Knochensplitter

Schätzungen revidiert Forscher specken Super-Sauropoden ab

DPA/ Mark A. Klingler/ Carnegie Museum of Natural History

Von


Weltweit berichteten Medien im vergangenen Jahr über Dreadnoughtus schrani, unter den Landlebewesen angeblich Rekordgewichthalter aller Zeiten. Jetzt hat er über Nacht abgespeckt - satte 20 Tonnen.

Es gibt einen blöden Witz darüber, wie man blitzschnell viele Kilogramm seines Körpergewichts verlieren könnte - per Amputation. Im Grunde erinnert das daran, was nun dem Titanosaurus Dreadnoughtus schrani passiert ist. Ein Jahr, nachdem er auf satte 60 Tonnen geschätzt weltweit - und auch bei uns - Schlagzeilen machte, korrigierten Forscher sein Gewicht um ein stolzes Drittel.

Die Methode kommt einer virtuellen Amputation gleich: In den neuen Hochrechnungen hat Dreadnoughtus nicht etwa an Größe verloren, sondern an Volumen - und damit auch an Körpermasse und Gewicht.

Die meisten Größenangaben bei Sauriern, deren Skelette ja nur äußerst selten vollständig als Fossile erhalten sind, und alle Gewichtsangaben sind grundsätzlich Schätzungen. Die Methode, die die Forscher um Kenneth Lacovara im vergangenen Jahr zur Einschätzung von Dreadnoughtus nutzten, gilt in den meisten Fällen als passend, gut und bewährt.

Alles nur Schätzungen

Allerdings nicht im aktuellen Fall, behaupten Forscher von der John Moores University Liverpool, von der Uni Manchester und dem Imperial College in London und stellten im Fachblatt "Biology Letters" eine Gegenrechnung auf. Und die beruht auf einer neuen Methode computergestützter Modellierungstechnik.

Dabei wird dem virtuell rekonstruierten Skelett, an dessen Größe sich nichts geändert hat, quasi eine "Haut" aufgelegt und diese dann mit Blick auf stimmige Proportionierungen "gedehnt". Der Saurier wird dabei zu einem virtuellen Hohlkörper hochgerechnet, dessen Gewichte man basierend auf Erkenntnissen über das spezifische Gewicht von Knochen, Körperflüssigkeiten, Muskelgewebe etc. hochrechnen kann.

Die Methode geht beim "Aufblasen" des Tieres von Messdaten aus, die man mithilfe lebender Tiere gewonnen hat. Die Forscher können auf dieser Basis ein begründetes Von-bis-Fenster von Gewichten angeben, die für bestimmte Größen und Proportionen wahrscheinlich sind.

Modellierung der möglichen Körperformen von Dreadnoughtus in drei Varianten - "schlank", plus 21 Prozent und "maximal": eine Schätzung, die verschiedene Wahrscheinlichkeiten erlaubt
The Royal Society

Modellierung der möglichen Körperformen von Dreadnoughtus in drei Varianten - "schlank", plus 21 Prozent und "maximal": eine Schätzung, die verschiedene Wahrscheinlichkeiten erlaubt

Ohne zu schrumpfen, verlor Dreadnoughtus dabei satte 20 Tonnen gegenüber der ursprünglichen Schätzung. Die hatte vor allem deshalb für Irritationen gesorgt, weil Dreadnoughtus offenbar kaum größer als vergleichbare Sauropoden war, aber sein Gewicht deutlich höher eingeschätzt wurde.

Es geht nicht um richtig oder falsch, sondern um Wahrscheinlichkeit

Auch die aktuelle Studie kann keine "Wahrheit" für sich reklamieren: Niemand wird jemals einen lebenden Dreadnoughtus auf die Waage stellen. Sie bietet aber gute Argumente für ihre These, die zudem im Erkenntnistrend liegt: Dreadnoughtus ist nicht der erste Sauropode, dessen Gewicht in den letzten Jahren durch neue Methoden und Einschätzungen nach unten korrigiert wurde.

Er bleibt allerdings einer der größten je gefundenen Sauropoden - zumal das untersuchte, 26 Meter lange Fossil wohl kein ausgewachsenes Tier war. Ob er allerdings weiterhin den Claim behaupten kann, "größtes Landtier, dessen Gewicht akkurat bestimmt werden konnte" gewesen zu sein, wird sich im Laufe der Diskussion über die zwei widersprüchlichen Schätzungen zeigen.

Youtube: Team der Drexel-Universität über Dreadnoughtus schrani
Es gibt zahlreiche Schätzungen über das Gewicht von Sauropoden, die weit über das ursprünglich für Dreadnoughtus angenommene Gewicht von 60 Tonnen hinausgehen. Gewichtsschätzungen von 100 Tonnen und mehr für manche Spezies sind jedoch noch weit unsicherer und umstrittener als die für Dreadnoughtus: Oft basieren sie auf Fossilien, von denen nur einzelne Knochen vorliegen - der Rest ist extrapoliert.

Dreadnoughtus gilt als sensationell vollständiges Skelett und bietet darum einen guten Ansatz für vermutlich leidlich zuverlässige Schätzungen. Selbst in einem solchen Fall aber bleibt offensichtlich genügend Raum für Debatten - und Schätzungen plus-minus 30 Prozent.

Laien irritiert so etwas mitunter. Die Wissenschaft aber schärft so ihre Methoden und Instrumente. Es ist ein fortlaufender Lernprozess.

P.S.: In den englischsprachigen Veröffentlichungen und im Video ist von 65 Tonnen die Rede. Gemeint sind damit amerikanische tons, nicht metrische Tonnen. 65 tons entsprechen circa 60 Tonnen.

Diskutieren Sie mit!
3 Leserkommentare
Katzenpfote 11.06.2015
hubert heiser 11.06.2015
Freidenker10 11.06.2015

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.