Lebendes Fossil: Experten siedeln 200 Störe in der Oder aus

Wiederansiedlung: Der Stör soll in deutsche Gewässer zurückkehren Fotos
DPA

Bereits vor 200 Millionen Jahren tummelten sich Störe in den Gewässern der Erde. Heute bedrohen Überfischung und Umweltverschmutzung die Fische, in Deutschland gelten sie seit Jahrzehnten als ausgerottet. Das könnte sich jetzt ändern.

Hohensaaten/Born - Der Stör hat nicht nur wegen seines edlen Kaviars eine besondere Bedeutung. Der bis zu vier Meter lange Fisch ist auch ein lebendes Fossil, das bereits vor 200 Millionen Jahren die Gewässer der Erde bevölkerte. Doch von den weltweit 27 bekannten Arten des Störs sind vor allem wegen Umweltverschmutzung und Überfischung alle gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht. Das soll sich nun ändern - unter anderem mit einem aufwendigen Wiederansiedlungsprogramm an der Oder.

Seit 1994 arbeitet die Gesellschaft zur Rettung des Störs, ein Zusammenschluss von unter anderem Forschungsinstituten, Fischereiverbänden und Anglern, an der Wiederansiedlung des Wanderfischs. Bereits 2012 wurden in der Oder und ihren Zuflüssen bis zu 230.000 Jungstöre ausgesetzt. An diesem Montag entlassen die Störschützer erneut 200 rund 60 Zentimeter lange und ein Jahr alte Störe bei Hohensaaten (Brandenburg) in die Freiheit.

Überwachung: Fangprämie für jeden ausgesetzten Stör

"Die Fische wiegen bis zu einem Kilo und sind im Sommer doppelt so schwer", prognostiziert Carsten Kühn von der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei in Born auf dem Darß. Kühn und seine Kollegen hoffen, dass sie ein paar der Störe nochmals zu Gesicht bekommen. Die Tiere tragen eine gelbe Plastikmarke mit einer Nummer an der Rückenflosse. Wenn ein Fischer einen Stör fängt, soll er ihn vermessen, fotografieren und zurück ins Wasser werfen.

"Als Anreiz gibt es eine Fangprämie von zwischen 10 und 25 Euro", sagt Kühn. Für andere Tiere, die einen Sender tragen, kann es sogar bis zu 100 Euro geben. Dass sich das Projekt zur Erhaltung des Störs zumindest gut entwickelt, zeigen häufige Fangmeldungen bis hin zur Ostsee. Manche Fische seien schon mehrmals in einem Netz gelandet, berichtet Kühn.

In den vergangenen Jahren wurden bereits Millionen Dottersacklarven in Gewässern rund um die Oder ausgesetzt, kleine, nicht schwimmfähige Larven mit einem Dotter-Nährstoffdepot. Sie können in diesem Alter an ein Gewässer gewöhnt werden, verbringen den Großteil ihres Lebens dann in der Ostsee und kommen im besten Fall später zum Laichen wieder in die Oder zurück.

"Wir hoffen, dass es ein paar Prozent wirklich schaffen", sagt Kühn. Bis die Forscher wissen, ob ihr Experiment geglückt ist und die Fische zum Laichen tatsächlich in die Oder schwimmen, wird es allerdings dauern: Störe brauchen rund 20 Jahre, bis sie sich fortpflanzen können.

Ein Langzeitversuch mit ungewissen Folgen

Kühn rechnet deshalb damit, dass es noch 20 bis 30 Jahre dauert, bis in der Oder ein Stör-Bestand entsteht, der sich selbst reproduzieren kann. Es ist ein Langzeitversuch. Christopher Zimmermann vom Rostocker Thünen-Institut für Ostseefischerei hält die Bemühungen zur Wiederansiedlung aber für aussichtsreich. Anders als Aale ließen sich Störe in Gefangenschaft vermehren. Sie unternähmen auch nicht notwendigerweise so weite Wanderungen in Süßgewässern, bei denen die Routen oft vom Menschen verbaut sind.

"Vielleicht ist der Stör irgendwann sogar wieder als fischereiliche Ressource interessant - das dürfte aber noch dauern, auch wenn weiterhin viele Störe ausgesetzt werden", sagt Zimmermann. Baltische Störe allerdings bieten keinen für den menschlichen Gaumen attraktiven Kaviar. Im Unterschied zum Europäischen Stör sind beim Baltischen Stör die Eier kleiner und uneinheitlich schwarz-grau gefärbt. Wenn er künftig überhaupt eine wirtschaftliche Bedeutung erhalten sollte, dann wegen seines Fleisches.

Die Natur hingegen könnte auf jeden Fall von der Wiederansiedlung des Störs profitieren. "Er gehört als Raubfisch ins Ökosystem", betont der Geschäftsführer des Landesanglerverbands Mecklenburg-Vorpommern, Axel Pipping. Der Fisch bereichere die Artenvielfalt und zeige auch, dass die Bemühungen zur Verbesserung der Umwelt Erfolge zeigen. Pipping rechnet außerdem damit, dass Störe die durch die Verringerung der Artenvielfalt in Massen auftretenden Brachsen oder Plötzen zurückdrängen. Futter gibt es für die Fische demnach genug. Bis das Fangverbot für Störe aufgehoben werden kann, wird es laut dem Experten allerdings noch dauern. "Bis dahin kann man nur hoffen, dass sich alle dran halten", sagt er.

irb/dpa

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Kein Kaviar-schade
vogelsberg 07.04.2013
Das ist natürlich schade. Wenn das Fleisch nur annähernd an seine Kollegen aus Russland herankommt, wäre er trotzdem eine absolute Bereicherung.
2. Überfischung?
opinio... 07.04.2013
Auch die ist immer relativ zu dem, was nachkommt! Störe hatten nicht das Problem der Umweltverschmutzung, sondern der Umweltveränderung. Hier waren es die Flussläufe und der Untergrund, der nicht mehr die schützenden Kuhlen bot. Wäre schön, wenn es trotzdem gelänge!
3. Warum?
oberstörenfried 07.04.2013
Das stört doch nur!
4. Wie schmeckt Stör?
dēmosthénēs 08.04.2013
Hab 2x in meinem Leben mal Kaviar probiert und kann darauf verzichten. Aber ist Störfleisch schmackhaft? Wenn es vergleichbar mit Hecht ist verzichte ich auch darauf gerne^^
5. Pfusch
frank1980 08.04.2013
was passiert wenn der Mensch denkt er habe das Ökosystem verstanden und beginnt passende Arten auszusiedeln kann man in Australien bewundern.
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