Knochensplitter

Raubsaurierfund Das arktische T-Rexilein

Von

Karen Carr

US-Forscher haben einen zwergwüchsigen Vertreter der Tyrannosauriden entdeckt, der vor rund 70 Millionen Jahren am arktischen Nordrand des heutigen Amerika lebte. Für den Zwergwuchs des Tieres könnte es neben extremen Klimabedingungen noch andere Gründe gegeben haben.

Die neu gefundene Art wurde im heutigen Alaska entdeckt, und das war auch in der Kreidezeit von rund 70 Millionen Jahren eine vergleichsweise raue Gegend. Nie zuvor wurde ein Vertreter der Tyrannosauriden in derart nördlichen Breiten gefunden.

Dieim Fachblatt Plos One veröffentlichte Beschreibung der Art beruht auf drei Schädelfragmenten, die die Autoren mit anderen Vertretern der Tyrannosauriden verglichen.

Nanuqsaurus hoglundi, wie Anthony Fiorillo und Ronald S. Tykoski vom texanischen Perot Museum of Nature and Science und ihre Co-Autoren den neuentdeckten Raubsaurier benannten, war dabei kein Zwerg im eigentlichen Sinne. Mit einer geschätzten Schädellänge von 60 bis 70 Zentimetern dürfte er eine Körperlänge um fünf Meter erreicht haben.

Er besaß damit die Maße eines Raubsauriers mittlerer Größe. Typisch für die T-Rex-Verwandten ist allerdings eine weit weniger grazile, viel massigere Proportionierung als bei den flinken "Raptoren". Von analog proportionierten Raubsauriern ausgehend dürfte er wohl ein Gewicht von gut 700 Kilogramm und mehr auf die Waage gebracht haben.

Für einen Tyrannosauriden seiner Zeit war er allerdings wirklich ein Leichtgewicht. Vergleichbare Proportionen hatte beispielsweise der 2001 entdeckte T-Rex-Vorfahr Eotyrannus besessen, der aber rund 60 Millionen Jahre früher lebte. Seitdem hatte es in der Theropoden-Familie, die zum ikonischen T-Rex führen sollte, einen kontinuierlichen und ausgeprägten Trend zum Größenzuwachs gegeben.

Ein Fall von Inselverzwergung?

Die Studienautoren gehen deshalb davon aus, dass Nanuqsaurus das Produkt eines Verzwergungsprozesses war. Biologen kennen das Phänomen als "Inselverzwergung": In eng begrenzten, geografisch abgeschlossenen Biotopen nimmt die Größe von Lebewesen oft ab - so wie beim "deutschen" Mini-Sauropoden Europasaurus oder beim vermeintlichen "Hobbit" Homo floresiensis. Sie vermuten, dass auch bei Nanuqsaurus eine Art Insellage im Verbund mit extremen saisonalen Klimaschwankungen für den Kleinwuchs gesorgt haben könnte.

Nordamerika war in der Kreidezeit in den östlichen Teil Appalachia und den westlichen Teil Laramidia gespalten. Dazwischen lag Salzwasser, denn der Meeresspiegel lag rund 200 Meter höher.

Laramidia lag wie eine schmale, aber extrem lange Insel vor der Küste des östlichen Hauptteils. Es zog sich vom nördlichen heutigen Alaska bis hinab nach Mexiko. Der heute etwa dem Gebiet westlich der Rocky Mountains entsprechende Teil des Kontinents war aber auch geteilt in einen nördlichen und südlichen Teil. Eine Bergkette, die sich in der Kreidezeit bis zu 5000 Meter hoch auftürmte, schuf im Norden Laramidias eine sowohl vom Osten als auch vom Süden abgeschnittene Insellage, in der zahlreiche, ganz eigene Arten entstanden.

Diese vom großen genetischen Pool abgeschnittenen Tiere mussten sich mit einer Umwelt arrangieren, die zwar nicht im heutigen Sinne arktisch, also kalt war, aber durchaus extrem. Im Treibhausklima der Kreidezeit gab es kein ewiges Eis in diesen nördlichen Breiten. Starke saisonale Unterschiede durch die bekannten Tag-Nacht-Extreme der polaren Breiten gab es aber durchaus. Es ist anzunehmen, dass das auch Auswirkungen auf das Nahrungsangebot hatte. Beide Faktoren - Klima und Insellage - sollen zum Zwergenwuchs des Nanuqsauriers beigetragen haben.

Für Liebhaber spitzzahniger Raubsaurier ist der März 2014 ein guter Monat. Wenige Tage bevor nun der kleinste bisher bekannte T-Rex-Verwandte der oberen Kreide bekanntgemacht wurde, stellte man uns Torvosaurus gurneyi, den bisher größten Raubsaurier Europas vor. Bei dem ging es freilich nur um die Umdeutung eines seit längerem bekannten Fundes, aber immerhin.


Eine frühere Version dieses Artikels enthielt einen Fehler: Torvosaurus gurneyi ist natürlich kein direkter Verwandter des T-Rex. Wir bitten, den Lapsus zu entschuldigen.

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2 Leserkommentare
50penny 12.03.2014
joachim_m. 13.03.2014

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