Mysteriöse Katastrophe vor 750 Jahren: Der unfassbare Vulkan

Von Axel Bojanowski

Schwefelnebel über Europa, Hungersnöte, gewalttätige Sekten: Im Jahr 1258 stürzte ein Vulkanausbruch die Welt in eine Katastrophe. Es war die größte Eruption der vergangenen 10.000 Jahre - doch Forscher wissen noch immer nicht, wo sich der gigantische Feuerberg befindet. Jetzt gibt es neue Indizien.

Übeltäter gesucht: Die Liste der Verdächtigen Fotos
AFP

Hamburg - Er ist ihnen wieder entwischt. Seit 32 Jahren läuft die Jagd nach dem Bösewicht, doch bislang konnte das Suchkommando der Forscher lediglich eine Verdächtigenliste präsentieren - der Schuldige aber wurde noch immer nicht gestellt. Dabei geht es nicht um irgendein Delikt, sondern um die gewaltigste Tat der vergangenen Jahrtausende: Wissenschaftler fahnden nach jenem Vulkan, der im Jahre 1258 mit einem gigantischen Ausbruch die Welt in eine schwere Krise stürzte. Die jüngste Beweisaufnahme liefert nun immerhin neue Indizien.

Fest steht: Im Jahr 1258 muss irgendwo auf der Erde ein mächtiger Vulkan ausgebrochen sein. Historische Aufzeichnungen berichten von außergewöhnlich frostigen Wintern und kühlen, regnerischen Sommern in den Folgejahren; Missernten, Hungersnöte und Seuchen waren die Folge. Die Eruption soll einer neuen Studie zufolge sogar der Auftakt der Kleinen Eiszeit gewesen sein, die vom Ende des 13. bis ins 19. Jahrhundert in vielen Regionen herrschte. Mehrere Vulkaneruptionen Ende des 13. Jahrhunderts hatten offenbar die Abkühlung verstärkt.

Der erste und größte Schlag kam aber 1258. Das wissen Forscher aus dem Eis an Nord- und Südpol: 1258 fiel in Grönland und der Antarktis außergewöhnlich schwefelhaltiger Schnee, wie Geologen Anfang der achtziger Jahre feststellten. So viel Schwefel hatte in den vergangenen 10.000 Jahren kein Vulkan in die Luft geschleudert, staunten die Experten.

Gab es Zeugen?

Irritiert stellten sie fest: Von einer Vulkankatastrophe war in Chroniken nichts zu lesen, nur das miese Wetter wurde beschrieben. Dabei hätte eine Eruption dieser Größe Anwohnern im Umkreis von etwa 2000 Kilometern nicht entgehen können - Asche, Lava und Gestein hätten sich dick über die Landschaft gelegt.

Auch weltweit müssen die Folgen gravierend gewesen sein. Die Schwefelmenge von 1258 war ungefähr achtmal größer als beim Ausbruch des indonesischen Vulkans Krakatau 1883, der das Klima auf Jahre hinaus abkühlte. Die Schwefeltröpfchen verteilten sich 1883 in der oberen Atmosphäre, sie legten sich jahrelang als Schleier um die Erde - und blockierten das Sonnenlicht. Der Ausbruch 1258 übertraf sogar bei weitem jenen des Tambora in Indonesien 1815, der in Europa das "Jahr ohne Sommer" verursachte.

Gewissermaßen zur Entlastung des Delinquenten spielten Forscher bislang die mutmaßliche Wirkung des 1258er-Vulkans herunter: Wachstumsringe in Bäumen, die normalerweise sensibel auf Witterungsänderungen reagieren, schienen zu zeigen, dass es 1258 und danach keine besonders gravierende Wetterverschlechterung gab - die Ringe zeigten nämlich kaum auffällige Veränderungen.

Menschen peitschten sich aus

Jetzt aber haben Experten um Michael Mann von der Pennsylvania State University in den USA ermittelt, dass gerade die Unauffälligkeit der Bäume ein Indiz für die besondere Heftigkeit des Ausbruchs im Jahre 1258 war: Bei extremer Abkühlung würden Bäume mitunter gar nicht mehr wachsen - und somit keine Aufzeichnungen des Wettergeschehens liefern, berichten die Forscher in "Nature Geoscience". Die Jahre nach 1258 seien in den Wachstumsringen der Bäume also gar nicht verzeichnet.

Doch selbst Jahre nach der Katastrophe, als die Aufzeichnungen der Bäume wieder einsetzten, zeigten die Jahresringe eine Verschlechterung des Klimas. Rechne man die Kühlung zurück auf die Zeit unmittelbar nach 1258, ergäbe sich ein weltweiter Temperatursturz um zweieinhalb Grad, haben Michael Mann und seine Kollegen berechnet - es lässt sich also von einer Klimakatastrophe um 1260 herum sprechen.

Vermutlich sei es kein Zufall, dass in Europa just zu jener Zeit die sogenannte Flagellanten-Bewegung geboren wurde, meint Richard Stothers von der Nasa, der sich als einer der Ersten eingehend mit dem Thema befasst hatte: Ab 1260 peitschten sich Menschen in aller Öffentlichkeit selbst aus, angeblich wollten sie die Schuld für das Unheil der Welt auf sich nehmen.

Schwefeldunst verdunkelte den Mond

Damals hätte sich giftiger Schwefelnebel über die Welt gelegt, der das Vieh und Getreide verkommen ließ, berichtete Stothers bereits vor zwölf Jahren. Der wolkenlose Himmel in jener Zeit habe den Mond über Europa von 1258 bis 1262 verdunkelt. Doch woher kam der Schwefel?

Aus den Ablagerungen im Eis grenzen Forscher die Lage des Vulkans ein: Vermutlich liege der Übeltäter in den Tropen, meint der Klimaforscher Thomas Crowley von der Duke Universität in den USA. Dafür spreche, dass sich an beiden Polen ähnlich mächtige Schwefelschichten im Eis fänden.

Weil die abgelagerte Menge in Grönland noch ein wenig größer sei als in der Antarktis, müsse man am besten in den nördlichen Tropen suchen. Vermutlich habe sich der Ausbruch sogar bereits im September 1257 ereignet, schreibt Crowley nun in einer Studie. Man müsste mehr Zeit dafür einrechnen, dass sich die Schwefelwolke zu beiden Polen hin bis 1258 gleichmäßig ausbreiten konnte.

Acht Verdächtige

Mittlerweile gibt es demnach acht verdächtige Vulkane:

  • Der El Chichón in Mexiko,
  • das Vulkangebiet Harrat Rahat in Saudi Arabien,
  • der Fentale in Äthiopien,
  • der Quilotoa in Ecuador,
  • der Cayambe in Ecuador,
  • der Pico de Orizaba in Mexiko,
  • ein abgelegener Vulkan in den Anden,
  • oder doch ein nördlicher Vulkan wie der Katla in Island, der in jener Zeit mehrfach ausgebrochen war.

Jeder dieser Kandidaten war vermutlich zur fraglichen Zeit aktiv, mancher wie der Quilotoa allerdings erst Jahrzehnte später - die Datierungen könnten aber ungenau sein, meinen Geologen. Gleichwohl wurden an keinem der Berge Spuren eines extremen Ausbruchs gefunden. Deshalb glauben manche Experten mittlerweile an eine Eruption im Meer.

Die Suche konzentriert sich auf entlegene Inseln im Indischen und Pazifischen Ozean, wo ein Vulkan 1258 ohne Zeugen ausgebrochen sein könnte. Vulkane am Meeresgrund jedoch sind noch schwieriger zu erkunden als ihre Geschwister an Land. Gut möglich also, dass der Schuldige der Katastrophe von 1258 auf ewig unentdeckt bleibt.


Von 33 weiteren erstaunlichen Rätseln der Erde erzählt Axel Bojanowski in seinem neuen Buch "Nach zwei Tagen Regen folgt Montag" (DVA, 224 Seiten, 14,99 Euro).

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