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Forscher warnen: Kritischer Punkt beim Klimawandel bereits überschritten

Aus San Francisco berichtet

Wissenschaftler fürchten, dass beim Klimawandel schnelle, katastrophale Veränderungen anstehen. Ein renommierter US-Klimaforscher appelliert jetzt an Kanzlerin Angela Merkel, den Bau neuer Kohlekraftwerke zu überdenken: "Ihre Führungsqualitäten sind gefragt".

San Francisco - James Hansen ist es gewöhnt, sich mit Regierungen anzulegen. Der Direktor des Goddard Institute for Space Studies der Nasa hat vor allem mit der Bush-Administration schon eine Menge Ärger gehabt. Der Klimaforscher hatte ihr vorgeworfen, seine Forschungsergebnisse über den Klimawandel zensiert zu haben. Das Nasa-Hauptquartier habe angeordnet, sowohl seine geplanten Veröffentlichungen und Vorlesungen als auch Einträge auf der Goddard-Website zu begutachten, berichtete er im Januar 2006.

Nun nimmt sich Hansen die nächsten Regierungschefs vor. In einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und den britischen Premierminister Gordon Brown fordert er diese auf, existierende Pläne zum Bau neuer Kohlekraftwerke zu überdenken. "Die Kanzlerin ist Physikerin", sagt Hansen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, sie werde die einfachen Zusammenhänge von Kohleverbrennung und Klimawandel wohl verstehen.

"Ihre Führungsqualitäten sind gefragt, denn es geht um die in Ihrem Land geplanten Kohlekraftwerke, die globale Auswirkungen haben werden", schreibt der Wissenschaftler. Deutschland habe sich an vorderster Stelle für den Kampf gegen den Klimawandel engagiert. "Doch es gibt Planungen zum Bau neuer Kohlekraftwerke." Nach Angaben der Umweltschutzorganisation Greenpeace sollen bis 2012 mehr als 20 neue Kohlekraftwerke in Deutschland errichtet werden, Umweltminister Sigmar Gabriel geht hingegen nur von neun neuen Anlagen aus. Damit nicht genug: Laut einer Untersuchung des "Center for global Development" stehen in Deutschland schon zwei der klimaschädlichsten Kohlekraftwerke Europas.

"Wir müssen uns überlegen, wie wir leben wollen", sagt Hansen auf dem Treffen der American Geophysical Society ( AGU) in San Francisco. Man könne die CO2-Emissionen nicht senken, wenn man immer mehr Kohle verbrenne. "Es wird immer als gottgegeben dargestellt, dass wir alles Öl und alle Kohle verbrennen müssen. Davon müssen wir wegkommen."

Point of no Return?

Der Klimaforscher glaubt, dass die globalen Veränderungen bereits weiter fortgeschritten sind, als viele glauben. "Ich denke, wir haben den kritischen Punkt beim Klimawandel schon überschritten." Das System habe einen Zustand erreicht, an dem es auch ohne weitere Einflüsse von außen zu einem schnellen, umfassenden Klimawandel komme. An einem "Point of no Return" sei die Erde jedoch noch nicht, glaubt Hansen. Doch zumindest beim Eis in der Arktis sei man von unumkehrbaren Klimaveränderungen nicht mehr weit entfernt.

Der extrem warme Sommer 2007 in der Arktis und die Rekordschmelze des Eises ist nach Meinung vieler Wissenschaftler ein Alarmzeichen. Als besonders verhängnisvoll habe sich eine positive Rückkopplung im Polarmeer erwiesen, erklärt Josefino Comiso vom Goddard Space Flight Center der Nasa. "Eis reflektiert die Sonnenstrahlung wesentlich stärker als Wasser." Wo das Eis verschwunden sei, werde deutlich mehr Strahlung absorbiert - das Wasser erwärme sich und beschleunige so das Schmelzen des noch verbliebenen Eises.

Für Richard Alley von der Pennsylvania State University war das Jahr 2007 nur ein Vorbote für das, was noch kommt. Bereits die Folgen des derzeit noch relativ geringen Temperaturanstiegs seien dramatisch: weniger Schnee in den Gebirgen, weniger Eis in der Arktis. "Wir werden in Zukunft noch eine viel größere Erwärmung erleben", warnt er, mit weitreichenderen Folgen als heute.

CO2-Sequestrierung erst in der Entwicklung

"Unser Ziel muss eine CO2-Konzentration von 300 bis 350 Parts per Million (ppm) sein", sagt Nasa-Forscher Hansen. Nur dann könne man das Klima stabilisieren. "Derzeit haben wir aber schon 380 ppm, und wenn wir nicht schnell reagieren, landen wir bei 450 oder mehr." Deshalb sei es vollkommen klar, dass man Kohle in Zukunft nur noch dann verbrennen dürfe, wenn das CO2 aufgefangen werde. "Wenn wir das nicht tun, wird sich das Klima auf nicht mehr umkehrbare Weise verändern."

Doch die CO2-Sequestrierung, also das Deponieren von Kohlendioxid in unterirdischen Lagerstätten, befindet sich derzeit noch im Entwicklungsstadium. "Es wird wohl noch etwa zehn Jahre dauern, bis die CO2-Abscheidung in Kraftwerken genutzt wird", sagt Juliannah Fessenden vom Los Alamos Laboratory in New Mexico. Die unterirdische Lagerung sei vielversprechend. "Nach derzeitigen Schätzungen halten die unterirdischen CO2-Speicher lange - eine Million Jahre." Es gebe zudem schon einige Erfahrungen aus der Ölförderung, bei der CO2 in die Erde gepumpt werde, um das Öl herauszupressen. Im brandenburgischen Ketzin läuft derzeit ein Versuchsprojekt "CO2SINK", das die Machbarkeit dieser Technologie untersuchen soll.

Das Einfangen des Kohlendioxids direkt im Kraftwerk ist allerdings nur ein denkbarer Weg. Elmar Kriegler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der derzeit an der Carnegie Mellon University forscht, beschäftigt sich mit der CO2-Abscheidung aus ganz normaler Luft. Technisch sei diese machbar, sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, die dafür notwendigen Anlagen würden aussehen wie Kühltürme von herkömmlichen Kraftwerken und Natriumhydroxid zum Abscheiden des Kohlendioxids nutzen.

Kohlendioxid aus der Luft holen

"Man könnte die CO2-Auffangtürme dorthin bauen, wo man das Kohlendioxid auch unterirdisch speichert. Lange Pipelines, die man bei Kohlekraftwerken braucht, wären überflüssig." Kriegler hat gemeinsam mit seinem Kollegen Joshuah Stolaroff die Wirtschaftlichkeit und die Auswirkungen verschiedener CO2-Sequestrierungstechniken untersucht.

"Nach unseren Berechnungen müssen die Kosten unter 100 Dollar pro Tonne CO2 liegen, damit die Abscheidung aus der Luft eine interessante Option wird", sagt er. Die CO2-Abscheidung direkt im Kraftwerk bleibt jedoch vom Volumen her in den Simulationen die dominierende - wegen der deutlich geringeren Kosten von nur rund 20 bis 30 Dollar pro Tonne CO2. Zusätzlich müssten aber die alternativen Energien ausgebaut und Einspartechniken entwickelt werden, um den Klimawandel zu begrenzen.

Der Charme einer CO2-Abscheidung aus normaler Luft liegt auf der Hand: Sie könnte sogar genutzt werden, um die Kohlendioxidkonzentration der Atmosphäre zu senken - das gelingt beim Auffangen in Kraftwerken nicht. "Von der Technik ist es durchaus möglich, das CO2-Niveau von derzeit 380 ppm wieder auf vorindustrielles Niveau von 280 ppm zu bringen", sagt Kriegler. "Aber die Kosten wären enorm", warnt er. Letzlich gehe es um die Frage, ob die Ausgaben dafür niedriger als die vermiedenen Schäden seien. "Ich bezweifle das, allerdings sind die Schäden infolge der erhöhten CO2-Konzentration nicht einfach zu beziffern."

Krieglers Kollege Stolaroff hat zumindest schon einmal grob überschlagen, wie hoch die Kosten einer solchen drastischen CO2-Abscheidung wären. "Man könnte in 30 Jahren alles vom Menschen erzeugte CO2 aus der Atmosphäre holen", glaubt er. Die Ausgaben dafür lägen bei rund fünf Prozent der Weltwirtschaftsleistung.

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