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Forscherdisput: Grabenkampf um Klimawandel-Kriege

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Bürgerkriegsfolgen in Somalia (November 2001): Mehr Kriege bei höheren Temperaturen? Zur Großansicht
AFP

Bürgerkriegsfolgen in Somalia (November 2001): Mehr Kriege bei höheren Temperaturen?

Machen höhere Temperaturen die Menschen gewalttätiger? Forscher sind in dieser Frage heftig aneinandergeraten. Jetzt bringt eine Studie neuen Zündstoff in die Debatte.

Der Titel der Studie klingt eigentlich recht friedlich: "Aussöhnung der Meinungsverschiedenheiten über Klima-Konflikt-Ergebnisse". Unter dieser Überschrift versuchen die US-Forscher Solomon Hsiang und Kyle Meng, den teils heftig geführten Disput über die vermeintlich konfliktfördernde Wirkung des Klimawandels zu lösen. Das Problem: Sie wollen die Debatte in ihrem Sinne beenden - und das geht gründlich schief.

Der Streit geht auf zwei Studien zurück, die 2009 und 2010 veröffentlicht wurden. Zunächst hatte ein Team unter Leitung von Marshall Burke - wie Hsiang an der University of California in Berkeley tätig - die These aufgestellt, die Klimaerwärmung steigere die Gefahr von Bürgerkriegen in Afrika. Einige Monate später verfasste Halvard Buhaug vom Friedensforschungsinstitut in Oslo eine Gegenstudie, die Burke komplett zu widerlegen versuchte - auf "aggressive und demontierende" Art, erklärte Hsiang gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Im August 2013 schaffte es der Disput gar ins Fachmagazin "Science", also quasi auf den Olymp der Forschung: Hsiang und seine Kollegen rechneten vor, dass der Klimawandel nicht nur Bürgerkriege in Afrika befeuert, sondern auch häusliche Gewalt in Indien und Australien, Körperverletzungen und Morde in den USA, Polizeigewalt in Holland und viele andere Konflikte. Die Studie machte weltweit Schlagzeilen - und stieß auf massive Kritik von Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen.

Versöhnung oder Retourkutsche?

Im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) schreiben Hsiang und Meng nun, sie könnten beide Seiten versöhnen. Doch bei genauerem Hinsehen wirkt die Studie eher wie eine Retourkutsche in Richtung Oslo. Buhaugs Ergebnis, das Klima habe nichts mit Bürgerkriegen in Afrika zu tun, "basiert auf nicht vorhandenen oder fehlerhaften statistischen Tests", heißt es in der Zusammenfassung des Beitrags. Wende man die "korrekten" Tests an, widerlege Buhaugs Studie die von Burke keinesfalls - sondern bestätige sie sogar. Der ganze Disput, so Hsiang und Meng, basiere auf einer Fehlannahme.

Also alles wieder gut?

Mitnichten. Buhaug reagierte noch in derselben "PNAS"-Ausgabe mit einem Kommentar. Darin wirft er seinen Kontrahenten vor, über die statistischen Feinheiten die eigentliche Frage aus den Augen zu verlieren: Gibt es bei steigenden Temperaturen nun mehr Kriege oder nicht?

"Bemerkenswerterweise scheint diese Frage Hsiang und Meng nicht zu interessieren", erklärte Buhaug gegenüber SPIEGEL ONLINE. Stattdessen hätten sie nur untersucht, ob er mit seiner Kritik an der Burke-Studie richtiggelegen habe. "Die wissenschaftlich interessante und politisch relevante Frage ist aber nicht, ob die Ergebnisse verschiedener Modelle von früheren Resultaten abweichen, sondern ob es einen robusten Effekt von Temperaturen auf Konflikte gibt."

Versteckte Einigkeit

Ironischerweise hätten Hsiang und Meng mit ihrer Studie gezeigt, dass es durchaus Einigkeit gebe: Nämlich darin, dass keine eindeutigen Anzeichen für den Temperatureffekt existierten. Nur würden sie das "bequemerweise" verschweigen. Buhaug bekommt in dieser Hinsicht Schützenhilfe von Richard Tol, Wirtschaftsprofessor an der britischen University of Sussex. Zwar seien die statistischen Analysen von Hsiang und Meng besser als die von Buhaug und Burke. Was Hsiang und Meng aber "zu erwähnen vergessen" hätten: Ihre "korrekten" Tests zeigten überzeugend, dass auch Burkes Ergebnisse falsch seien. Hsiang findet es "unsinnig zu behaupten, dass unsere Resultate irgendwie zeigen, Buhaug hätte die ganze Zeit recht gehabt".

Der Soziologe Nico Stehr zeigt sich von der ganzen Debatte irritiert. "Die in diesen Aufsätzen diskutierten Zusammenhänge sind trotz der Bemühungen mit komplizierten statistischen Verfahren sinnlos", so Stehr. Sofern Klimaveränderungen überhaupt eine gesellschaftliche Reaktion zur Folge hätten, werde diese in komplexe soziale Prozesse eingebettet sein. "Die nackte Korrelation von Temperatur und 'Konflikten'", meint Stehr, "ist genauso sinnvoll wie die Diskussion, ob man ohne Kopftuch nackt sei."

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insgesamt 31 Beiträge
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1. Gegenbeweis
nixda 21.01.2014
vor der Klimaerwärumg gab es Weltkriege. Sogar davor war das deutsche Kaiserreich und Frankreich ziemlich aktiv. Überhaupt war damals viel mehr los als heute. Dann wurde uns erst die nächste Eiszeit verkündet und ein paar Jahre danach hiess es das Gegenteil. Seit damals gabs keine Weltkriege mehr aber trotzdem sollen wir gewalttätiger sein? Wenn mich etwas agressiv macht dann sind es solche dumm gefälschten Studien und dass Leute nicht nur damit Geld verdienen, nein manche glauben den Blödsinn doch tatsächlich auch noch.
2. optional
wahlossi_80 21.01.2014
So ist es, wenn Forscher ihre Deutung von Daten wie ein Dogma verteidigen. Wir hatten in Deutschland vor wenigen Jahren eine ähnliche Kontroverse. Erschreckend finde ich, wie der Klimaschutz inzwischen die globale Agenda vieler Staaten beeinflusst. Alles auf Grundlage unsicherer Prognosen. Hier der erwähnte Fall: http://civitaslibertatis.wordpress.com/2011/12/01/klimaschutz-als-dogma/
3. Wissenschaft statt Statistik
Zaphod 21.01.2014
In vielen unterschiedlichen Fachbereichen besteht die Forschung nur noch darin, statistische Untersuchungen vorzunehmen. Korrelationen können jedch nichts erklären. Vor allen Dingen entfalten Korrelationen keine normtive Kraft. Die Aufgabe der Wissenschaft besteht nicht darin, durch feinsinnige Statistik den Nachweis zwischen Klima und Konflikten zu erbringen, sonden vielmehr Lösungsstrategien aufzuzeigen, wie mögliche Konflikte verhindert werden können. Es bringt doch nichts, irgendwelche Forscher gleich welcher Disziplin dafür zu bezahlen, dass sie im Nachhinein Muster und Regelmäßigkeiten erkennen, ohne sie begründen zu können. Das Vergangene muss vielmehr qualitativ bewertet und weniger quantitativ analysiert werden, damit die Zukunft gestaltet werden kann!
4.
Horstino 21.01.2014
Im Südsudan hat sich die Bevölkerung in wenigen Jahrzehnten vervierfacht. Da kann sich jeder selber fragen, ob das Problem die vermehrte Dürre ist, oder ob es daran liegt, dass die gleichen Flächen viel mehr Menschen ernähren müssen. Auch in den arabischen Staaten gibt es eine sogenannte demographische Falle: es gibt immer mehr junge Menschen, aber keine Jobs für sie. Und die Chinesen haben das Problem schon vor Jahrzehnten erkannt, auch wenn die ein Kind Politik möglicherweise etwas krass war. DAS ist das drängendste Problem: Das ungebremste Bevölkerungswachstum. Der Klimawandel verschärft diese Problematik höchstens.
5. Die Fatwas des christlichen Abendlandes sind die Studien
kritischergeist 21.01.2014
Es gibt unendlich viele davon und eine ganze Reihe davon widersprechen sich auch. Die Mehrheit der Studien ist nicht ergebnisoffen. Das Ziel ist eine politische oder wissenschaftliche Aussage die man gerne machen würde und um diese zu bekräftigen macht man dann eine Studie. Die Medien sind studienhörig, besonders was das Klima angeht. Nichts kann so absurd sein, es wird zur Bestätigung des Glaubens an die Apokalypse veröffentlicht. Bei den meisten Studien reicht bereit ein kritischer Verstand und wissenschaftliches Verständnis um die Ergebnisse anzuzweifeln. Zeig mir wer deine Studie bezahlt hat und von wem sie kommt und ich sage dir zu welchem Ergebnis sie führt. Wer einmal Studien der Vergangenheit darauf hin nachprüft ob das Vorausgesagte auch eingetroffen ist, bekommt einen realen Eindruck über die miserable Trefferquote. Man sollte Studien die etwas für die Zukunft prognostizieren in die Kategorie Astrologie einordnen. Dort gehören sie nämlich hin.
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