Forscher in der Antarktis Flucht zu sich selbst

Wer in der Antarktis forscht, der muss mit sich selbst im Reinen sein. Die karge Landschaft und die extremen Naturgewalten lassen kaum Fluchtwege zu, weder von diesem Ort, noch von der eigenen Psyche. Gerald Traufetter berichtet in "Mekkas der Moderne" über Wissenschaftler an der Grenze.

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Diese Welt besteht nur aus zwei Teilen: aus einem blauen und einem weißen. Der Blaue, das ist der Himmel, in dem eine kalte, weiße Sonne samt vier Nebensonnen steht. Der weiße, das ist jener drei Kilometer hohe Panzer aus Eis. Vor Millionen Jahren hat er sich über die Antarktis gelegt wie ein Panzer, dessen Oberfläche der Wind schorfig geschliffen hat.

Die Dornier-Maschine geht in den Sinkflug, bis ihre Kufen das Weiß berühren. "Das verwirrende ist", so hat der Glaziologe Hubertus Fischer das Team vor dem Abflug gewarnt, "dass einem an diesem Ort die Dimensionen vollkommen abhanden kommen." Der gefrorene Körper dieses Panzers wiegt 27 Billionen Tonnen und enthält ein Geheimnis, das zu entschlüsseln der Grund ist, warum das Flugzeug an diesem unwirtlichen Ort im Auftrag des Bremerhavener Alfred-Wegener-Institutes für Polar- und Meeresforschung (AWI) gelandet ist.

Fischer wuchtet gemeinsam mit Frank Wilhelms und einem halben Dutzend Forschern die Rucksäcke mit ihrer Überlebenskleidung aus der Maschine. Sie springen hinterher und laufen durch die gleißende Landschaft.

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Antarktis: Inbegriff der Unerreichbarkeit
Die ersten Schritte in der Antarktis: So hell, so kalt, so unvergleichlich ist dieser erste Moment, dass der Geist versucht, die Situation zu begreifen. Zunächst einmal ohne Erfolg. Stille überfällt die Wissenschaftler. Die vollkommene Abwesenheit von akustischen Eindrücken lässt das Gehirn aufschreien. Verwirrt, beinahe verzweifelnd sucht es nach den vertrauten Klängen jener Welt, die viele tausend Kilometer entfernt jenseits des großen Meeres und der wilden Stürme liegt.

Kilometerhoher Schnee funktioniert wie ein Archiv

Endlich, ein Geräusch: Die klobigen Schuhe knarzen auf dem Schnee, als würden sie über Styropor laufen. Das Ziel der Polarforscher liegt am Ende eines Parcours aus dünnen Signalstangen mit schwarzen Wimpeln: das Stelzendorf der Kohnen-Station. Sie ist eine Sommerstation des AWI, ein Ableger der Überwinterungsstation Neumayer, über tausend Kilometer von der Küste entfernt.

Geophysiker, Glaziologen, Bohringenieure, Atmosphärenchemiker und Geologen aus Europa und den USA sind Teil eines Tiefbohrprojektes namens Epica. Das European Project for Ice Coring in Antarctica ist der wohl ambitionierteste und logistisch außergewöhnlichste Versuch, die Rätsel der jüngeren Erdgeschichte zu lösen. Über 600.000 Jahre Klimahistorie wollen die Polarforscher rekonstruieren, ein episches Unterfangen.

Sie wollen Temperaturen, Niederschläge, den Wechsel der großen Ozeanströmungen, das Wandern der Kontinente begreifen. Denn der kilometerhohe Schnee ist wie ein Archiv. Eingeschlossen in den Gasbläschen des Eises lauert Luft aus jener vergangenen Zeit, chronologisch in Schichten abgelagert wie in den Ringen eines Baumstamms. Als würde es darauf warten, mit feinsten Messmethoden eines Ionenchromatografen analysiert, gleichsam seines Geheimnisses beraubt zu werden.

Wie eine unterirdische Kathedrale wirkt der Ort, an dem sich der Eisbohrer durch den gefrorenen Untergrund dreht. 15 Meter hoch sind die Eiswände, ausgefräst von Schneeraupen. In der Mitte erhebt sich das Gestänge, an dessen Drahtseil der sich selbst drehende Bohrer hängt. "Das alles hier sind Spezialanfertigungen", sagt Frank Wilhelms, dessen Bartstoppeln mit einer Glasur aus Eis überzogen sind.

Die Temperatur liegt weit unter minus 30 Grad Celsius. Das entspricht ziemlich genau den Durchschnittstemperaturen des antarktischen Winters. Metalle und Plastik werden spröde, Flüssigkeiten zäh wie Karamell. Wer seine Hand in die Bohrflüssigkeit steckt, dem droht sofortiges Abfrieren. Blanke Haut klebt auf Metall. "Wer dran reißt, muss sich schon die Haut abziehen", sagt Wilhelms.

Leben in der Welt der Kristalle

Aus einem Unterstand bedient er den wertvollen Bohrer. Sanft justiert er mit einem Joystick seine Höhe, die Umdrehungen, den Winkel. "Wenn das Ding stecken bleibt und nicht mehr loskommt, dann sind die Forschungsgelder futsch", sagt er. Niemand im Bohrcamp beneidet ihn um seine Verantwortung.

Die meisten seiner Kollegen waren schon öfter hier. Sepp Kipfstuhl, ein Experte für Schneekristalle, kommt schon seit Jahrzehnten. Sein Labor samt Mikroskop hat er tief in einen Stollen eingelassen, der aus der Haupthalle mit dem Bohrer abzweigt. Die Geräusche der Kollegen, selbst das Säuseln des Windes dringen in dieses Verlies aus gefrorenem Wasser nicht ein. "Die Bedingungen für meine Untersuchungen sind ideal", sagt Kipfstuhl. Die Kristalle können sich nicht verändern, weil die Umgebungsbedingungen so sind, wie dort, wo er den Schnee aus dem Schacht herausgekratzt hat.

Die Kristall-Struktur, die er mit speziellem Licht sichtbar macht, verrät viel über das Wetter zu dem Zeitpunkt, als der Schnee gefallen ist. Kipfstuhl lebt in der Welt seiner Kristalle. Nicht wenige seiner Forscherfreunde glauben, dass er seine Höhle auch deswegen gebaut hat, um alleine zu sein. "Die Antarktis gleicht an dieser Stelle einer Wüste", sagt Kipfstuhl. Der Niederschlag ist so gering wie in den trockensten Regionen der Sahara.

Die Antarktis fasziniert durch ihre Extreme, sie gilt als Inbegriff der Unerreichbarkeit, der Unberührtheit - als Gegenpol von Überbevölkerung, Urbanität, Moderne. Nirgends ist es auf der Welt kälter, nirgends fegen heftigere Stürme über das Land. Manchmal peitschen die Schneekristalle mit 300 Kilometern pro Stunde durch die Luft.

Abgeschottet vom Wärmestrom gemäßigter Breiten ist die baum- und strauchlose Antarktis auch der einzige Kontinent, der sich der dauerhaften Besiedlung durch den Menschen entzogen hat. Einen Forscher haben sie mal keine fünf Meter vom Zelt erfroren aufgefunden: Der Mann hatte sich im Schneesturm nur kurz zur Notdurft nach draußen begeben und sich im weißen Getöse verloren.

Land aus Blau und Weiß lockt Rekordjäger aus aller Welt an

Berichte wie diese üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Unter Wissenschaftlern, aber auch unter Abenteurern. Das Land aus Blau und Weiß lockt Rekordjäger aus aller Welt an: zu Fuß zum Südpol, mit oder ohne Proviant; den höchsten Absprung mit dem Fallschirm, den härtesten Marathon der Welt.

Der Südpol als Projektionsfläche und Bühnenbild für Inszenierungen der Zivilisationsmüdigkeit. Jeder Bericht aus der weißen Wüste lockt neue Touristen an. Fast 40.000 Pauschalurlauber landen auf Kreuzfahrtschiffen und umgebauten Luxus-Eisbrechern an. Sie lassen die Kameras surren vor der glitzernden Kulisse aus Eis und Pinguinen. Sie lassen sich verführen von der Sehnsucht nach dem urzeitlichen Zustand der Erde, von ihrer "süßen, reizvollen Unschuld", wie der Schriftsteller Robert Walser die Einöde einmal beschrieb.

Die Antarktis bietet keine Ablenkung, sie wirft ihre Besucher auf sich selbst zurück. So absolutistisch, wie die Natur am südlichen Ende des Planeten regiert, lässt sie kaum Fluchtwege zu. Weder von diesem Ort, noch von der eigenen Psyche. Die Gedanken stülpen sich ins Innere. Die Reize sind so reduziert, wie sie kein Maler des Minimalismus darstellen könnte. "Das Weiße Schweigen", so der Schriftsteller Jack London, reduziere die vom Auge empfangenen Sinneseindrücke gegen Null; und wenn von außen nichts kommt, dann kann das Unterbewusstsein die Kontrolle über den Geist übernehmen.

Die gleichförmige Fläche kann einen in seltsame Trancezustände versetzen. Antarktis-Fahrer erzählen sich gern, wie der amerikanische US-Marine- Admiral Richard Byrd auf seine erste Südpolar-Expedition zwei Särge und zwölf Zwangsjacken für seine Mannschaft mitnahm.

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