Giftiger Dunst hüllte auch den europäischen Kontinent monatelang ein. Menschen litten an Kopfschmerzen, Erbrechen oder Schwindel. Vielerorts verdarb die Ernte. Der Schleier blockierte das Sonnenlicht: Das Klima kühlte sich auf Jahre ab, die Welt-Durchschnittstemperatur sank um mehr als ein Grad.

Risiken von Aschewolken
Mögliche Gefahren für Flugzeuge
• Ausfall der Triebwerke - Partikel können in Verbrennungskammern schmelzen, sich ablagern und die Triebwerke fast zerstören
• Beschädigung von Turbinenblättern und Staudruckrohren
• Verstopfung von Hightech-Sonden der modernen Bordelektronik
• Zerkratzen der Frontscheibe, so dass die Piloten keine Sicht mehr haben

mehr dazu: Gefährliche Aschewolken -: der Alptraum aller Piloten...
Folgen für die Gesundheit
Die isländische Vulkanasche besteht aus feinen Partikeln, die durch feine Zerteilung von Magma entstehen. In Deutschland muss sich Experten zufolge niemand Sorgen machen, denn die Asche ist nur bei sehr hohen Konzentrationen gesundheitsgefährlich - auch nicht für Tiere, Pflanzen und Böden. Sie ist weder radioaktiv noch giftig, sondern besteht zum größten Teil aus Glas.
Solch dramatische Auswirkungen sind aktuell wohl nicht zu befürchten. Gleichwohl ist unklar, welche Ausmaße der Ausbruch des Eyjafjallajökull noch annehmen wird. Mit leichten Erdbeben war der Vulkan im Dezember erwacht. Im März hatte er seine erste Aschesäule gen Himmel geschickt. Wie viel Gase und Asche der Eyjafjallajökull noch nachladen kann, weiß niemand.

Inwieweit er das Klima kurzfristig ändern wird, hängt davon ab, wie viel Schwefeldioxid (SO2) der Berg in hohe Luftschichten schleudert. SO2 verbindet sich mit Wasser letztlich zu Schwefelsäure. Die Säuretröpfchen legen sich als feiner Schleier um den Globus, kühlen die Erde wie ein Sonnenschirm. Erst nach Monaten oder gar Jahren sinken sie zu Boden.

Weltweite Abkühlung nach Eruption

Ab etwa 13 Kilometer Höhe - in der Stratosphäre - ist die Luft trocken. Dort werden Partikel nicht vom Regen ausgewaschen. Etwa alle zwei Jahre steigt die Rauchsäule eines Vulkans so weit hinauf. Aber erst wenn wenigstens drei Millionen Tonnen Gas in die Stratosphäre gelangen, wird das Klima messbar abgekühlt. In den vergangenen 120 Jahren gab es sieben derartige Eruptionen. Jüngst senkte der Ausbruch des philippinischen Vulkans Pinatubo 1991 die Welt-Durchschnittstemperatur in Bodennähe für zwei Jahre um ein halbes Grad, Wetterkapriolen waren die Folge.

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Vulkanausbrüche: Unsichtbare Gefahr aus der Aschewolke
Solchen Ausbrüchen folgen meist malerische Sonnenuntergänge. Die Staubpartikel und Schwefeltröpfchen färben den Himmel rot: Das Licht der auf- und untergehenden Sonne, wird stärker abgelenkt, wenn mehr Staubteilchen in der Luft schweben - es verändert seine Farbe.

Caspar David Friedrich hat auf seinem Gemälde "Schiffe im Hafen von Greifswald" die Folgen einer der gewaltigsten Eruptionen der vergangenen Jahrtausende dokumentiert. Nach dem Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora hing abends oft ein tieforangefarbener Wolkenschleier über der Landschaft. Bald zeigten sich allerdings die dramatischen Auswirkungen der Eruption: Die Welt kühlte sich ab, das Jahr 1816 wurde als "Jahr ohne Sommer" bekannt, Europa erlebte einen außergewöhnlich kalten und regenreichen Sommer mit Missernten, hohen Getreidepreisen und Hungersnöten. Am 28. Juni 1816 notierte Goethe in seinem Tagebuch: "Erster schöner Tag".

Vulkanausbrüche könnten Eiszeit verursachen

Auch kleinere Ausbrüche als der des Tambora können gravierend ins globale Wettergeschehen eingreifen. Studien zeigen, dass das gefürchtete Klimaphänomen El Niño durch Eruptionen ausgelöst werden könnte. Eine drastische Temperaturveränderung im Pazifik sorgt in einigen Weltgegenden für starke Regenunwetter, in anderen für Dürre. Dass der aktuelle Ausbruch in Island solch ernste Folgen haben wird, erscheint allerdings unwahrscheinlich - er liegt zu weit nördlich. Globalen Wettereinfluss haben vor allem Vulkane in den Tropen; ihre Eruptionswolken verteilen sich besser.

Aktuelle Forschungen zeigen allerdings, dass der vulkanische Wolkenschleier auch wärmende Wirkung entfalten kann. Je größer die Tröpfchen sind, desto mehr Wärmestrahlung nehmen sie auf. Es staut sich also Wärme in der Luft. Zudem sorgen Kohlendioxid-Gase aus dem Vulkanschlund für eine leichte Erwärmung.

Doch der Abkühlungseffekt überwiegt. Folgen mehrere Ausbrüche in kurzer Zeit aufeinander, könnte die Erde gar in eine Eiszeit stürzen, haben Geologen von der Universität Mainz herausgefunden. Drei Ausbrüche binnen weniger Jahre von der Stärke der Pinatubo-Eruption könnten ihren Berechnungen zufolge einen Temperatursturz um mehrere Grad verursachen, der für Jahrtausende unumkehrbar wäre.

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Vulkanausbruch in Island: Asche behindert Flugverkehr

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Eyjafjallajökull-Gletscher

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Vulkan Eyjafjallajökul
Der 1666 Meter hohe Vulkan Eyjafjallajökull im Süden Islands liegt großteils unter Eismassen verborgen. Er war bislang weniger aktiv als andere Vulkane Islands. Nur vier Eruptionen wurden seit der Besiedelung Islands dokumentiert. Sie verliefen anscheinend weniger explosiv als die aktuelle Eruption. Der Vulkan verfügt über einen vier Kilometer breiten Krater. Lava und Asche strömen zudem aus Klüften und Spalten, die sich über Dutzende Kilometer erstrecken.

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Michael Martin in Island: Geländewagen-Tour zum Krater
Sperrung des Luftraums
Für eine Sperrung des Luftraums sind die nationalen Verkehrsministerien zuständig - in Deutschland dementsprechend das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS). Über eine etwaige Sperrung wird in enger Absprache mit der Deutschen Flugsicherung (DFS) entschieden.

Die Flugsicherungsbehörde Eurocontrol koordiniert die Flugbewegungen zwischen den verschiedenen europäischen Lufträumen. Ihr Hauptsitz ist in Brüssel, in Deutschland ist die Organisation nur für einen geringen Teil der Flüge im Norden des Landes zuständig. Um die Abstimmung der Flugpläne in Europa kümmert sich die Unterabteilung Central Flow Management Unit (CFMU). Von dort werden die Informationen zu den Fluglotsen an den Flughäfen weitergeleitet.

Infos zum Flugverkehr und Reiseveranstalter
Aktuelle Informationen über Verspätungen und Flugausfälle geben die Flughäfen auf ihren Websites bekannt. Zur aktuellen Lage nach dem isländischen Vulkanausbruch ist eine Hotline der Flughäfen eingerichtet: 0180/5000186

Berliner Flughäfen
Flughafen Bremen
Flughafen Dresden
Flughafen Düsseldorf
Flughafen Erfurt
Flughafen Frankfurt
Flughafen Friedrichshafen
Flughafen Hamburg
Flughafen Hannover
Flughafen Köln/Bonn
Flughafen Leipzig/Halle
Flughafen München
Flughafen Münster/Osnabrück
Flughafen Nürnberg
Flughafen Paderborn
Flughafen Saarbrücken
Flughafen Stuttgart
Aktuelle Informationen über Verspätungen und Flugausfälle geben die Airlines auf diesen Websites bekannt:

Air Berlin: Hotline 0800 5737 8000 Air France
British Airways
Condor
Germanwings
Iberia
Lufthansa: Hotline 0800-8506070
Ryanair
SAS Scandinavian Airlines
Southwest Airlines
Tuifly
United Airlines
Zur aktuellen Lage nach dem isländischen Vulkanausbruch haben die Veranstalter Hotlines eingerichtet:
Tui: 0511-5678 000
FTI: 089-2525 1000
Alltours: 0203-3636360 oder 0203-3636500
Air Berlin: 0800-5737 8000
Dertour, Meier's Weltreisen, ADAC Reisen: 069-9588 2770
ITS, Jahn Reisen, Tjaereborg: 02203-42875
Neckermann Reisen und Thomas Cook Reisen: 06171-6565 190
Bucher Last Minute und Air Marin: 02132-93080
Öger Tours: 01805-35 10 35
Olimar: 0221-20 590 590

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