Klimaschutz-Zertifikate Die Gelddruckmaschine

Der Zertifikate-Handel war mal eine gute Idee: Das Klima sollte davon profitieren. Doch tatsächlich bereicherten sich oft nur Geschäftemacher. Eine Studie zeigt, wie dreist bei internationalen Klimaschutzprojekten getrickst wurde.

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Industrie im russischen Norilsk (Archivbild): "Dies ist eine vorsichtige Schätzung"
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Industrie im russischen Norilsk (Archivbild): "Dies ist eine vorsichtige Schätzung"


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Die Idee ist eigentlich simpel: Wenn es um den Schutz der Erdatmosphäre vor zu viel Treibhausgas geht, sind Staatsgrenzen erst einmal ziemlich schnuppe. Es ist egal, in welchem Teil der Welt Emissionen eingespart werden - das Ergebnis zählt.

Die Architekten des Kyoto-Protokolls sahen das ebenfalls so. Sie schufen zwei Mechanismen, bei denen ein Staat einen anderen beim Klimaschutz unterstützen kann. Dafür erhält er Zertifikate, die er auf die eigene Bilanz anrechnen darf.

  • Beim sogenannten Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung (Clean Development Mechanism, kurz CDM) laufen die Geschäfte zwischen einem Industrie- und einem Entwicklungsland,
  • bei der Gemeinsamen Umsetzung (Joint Implementation, kurz JI) zwischen zwei Industrieländern.

So sollte Klimaschutz billiger und effektiver werden. Sollte, wie gesagt.

Denn wie so oft im Leben: Simple Ideen sind oft nur auf den ersten Blick simpel. Am CDM gab es schon vor Jahren Kritik. Viele der Projekte verhalfen zwar Unternehmen zu hohen Gewinnen, brachten fürs Weltklima aber keinen Nutzen.

Eine neue Studie zeigt nun, wie verkorkst große Teile der JI-Projekte waren: Demnach haben rund drei Viertel der Zertifikate sogar zu höheren Emissionen geführt.

Das Stockholm Environment Institute hat im Auftrag der Regierungen von Österreich, der Schweiz und Finnland die Effektivität des Klimaschutzinstruments untersucht. Die Wissenschaftler haben sich 60 JI-Projekte im Detail angesehen, etwa ein Zehntel der Gesamtmenge. Die Auswahl sei nach Ländern und Projektgruppen repräsentativ, sagt Lambert Schneider, einer der Autoren.

Das Ergebnis: Durch den JI-Mechanismus könnten die globalen Treibhausgasemissionen um umgerechnet rund 600 Millionen Tonnen gestiegen sein. "Dies ist eine vorsichtige Schätzung", so Forscher Schneider. Karsten Karschunke von der Deutschen Emissionshandelsstelle (DEHSt) im Umweltbundesamt, der nicht an der Studie beteiligt war, hält das für eine "plausible Zahl".

Große Mengen an Kyoto-Zertifikaten übrig

Warum sind die Emissionen insgesamt gestiegen, statt wie erhofft zu sinken? Um das zu verstehen, muss man sich das System im Detail ansehen: Wenn ein Land ein JI-Zertifikat ausstellt, muss es eigentlich seinen Treibhausgas-Ausstoß entsprechend reduzieren.

Aber das gilt nur bedingt für zwei Staaten, aus denen 90 Prozent der bisher ausgestellten JI-Zertifikate kommen: Russland und die Ukraine. Sie hatten, genauso wie Deutschland, beim Start des Kyoto-Protokolls große Mengen an Zertifikaten für die Wirtschaft erhalten. Weil die Industrie in Osteuropa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs großflächig zusammenbrach, brauchten sie diese jedoch nur zum Teil.

Deshalb konnten sie jetzt JI-Zertifikate ausstellen, ohne auch nur einen Kubikzentimeter Treibhausgas einzusparen. Gleichzeitig durfte ein anderer Staat dank des Zertifikats seine Emissionen steigen.

Fast zwei Drittel der betreffenden Verschmutzungsrechte sind nach Aussagen der Forscher im EU-Emissionshandelssystem gelandet. Das heißt: Bis zu 400 Millionen Tonnen CO2 wurden nur auf dem Papier eingespart - also ein Drittel der zwischen 2013 und 2020 versprochenen Emissionsreduktionen im Rahmen des EU-Handelssystems.

Dazu kommt ein weiteres Problem: Eigentlich dürften nur Klimaschutzprojekte für JI-Zertifikate genutzt werden, die ohne den Emissionshandel nicht verwirklicht worden wären. Doch das war offenbar selten der Fall: Rund 73 Prozent der von den Forschern untersuchten Verschmutzungsrechte kamen aus Maßnahmen, die wohl auch ohne Zertifikatshandel durchgeführt worden wären. "Das ist wie Geld drucken", sagt Vladyslav Zherzherin, ein Co-Autor der Studie.

Produktion klimaschädlicher Gase lohnte sich erst richtig

In einem zeitgleich mit der Studie veröffentlichten Artikel im Fachmagazin "Nature Climate Change" zeigen die Forscher, welch absurde Folgen die Regeln des JI-Systems zum Teil hatten.

Konkret geht es um mehrere Projekte in Russland. Die Vermeidung von Klimagasen kostete hier deutlich weniger, als sich mit dem Verkauf der Zertifikate verdienen ließ. Also erhöhten Firmen sogar ihre Produktion an Klimakillern - um sich für deren Beseitigung gut bezahlen zu lassen.

Bei den betreffenden Projekten ging es um die Beseitigung der Gase HFKW-23 und SF6. Ersteres ist ein stark klimawirksames Kältemittel, das auch bei der Herstellung von Teflon und Polymeren anfällt, SF6 wird unter anderem als Isoliergas in der Elektrotechnik eingesetzt. In dem Artikel genannt werden unter anderem das Werk der Firma "KCKK Polimer" in Kirovo-Chepetsk und das Unternehmen "HaloPolymer" in Perm, wo diese Stoffe anfallen. Beide reagierten bisher nicht auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Die Daten des "Russian Registry of Carbon Units" belegen aus Sicht der Forscher, dass Russland zunächst sehr strenge Regeln für die betreffenden JI-Projekte aufgestellt hatte. Im zweiten Quartal 2011 seien diese jedoch gelockert worden. Daraufhin sei die Produktion von HFKW-23 und SF6 in den betreffenden Firmen massiv gestiegen - weil man sich die Beseitigung der Gase fürstlich bezahlen lassen konnte.

DEHSt-Mitarbeiter Karschunke sagt, Länder wie Russland oder die Ukraine seien sich ihrer nationalen Verantwortung bei der Regelsetzung "nur eingeschränkt bewusst geworden". Allerdings wurden die Projekte auch von unabhängigen Prüfungsgesellschaften unter die Lupe genommen.

Im Fall der Fabriken von Kirovo-Chepetsk und Perm war das, wie Schneider und seine Kollegen schreiben, das Unternehmen Bureau Veritas Certification. Die Firma sei zwar von einem internationalen JI-Aufsichtsgremium akkreditiert worden, ansonsten habe die Aufsicht aber nur bei den russischen Behörden gelegen. Und die hatten offenbar kein Interesse an zu viel Stress.

Nicht bloß ein Ärgernis der Vergangenheit

Bei der aktuell laufenden zweiten Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls ist Russland nicht mehr dabei. Die Geldruckmaschine ist hier zum Stillstand gekommen. Auch die Ukraine, die zwar noch Teil des Kyoto-Protokolls ist, plagen mehrere Probleme: Weil die Regeln noch nicht festgezurrt sind, ist unklar, ob sie in Zukunft noch JI-Zertifikate produzieren kann. Die Krise im Osten des Landes macht außerdem die Bilanzierung schwierig. Wohl am wichtigsten ist aber: Die EU kann kaum noch CDM oder JI-Zertifikate kaufen. "Das europäische Minderungsziel sieht keine Nutzung ausländischer Gutschriften vor", sagt Karschunke.

Das Problem soll sich also nach Möglichkeit nicht wiederholen.

Beschreibt die Studie des Stockholm Environment Institute nur ein Ärgernis der Vergangenheit? Ganz und gar nicht, sagt Co-Autor Schneider. Die Erkenntnisse seien wichtig für die kommenden Klimaverhandlungen in Paris. Dort müssten sich die Staaten tatsächlich auf ehrgeizige Ziele einigen. Außerdem müsse es eine effektive internationale Überwachung für den Transfer von Verschmutzungsrechten geben. "Wir hoffen, dass durch unsere Arbeit die eine oder andere Delegation noch bemerkt, wie viel schiefgehen kann", sagt der Forscher.

Zusammengefasst: Eine Studie zeigt, dass bei bestimmten internationalen Klimaschutzprojekten ("Joint Implementation") viele Emissionsreduktionen nur auf dem Papier existierten. Tatsächlich wurden umgerechnet rund 600 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich ausgestoßen. Für manche Firmen, zum Beispiel in Russland, rechnete es sich sogar, zusätzlich große Mengen an Klimagas zu produzieren - um sich dann für deren Beseitigung gut bezahlen zu lassen.

Zum Autor
Christoph Seidler ist Wissenschaftsredakteur im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Christoph_Seidler@spiegel.de

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Seite 1
fraumarek 24.08.2015
1. Es gibt halt immer wieder Trickser....
...die den besten Plan gewinnbringendf aushebeln. Russland und Ukraine. Das wundert mich nicht. Aber auchzulande gibt es diese Sorte ja. Da hilft nur eins: Mehr und schärfere Kontrollen. Und bei Nichteinhaltung: ZAHLEN.
ich_bins 24.08.2015
2. Gut gemeint ist eben nicht gut gemacht
Aber so ist das in unserer ideologie-getriebenen Politik. Es werden Gesetze und Verordnungen in die Welt gesetzt ohne jedes Verständnis und Gespür dafür wie die real existierende Welt darauf reagiert.
lupidus 24.08.2015
3.
wieder einmal gilt: das gegenteil von "gut" ist "gut gemeint". und da der gedanke zählt wollen auch keine konsequenzen in der öden realität gezogen werden. weiß der teufel was da ans licht käme...
ralphofffm1 24.08.2015
4. ach
Kapitalisten haben ein System erfunden um aus Scheisse Geld zu machen udn dann die Regeln soweit gedehnt das es gerade noch """ legal""" war , undam Schluß sind alle die Betrogenen nur nicht die die das System ausgenutzt haben bis zum Anschlag...hmmmmm woher kennen wir das bloss..ich komm nichtdrauf...
hondje 24.08.2015
5. klimaschutz zertivikate die geld druckmaschiene
Wir werden betrogen und belogen zum Vorteile des Kapital so dass die noch reicher werden und unsere REGIERUNGEN haben dass bewusst mitgespielt und haben auch davon über die hinter Tür profitiert.
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