Forscher loben Vögel Die Geier grübeln schon

"Spatzenhirn" war bislang ein nicht unbedingt schmeichelhafter Begriff. Das aber dürfte sich bald ändern: Vögel sind sehr viel klüger als bislang angenommen, sie haben erstaunliche Talente. Die Forscher fordern einen neuen Blick aufs Vogelhirn.

Von


Geier: Warten beim Minenfeld
AP

Geier: Warten beim Minenfeld

Im Grunde war es wahrscheinlich purer Neid. Vögel breiten ihre Flügel aus und schwingen sich in die Lüfte - und wir Menschen sehen ihnen nach und murmeln abfällig "Spatzenhirn". Dass Vögel dumm seien, war lange Zeit eine fest verwurzelte Überzeugung. Ihre Gehirne wurden im Vergleich zu denen von Säugetieren als unterentwickelt betrachtet. Jetzt findet eine leise Revolution statt: Wissenschaftler entdecken, dass Vögel auch zu geistigen Höhenflügen fähig sind. Sie fordern neue Begriffe für die Bestandteile des Vogelhirns.

Schon seit einigen Jahren untersuchen etwa Alex Weir und Alex Kacelnik von der University of Oxford die Kniffe Neukaledonischer Krähen. Die gehören zum den Schlauesten unter den Vögeln: Sie können nicht nur Werkzeuge benutzen, sie fertigen wenn nötig auch selbst neue an. Dabei lernen die Rabenvögel von ihren Artgenossen - es gibt also eine Art kultureller Weitergabe von Vogel-Technologie. Bis vor kurzem glaubte man, nur bei Primaten gebe es diese Art von Tradition.

Dass die Krähen auch schon clever zur Welt kommen, zeigten Weir und Kacelnik jetzt in einer Studie mit vier jungen Krähen. Die Vögel wuchsen ohne Vorbilder auf, sie hatten niemals Gelegenheit, ältere Krähen bei der Futtersuche zu beobachten. 60 bis 80 Tage nachdem sie geschlüpft waren, begannen die Jungvögel dennoch, Zweige zu benutzen, um an in Ritzen gerutschtes Futter zu kommen. Zum gleichen Zweck bastelten sie sich auch neue Werkzeuge, indem sie mit ihren Schnäbeln Blätter zerschnitten.

Auf der IQ-Hitliste ganz oben: Krähen

"Die Fähigkeit dieser Spezies, Werkzeuge herzustellen und zu benutzen, ist zumindest teilweise erblich und damit unabhängig von sozialem Input", folgerten die Forscher gemeinsam mit zwei Kollegen im Fachblatt "Nature" (Bd. 433, S. 121).

Ganz oben stehen die Krähen auch auf der IQ-Hitliste des Kanadischen Forschers Louis Lefebvre von der McGill University in Montreal. Die stellte er jetzt bei der US-Wissenschaftstagung der American Association for the Advancement of Science (AAAS) vor, die gestern zu Ende ging. An die Intelligenzcharts für Vögel kam Lefebvre auf für Biologen untypische Weise: Er sammelte Geschichten.

Krähe mit Werkzeug: Geistige Höhenflüge
Science

Krähe mit Werkzeug: Geistige Höhenflüge

Der Forscher wertete Anekdoten aus ornithologischen Fachzeitschriften aus, in denen Vogelfreunde in den vergangenen 75 Jahren über eigene Beobachtungen berichteten. In England wurden 1949 beispielsweise Meisen beim Milchdiebstahl erwischt: Wenn der Milchmann weg war, kamen die Vögel und öffneten die Deckel der Flaschen für ein Frühstücksschlückchen. In Simbabwe erwiesen sich Geier als geduldige Kriegsgewinnler: Sie warteten neben einem Minenfeld darauf, dass unvorsichtige Gazellen sich selbst in schnabelgerechte Häppchen sprengten.

Insgesamt 2000 Beobachtungen wertete Lefebvre aus, wobei er berücksichtigte, dass über manche Vogelarten sehr viel häufiger berichtet wird als über andere. Nach seiner Auswertung sind Krähen und Falken die cleversten Vögel, gefolgt von Habichten, Spechten und Reihern. Papageien schnitten nicht so gut ab wie erwartet - aber Lefebvre sammelte auch nur Geschichten über Futtersuche, nicht über Plaudereien.

"Wir müssen die Idee loswerden, dass Säugetiere - besonders Menschen - der Gipfel der Evolution sind", sagt der Neurobiologe Erich Jarvis von der Duke University in North Carolina.

Ein Gehirn wie ein Stück Leber

Bislang war die vorherrschende Meinung über Vogelgehirne genau von dieser Annahme geleitet: Dass die Evolution sich von dumm zu klug vorgearbeitet hat, dass sich Gehirne in Schichten entwickelt haben, je dicker, desto besser. Vögel haben keinen Neokortex, ihnen fehlt die Gehirnrinde, die uns Menschen denken und dichten lässt. Während die Oberfläche eines Säugetierhirns zerklüftet und gefaltet ist, sieht ein Vogelhirn aus wie ein Stück Leber: Glatt und glänzend. Ein solcher Klops, glaubten Forscher bis vor kurzem, kann nicht zu Vielem nütze sein.

Der Vater des bisherigen Systems zur Benennung der Vogelhirn-Bestandteile war der Deutsche Ludwig Edinger, der im 19. Jahrhundert ein Modell der Hirnevolution entwickelte. Er unterschied zwischen "älteren" und damit "niederen" Hirnstrukturen und "neueren" und damit "höheren". Diese Sicht der Dinge stellen 29 Wissenschaftler, die sich selbst Namen "Vogelhirn-Nomenklatur-Konsortium" gegeben haben, jetzt in Frage.

Taube: Kubist oder Impressionist?
DPA

Taube: Kubist oder Impressionist?

"Es gibt neue Ergebnisse, mit denen sich die Theorie als fehlerhaft entlarven lässt, dass sich das Gehirn in Schichten entwickelt hat, wie bei der Ablagerung geologischer Sedimente", sagt Erich Jarvis, der Kopf der Gruppe. "Es gibt keine Belege dafür, dass es eine primitive Hirnstruktur gab, zu der so genannte höhere Hirnstrukturen systematisch hinzugefügt wurden." Die "alten" Hirnstrukturen in Vogelköpfen, so die Forscher, hätten inzwischen Funktionen übernommen, für die bei Säugetieren der Kortex zuständig sei. Sie schlagen deshalb neue Namen für die Teile des Vogelhirns vor. "Das war längst überfällig", findet auch der Vogelforscher Reinhold Necker von der Bochumer Ruhr-Universität. Bei einem eben zu Ende gegangenen Kongress in Göttingen seien die neuen Begriffe schon fleißig verwendet worden. Dem Vogelhirn widerfährt endlich Gerechtigkeit.

Im Fachblatt "Nature Reviews Neuroscience" listete das "Konsortium" dazu auch die bislang weitgehend ignorierten Talente von Vögeln auf: Tauben können kubistische von impressionistischen Gemälden unterscheiden; Aaskrähen in Japan warten geduldig an roten Fußgängerampeln und legen dann bei Grün Walnüsse auf die Fahrbahn, um sie von Autoreifen knacken zu lassen; Afrikanische Graupapageien können sogar mit Zahlworten umgehen - eine Fähigkeit, die einmal als exklusiv menschlich galt.

Wenn man jemanden beleidigen will, sollte man also künftig nicht mehr auf das Wort "Spatzenhirn" zurückgreifen - der Gescholtene könnte sich womöglich geschmeichelt fühlen.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.