Folgen der Erderwärmung Forscher fürchten Verlust kompletter Klimazonen

Wird aus den Tropenwäldern Savanne? US-Forscher prophezeien das Aus bestimmter Klimazonen und die Entstehung neuer Klimaregionen durch die globale Erwärmung. Denn Flora und Fauna in den feucht-warmen Regenwäldern vertragen keinen starken Temperaturanstieg.

Von Volker Mrasek


Die tiefen Rottöne sind es, die ins Auge stechen. Auf den Weltkarten der Klimamodellierer signalisieren sie die heftigsten Hitzeschübe auf dem Globus. Je weiter man nach Norden vorstößt, desto stärker ist der Atlas dunkelrot: Die Arktis soll der Klimawandel nach den Prognosen am härtesten treffen - mit regionalen Temperaturzuwächsen von bis zu acht Grad Celsius im Laufe des 21. Jahrhunderts. Die Folgen sind längst beschworen: tauende Dauerfrostböden, schrumpfende Gletscher, der Eisbär und die klassische Jagdkultur der Inuit ohne Zukunft.

Regenwald in Bordeauxrot: Globale Erwärmung schadet hier Flora und Fauna besonders stark
University of Wisconsin / PNAS

Regenwald in Bordeauxrot: Globale Erwärmung schadet hier Flora und Fauna besonders stark

Doch jetzt legt eine aktuelle US-Studie nahe, dass es unklug ist, sich allein auf die Farbenlehre der Klimatologen zu verlassen. Die Arbeit dreier Biologen erscheint in der neuen Ausgabe der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences". Die Autoren rütteln nicht etwa am globalen Muster der mutmaßlichen Erwärmung mit der Arktis als Hot Spot. Doch sie sind davon überzeugt, dass die Klimaerwärmung eine ganz andere Weltregion, von der bisher kaum jemand spricht, viel stärker gefährdet: die Tropen mit ihrem ungeheuren Artenreichtum in den ausgedehnten Regenwäldern Amazoniens und Indonesiens.

Ein Befund, der zunächst verblüfft. Denn in den Gefilden rund um den Äquator soll das Thermometer nach den Klimaprojektionen allenfalls halb so hoch klettern wie in der nördlichen Polarregion. "Doch wenn man eine Welt nimmt und sie aufheizt, dann sind es ihre wärmsten Regionen, die als Erste ins Unbekannte vorstoßen", sagt John Williams, Geograf an der University of Wisconsin und Erstautor der neuen Studie.

Tropen vertragen globale Erwärmung am schlechtesten

"Auf allen Zeitskalen - von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr und selbst von einer Eiszeit zu einer Zwischeneiszeit - sind die natürlichen Temperaturänderungen in den Tropen wesentlich schwächer als in hohen Breiten", so Williams im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Dort lebende Pflanzen- und Tierarten seien folglich nicht auf starke Temperaturzuwächse eingestellt. Wenn man das berücksichtige, dann stelle der Klimawandel Ökosysteme "nicht in hohen, sondern in niedrigen Breiten" vor die größte Herausforderung.

Williams und seine Kollegen schufen so etwas wie einen neuen Risiko-Index für die verschiedenen Klimazonen der Erde. Darin flossen zunächst einmal die von Klimamodellen projizierten Temperatur- und Niederschlagsänderungen gegen Ende des Jahrhunderts ein. Davon zogen die Forscher die natürlichen Schwankungen der unterschiedlichen Regionen ab - in der Arktis zum Beispiel den starken Temperaturwechsel zwischen Sommer und Winter, wie es ihn in Äquatornähe praktisch nicht gibt. "Heraus kam zu unserer großen Überraschung, dass zwei, drei Grad Erwärmung in den Tropen viel bedeutsamer sind als fünf bis acht Grad plus in den hohen Breiten", sagt Geowissenschaftler Williams.

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