Gefühle bei Insekten Fliegen mit Flatter

Fliegen können so etwas wie Angst empfinden - sagen jedenfalls US-Forscher in einer neuen Studie. Auch wenn deutsche Kollegen zweifeln, bleibt eine Frage: Müssen wir auf die Gefühle von Insekten Rücksicht nehmen?

Von Haluka Maier-Borst

Corbis

Was ist Angst? Und wer oder was kann sie fühlen? Oft sind es die einfachen Fragen, die in der Forschung die besten Studien entstehen lassen - aber mitunter auch die umstrittensten. Wissenschaftler des California Institute of Technology wollen nun zum Beispiel nachgewiesen haben, dass Drosophila-Fliegen "in einen Zustand geraten können, der analog zu Angst bei Säugetieren sein könnte", wie sie schreiben. Wie genau sie zu diesem Schluss kommen, erklären sie im Fachmagazin "Current Biology".

Das Team um William T. Gibson setzte Drosophila-Fliegen zunächst in eine verschlossene Glasschale, damit sie während des Experiments nicht entwischen konnten. Dann ließen die Forscher eine motorbetriebene Scheibe über der Schale kreisen, die immer wieder das Licht über der Schale verdunkelte. Die Folge: Sobald es finster wurde, begannen die Fliegen, sich augenscheinlich unwohl zu fühlen. Sie hüpften umher und bewegten sich schnell.

Um auszuschließen, dass es sich bei dieser Reaktion um eine Ausnahme handelt, modifizierten Gibson und seine Kollegen den Versuch mehrmals. Mal setzen sie nur eine einzelne Fliege in die Schale, um zu zeigen, dass das Gehüpfe kein Schwarmphänomen ist. Mal ließen sie ausgehungerte Fliegen auf Futter sitzen und erschreckten sie dann mit dem Schatten. Dieser Versuchsaufbau sollte beweisen, dass die Tiere tatsächlich in der Verdunkelung eine Gefahr sahen und so etwas wie Angst verspürten.

Wie menschlich sind Insekten?

Es ist nicht das erste Mal, dass Biologen Insekten Eigenschaften zusprechen, die bisher als menschlich gelten. Vor einiger Zeit hatten Forscher bereits gezeigt, dass die Tierchen nach Sexentzug sozusagen gefrustet mehr Alkohol trinken. Zudem weiß man, dass Bienen traumatisiert sein können und in diesem Zustand andere Entscheidungen treffen. Es gibt auch Persönlichkeitsstudien zu Schaben, Läusen und Ameisen.

Dennoch formuliert US-Forscher Gibson die Schlussfolgerungen aus seinen Versuchen sehr vorsichtig. Er spricht nicht einfach von Angst. Stattdessen räumt der Wissenschaftler ein, dass man Äpfel mit Birnen vergleichen würde, wenn man das Verhalten von Fliegen mit menschlichen Gefühlen gleichsetzt. "Das Gehirn einer Fliege ist natürlich evolutionär ganz woanders zu verorten als unseres."

Und doch glaubt Gibson mit den Versuchen so etwas wie ein Emotionspuzzle bei den Fliegen gelöst zu haben. "Wir glauben, dass komplexe Gefühle wie Angst aus 'primitiven Emotionen' bestehen", erklärt Gibson. Wenn man also nun zeigen könne, dass diese primitiven Emotionen - also die einzelnen Puzzleteile von Gefühlen - alle bei Drosophila existieren, so müssten Fliegen folglich auch etwas empfinden können.

Kritik an der Angst-These

Gibson führt zwei Argumente ins Feld: Zum einen sei die gefühlte Bedrohung skalierbar gewesen. Je öfter nämlich der Schatten vorbeikreiste, desto heftiger war die Reaktion der Fliegen. Das sei ähnlich wie bei einem Menschen, der nach mehreren Schüssen aus einer Waffe mehr Angst verspüre als nach einem einzelnen Schuss. Zum anderen seien die Fliegen auch dann noch aufgeschreckt gewesen, als sich die verdunkelnde Scheibe schon lange weitergedreht hatte. "Das zeigt uns, dass es sich nicht um einen reinen Fluchtreflex handelt, sondern um eine dauerhafte Erregung", sagt Gibson.

Doch es gibt auch Zweifel an dieser Interpretation. Claus Zebitz, Insektenforscher an der Universität Hohenheim, kritisiert etwa, dass die Angst-Erklärung für das Verhalten der Fliegen zu beliebig sei. "Zu sagen, dass Fliegen einen Schatten als Bedrohung wahrnehmen, das finde ich zu einfach. Schließlich werfen in der Natur nicht nur Fressfeinde, sondern auch Blätter und Wolken Schatten", sagt Zebitz.

Insgesamt erscheint dem Hohenheimer Wissenschaftler der Vergleich zum Menschen einfach zu stark - trotz aller Einschränkungen. Vielleicht "fühlten" die Insekten gar keine Angst, sondern sich lediglich unwohl, weil es im Schatten kälter ist. Zebitz erklärt: "Insekten versuchen immer im Optimalzustand zu sein, und wenn das nicht der Fall ist, fangen sie halt an, sich zu bewegen."

Es bleibt daher fraglich, ob Insekten wirklich komplexe Gefühle wie Angst oder ähnliches empfinden können. Oder ob die Ergebnisse von Gibson eher eine menschgemachte Überinterpretation sind. In einem Punkt sind sich jedoch beide Forscher einig: Dass man bei Experimenten künftig Rücksicht auf die Gefühlswelt von Fliegen nehmen muss, das glauben beide nicht.



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insgesamt 53 Beiträge
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Bueckstueck 14.05.2015
1. Nun...
"Wir glauben, dass komplexe Gefühle wie Angst aus 'primitiven Emotionen' bestehen", erklärt Gibson. Das erleben wir Menschen doch Tag für Tag - ist also bestätigt und gilt auch für Tiere. Ob es bei Insekten gilt? Wer weiss...
zeichenkette 14.05.2015
2.
"Es ist nicht das erste Mal, dass Biologen Insekten Eigenschaften zusprechen, die bisher als menschlich gelten." Ich finde es als geradezu grotesk anzunehmen, dass Gefühle bei Menschen prinzipiell anders funktionieren als bei Tieren. Schon allein deshalb, weil Menschen nunmal auch Tiere sind. Solche Gefühle wie Angst dürften evolutionär viel älter sein als Menschen oder auch nur Säugetiere. Man müsste da nicht nachweisen, dass Fliegen Angst empfinden können, man müsste nachweisen, dass sie es NICHT tun, bevor man sowas annimmt.
Pfaffenwinkel 14.05.2015
3. Sobald ich mit der Fliegenklatsche komme,
flüchten die meisten Fliegen. Schatten? Angst? Instinkt? Werden wir mit Sicherheit nie wissen.
Layer_8 14.05.2015
4. Selbsterhaltungstrieb
Wenn es sowas bei allen Tieren (und auch Pflanzen?) gibt, gehört Angst doch dazu. Warum sollte man dieses Gefühl den Fliegen nicht zugestehen?
cassandros 14.05.2015
5. Gefühle für Fliegen
Zitat von zeichenkette"Es ist nicht das erste Mal, dass Biologen Insekten Eigenschaften zusprechen, die bisher als menschlich gelten." Ich finde es als geradezu grotesk anzunehmen, dass Gefühle bei Menschen prinzipiell anders funktionieren als bei Tieren. Schon allein deshalb, weil Menschen nunmal auch Tiere sind. Solche Gefühle wie Angst dürften evolutionär viel älter sein als Menschen oder auch nur Säugetiere. Man müsste da nicht nachweisen, dass Fliegen Angst empfinden können, man müsste nachweisen, dass sie es NICHT tun, bevor man sowas annimmt.
Das ist "emotional" argumentiert, aber leider nicht wissenschaftlich. "Empfindungen" (Gefühle) sind BEWUSSTSEINSZUSTÄNDE, die es in vergleichbarer Form bei Tieren wie Insekten mit Sicherheit nicht gibt. Dafür fehlen den Tierchen einfach die entsprechenden Hirnstrukturen! Bei Tieren ohne "Ich-Bewußtsein" (über das nur wenigen verfügen) sind Begrifflichkeiten wie "Gefühl" und "Empfindung" höchst problematisch. Die allermeisten Wissenschaftler vermeiden sie daher aus gutem Grunde.
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