Die Deutschen Polarforscher rekrutierten noch bis vor kurzem ausschließlich Männer für die Expeditionen. Die Antarktis solle ein "frauenfreier, friedlicher weißer Kontinent" bleiben, notierte noch 1968 die Fachzeitschrift "Antarctic". Und dafür hatte man sogar streng biologische Gründe: Denn die Überwinterung dauert gerade so lange, wie es bräuchte, ein Kind zu empfangen und zu gebären.
Russische Überwinterungsstationen sind noch heute Männerbastionen. Auf der deutschen Neumayer-Station gab es in den neunziger Jahren mal eine reine Frauenmannschaft, die durch den polaren Winter hybernierte. Kein gelungenes Experiment, mittlerweile versucht die Institutsleitung in Bremerhaven zur Hälfte Frauen und Männer zu verpflichten.
Satellitentelefone und Internet-Verbindung haben Neumayer mittlerweile auch an den Nachrichtenstrom der jenseitigen Welt angeschlossen. Doch die Verbindung ist schwierig, die Signale herkömmlicher geostationärer Satelliten gelangen nicht an die Pole, außer, diese trudeln auf besonderen Bahnen gen Süden. Daher wird sogar überlegt, ein 2000 Kilometer langes Kabel zu verlegen.
Und dennoch bleibt noch vieles übrig von dem alten Geist der Polarfahrer. Einer, der sich in den Legenden auskennt, ist Uwe Kapieske, der Mannschaftsarzt der Überwinterungsstation. Außerdem ist der Mediziner auch für die Versorgungsfahrten mit der Pistenraupe von der Küste hoch zur Kohnen-Station zuständig. Als Stationsarzt ist er Leiter jedweder Expedition, weil letztlich er über Leben und Tod entscheidet. Auf der Neumayer-Station gibt es einen Raum, der auch als Zelle funktionieren kann. Und einen Raum, in dem eine Leiche aufbewahrt werden kann - was schon einmal notwendig war. Ein Koch hatte Methylalkohol getrunken, aus welchen Gründen auch immer.
Für Kapieske ist das Abenteuer Antarktis auch eine Art Menschenstudie - sich selbst mit eingeschlossen. Gerade ordnet er die Medikamente für die über tausend Kilometer lange Tour hinauf zur Kohnen-Station. "Diese Arzneien hier brauchst du eigentlich fast nie", sagt Kapieske. "Die Leute werden dir nur krank, wenn die Laune nicht stimmt." Wenn Polarfahrer krank werden, dann jene, die die Antarktis zur Flucht aus ihrem bisherigen Leben sehen. "Die Idee ist natürlich verführerisch", sagt Kapieske: die Wildnis, die Einfachheit der Natur, die fast vollständige Abwesenheit von Zivilisations-Stress.
"Wie eine Ameise auf einer Tischdecke"
In der weißen Weite der Antarktis, so Kapieske, fühle man sich "wie eine Ameise auf einer Tischdecke". Die Freiheit sei allerdings zweischneidig. "Wenn in dir nur Leere ist, wirst du sie entdecken - und dann wird es dir schlimm ergehen." An der amerikanischen Südpolstation beschreibt man die Opfer einer solchen Flucht ans Ende der Welt so: "Der ist fertig wie ein Brötchen."
Die Diagnose kann meist schon per Augenschein erfolgen: Der Überwinterer hat den Blick nach innen gerichtet, er ist apathisch. In manchen Stationen veranstalten sie jeden Samstag ein Fest gegen das Abstumpfen. Die Engländer sind darin besonders gewissenhaft. Es herrscht Krawattenzwang. Und wer jemals auf einer Antarktis-Station war, der kennt all die selbst gebastelten Schlipse aus Stoff oder Papier an der Pinnwand.
Gefährdet sind all jene, die mehr als einmal überwintert haben. Dann droht die Verbindung zu Freunden und Verwandten abzureißen. Auch bei Kapieske könnte man an Flucht denken. Nach seinem Medizinstudium geriet er in die Mühlen des Heilbetriebes. Schuften im Operationssaal, dann die Scheidung von seiner Frau. Da habe ihn "nichts mehr gehalten". Seitdem bereist er die Welt: Nepal, Afrika, Peru. "Wenn ich unterwegs bin, dann will ich nicht nur kurz irgendwo hinfliegen, sondern wirklich dort sein."
Die Stellenausschreibung für die Überwinterung kam ihm da wie gerufen. Doch die Antarktis hatte auf ihn eine ganz andere Wirkung als jene ausgebrannten Antarktis-Recken. Nach seiner ersten Überwinterung war klar: Für ihn war es keine Flucht ins nirgendwo, sondern zu sich selbst.
Kapieske zitiert dabei gern aus der Biografie von Richard Byrd, dem Admiral, der später als erster Mensch allein in der Antarktis überwinterte. Byrd berichtet in seinem Buch "Aufbruch ins Eis" über eine Art inneres Gleichgewicht, das er nur in der menschenleeren Antarktis erlangen konnte: "Ein Gefühl, das bis in die Tiefen der menschlichen Verzweiflung vordrang und sie für grundlos befand."
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