Evolution Unser ältester Vorfahr war ein großmäuliger Sack

Alles Leben auf diesem Planeten ist verwandt, wenn man nur weit genug zurückgeht. Ein Forscherteam hat nun 540 Millionen Jahre alte Vorfahren der Wirbeltiere rekonstruiert. Schön ist das nicht.

Saccorhytus coronarius (künstlerische Rekonstruktion)
S Conway Morris/ Jian Han

Saccorhytus coronarius (künstlerische Rekonstruktion)

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Einem Team von Forschern aus England, China und Deutschland ist es gelungen, mit Rasterelektronenmikroskopen und CT-Aufnahmen die körperliche Gestalt der bisher primitivsten und ältesten je gefundenen Vorfahren der Wirbeltiere zu rekonstruieren. Der nur etwa ein Millimeter kleine Vielzeller Saccorhytus coronarius lebte vor rund 540 Millionen Jahren und stand ganz am Anfang einer Entwicklungskette, die sehr viel später zu Wirbeltieren und damit auch zu uns führen sollte.

Das Bild des Wesens, das die Forscher nun im Fachjournal "Nature" vorstellen, könnte fremdartiger kaum sein. Wie ein kleiner Sack habe das urtümliche Tier ausgesehen, schreiben die Forscher - ein elliptischer Sack mit einem riesigen Maul, der einzigen nennenswerten Öffnung. Saccorhytus dürfte damit zu den unattraktivsten Typen in unserer Ahnengalerie gehören.

Man ahnt kaum, was man für Ahnen hat

Viele Menschen haben noch immer ein Problem damit, in sich den Primaten zu erkennen. Doch kein Lebewesen auf diesem Planeten steht isoliert: Wir haben Verwandte und Vorfahren, und je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto mehr unterscheiden die sich eben von uns.

Homo sapiens sapiens gehört zur Familie der Menschenaffen, deren Vorfahren Menschenartige waren. Davor standen die Altweltaffen, Affen, Trockennasenprimaten, Primaten, die wiederum zu den Euarchonta gehören - und schon da wird es wild: Es ist der Punkt, an dem zur Familie nicht mehr nur halbwegs an Menschen erinnernde Wesen gehören, sondern beispielsweise auch Spitzhörnchen.

Und davor? Stand eine lange Entwicklungslinie, die rückwärts in die Zeit gedacht über die Säugetiere zurück zu den echsenhaften Synapsiden führte, ersten amphibienhaften Land-Eroberern und irgendwann - natürlich - zurück ins Wasser.

Als Spezies gehören wir Menschen direkt zu jeder dieser Gruppen, weil wir zu ihren direkten Nachfahren gehören. Hier stimmt das Bild vom Stammbaum: Am Ende laufen alle Entwicklungslinien am Stamm zusammen - und treffen sich in einer gemeinsamen Wurzel. Das ist der Grund, warum der Paläontologe Neil Shubin zu Recht behaupten kann, dass wir alle Fische seien - natürlich nur streng systematisch betrachtet.

Und davor? Wird es wirklich bizarr. Saccorhytus dürfte mit erheblichem Abstand der fremdartigste Wirbeltier-Vorfahr sein, der bisher gefunden wurde.

Der ursprünglichste aller Neumünder

Vor der "Erfindung" des innenliegenden Knochenskelettes standen im Tierreich weichere Bauformen: Das Leben hatte vor geschätzt 3,5 bis vier Milliarden Jahren wahrscheinlich mit Bakterien begonnen. Erst vor rund 1,5 Milliarden Jahren entwickelten sich einzellige Pflanzen - also Fotosynthese treibende Einzeller - sowie einzellige Tiere.

Wann genau dieser Schritt zu mehrzelligen Tieren erfolgte, ist heiß umstritten: Es mag bereits vor über 600 Millionen Jahren gewesen sein. Die ältesten fossilen Strukturen, die sich mit einiger Sicherheit auf mehrzellige Tiere zurückführen lassen, stammen aber erst aus dem Kambrium vor 541 bis 485,4 Millionen Jahren.

So wie Saccorhytus coronarius, der mit einem Alter von rund 540 Millionen Jahren nun das älteste und urtümlichste relativ detailliert rekonstruierte Tier sein soll.

Die Forscher deuten Saccorhytus als sogenannten basalen Neumünder (Deuterostomia). Unter diesem Begriff fasst man mehrzellige Tiere zusammen, in deren Körperbau sich spezialisierte Zellen so weit ausdifferenziert hatten, dass es zur Trennung von Nahrungsaufnahme- und Ausscheidungsapparat kam - sie bildeten neben einem Maul also auch einen Anus aus.

Der Bauplan eines Ur-Tieres

Saccorhytus stand in dieser Entwicklung noch ganz am Anfang. Das Tierchen verfügte über Merkmale der Deuterostomia, hatte aber eben diesen Schritt zum Zwei-Wege-System noch nicht vollzogen. Im Klartext: Es schied verdaute Nährstoffe genau auf dem Wege aus, auf dem es sie zuvor aufgenommen hatte - durch das Maul.

Das hatte es allerdings in sich: Saccorhytus ernährte sich wohl, indem es sich mithilfe seines im Verhältnis zum Körper riesigen Mauls regelrecht um Nahrungspartikel oder vollständig um andere Lebewesen herumstülpte und sie verdaute. Wasser, aus dem es den nötigen Sauerstoff bezog, schied Saccorhytus wohl über düsenartige, an der Körperoberfläche rund ums Maul positionierte Organe aus, in denen die Forscher den Entwicklungsansatz zu Kiemenlappen erkennen.

Knapp einen Millimeter Größe erreichte dieses unfassbar fremdartige Wesen, das im Sand am Meeresgrund gelebt haben mag und dort wohl auf fallende Nahrung wartete - einen Bewegungsapparat konnten die Forscher nicht nachweisen. Es ist das bisher primitivste je beschriebene mehrzellige Tier - und steht am Anfang der Deuterostomia, von denen eine Entwicklungslinie direkt zu uns hinführt.

Eine andere führte zu Stachelhäutern - auch Seesterne und Seeigel gehörten also zu diesem Zeitpunkt vor über 500 Millionen Jahren noch zu unserer direkten, aus heutiger Sicht jedoch unfassbar weit entfernten Verwandtschaft.

Die "kambrische Explosion"

So langsam die Entwicklung des Lebens in den ersten drei Milliarden Jahren ab Aufkommen der ersten Einzeller verlief, so rapide verlief sie zu Beginn des Kambriums. In einem nur fünf bis zehn Millionen Jahre umfassenden Zeitfenster, das vor 543 Millionen Jahren begann und "kambrische Explosion" genannt wird, entstanden die Vorfahren fast aller heutigen Tierstämme.

Schon vor rund 470 Millionen Jahren hatten sich dann unter anderem kieferlose Fische, die an heutige Neunaugen erinnern, entwickelt. Dann ging es immer schneller: Knorpelfische (Haie, Rochen etc.) wie Knochenfische folgten in schneller Folge, und von diesen frühen Wirbeltieren aus ist "unsere" Abstammungslinie ein dichter, fossiler Bericht.

Und der ist mit Blick zurück auf Saccorhytus plötzlich leichter zu verdauen: Den Fisch, den Synapsiden, das frühe, kleine Säugetier, den Trockennasenprimaten und Menschenaffen in sich zu erkennen fällt weit leichter, als die Verbindung zu diesem Urururvorfahren. Doch zumindest in dieser Hinsicht hat sich in 540 Millionen Jahren nichts geändert: Seine Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen.



insgesamt 67 Beiträge
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Sangit raju 30.01.2017
1. Na, ...
... vielleicht beschreibt die Evolution ja keine stetig ansteigende Kurve, sondern einen Kreis... Dann wären wir wieder am Ausgangspunkt beim „großmäuligen Sack” angekommen... Immerhin die aktuelle Krönung der politischen Schöpfung...
er,ka 30.01.2017
2. Abstammung
Zitat-Viele Menschen haben noch immer ein Problem damit, in sich den Primaten zu erkennen-Zitatende Das erinnert mich an einen alten Witz. Fritzchen kommt aus der Schule nach Hause und erzählt seinem Vater, dass der Mensch vom Affen abstammt. Darauf der Vater: Du vielleicht, aber ich nicht. Verwandte, so steht es schon im Artikel, kann man sich nicht aussuchen.
yossariania 30.01.2017
3. Verstehe ich
Zitat von Sangit raju... vielleicht beschreibt die Evolution ja keine stetig ansteigende Kurve, sondern einen Kreis... Dann wären wir wieder am Ausgangspunkt beim „großmäuligen Sack” angekommen... Immerhin die aktuelle Krönung der politischen Schöpfung...
jetzt nicht: Gabriel ist doch zurückgetreten, oder?
david_2010 30.01.2017
4. Großmäuliger Sack
Ein großmäuliger Sack ? Wenn ich mir manche Staatsoberhäupter und Politiker anschaue, so haben wir uns eigentlich kaum verändert.
ackergold 30.01.2017
5.
Zitat von Sangit raju... vielleicht beschreibt die Evolution ja keine stetig ansteigende Kurve, sondern einen Kreis... Dann wären wir wieder am Ausgangspunkt beim „großmäuligen Sack” angekommen... Immerhin die aktuelle Krönung der politischen Schöpfung...
Seltsam. Daran hat wohl wirklich jeder gedacht. Der Stammbaum ist ein Kreis.
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