Kampf gegen Müll Forscherin entdeckt zufällig Plastik fressende Raupe

Ist das die Lösung für das globale Müllproblem? Eine Forscherin in Spanien hat eine Raupenart entdeckt, die Plastik frisst.

César Hernández/ CSIC

Keine Frage, in der Welt der Wissenschaft gibt es etliche kluge Köpfe. Doch manchmal ist ausgerechnet der Zufall der beste Forscher. Zumindest gibt es dafür einige Beispiele: Die Entdeckung der bakterientötenden Wirkung des Penicillium-Schimmelpilzes 1928 durch Alexander Fleming gehört sicher zu den bekanntesten. Zwar war das Penicillin schon vorher beschrieben worden, doch erst eine zufällige Beobachtung von Fleming, die er in einer seiner Staphylokokken-Kulturen machte, brachte die Entwicklung von Antibiotika in Gang.

Genau so ein Zufall ist es, der nun Federica Bertocchini zu einer interessanten Entdeckung verholfen hat. "Ich beschäftige mich beruflich mit Hühnerembryos, bin aber Hobby-Bienenzüchterin", sagte die Biologin.

Bei der Säuberung eines Bienenstocks habe sie zu Hause im nordspanischen Santander, wo sie an der Universidad de Cantabria arbeitet, plötzlich "dieses Würmchen" entdeckt. "Es ernährt sich von Pollenresten und ist für uns Imker wie die Pest." Die Italienerin warf die Larven genervt in eine Plastiktüte. Und siehe da: "Nach einer Weile war der Beutel voller Löcher und die Larven waren draußen."

Nun war die Neugier von Bertocchini geweckt.

Die Wissenschaftlerin und ihre Kollegen begannen, die Würmer zu beobachten. Und tatsächlich: Das Verhalten der Larven war kein Einzelfall. Die Raupen der Großen Wachsmotte (Galleria mellonella) können eine handelsübliche Plastiktüte relativ zügig zersetzen. Sie fressen den wohl am häufigsten verwendeten und biologisch kaum abbaubaren Kunststoff Polyethylen (PE). Wegen der hohen Zersetzungsgeschwindigkeit habe der Fund "Potenzial für bedeutende biotechnologische Anwendungen", schreiben die Forscher im Fachmagazin "Current Biology".

In Tests fanden sie heraus, dass rund 100 Wachsmotten-Larven in zwölf Stunden etwa 92 Milligramm einer normalen Einkaufstüte fressen können. Bereits nach 40 Minuten waren Löcher zu sehen. "Das ist ein sehr schneller Abbau, schneller als alles, was zu diesem Thema bisher wissenschaftlich veröffentlicht wurde", sagte Bertocchini.

"Wir vermuten, dass für diese schnelle Zersetzung ein Molekül oder Enzym verantwortlich ist, das wir zu isolieren versuchen werden." Dieses Enzym könne man dann in großem Umfang produzieren und es nutzen, um Plastikmüll abzubauen, hofft die Wissenschaftlerin.

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Auch andere Organismen wie Pilze oder Bakterien sind bekannt dafür, dass sie Kunststoffe abbauen können. Erst voriges Jahr wurde am japanischen Kyoto Institute of Technology ein Bakterium namens Ideonella sakaiensis 201-F6 entdeckt, das PET-Flaschen verdauen kann.

Doch wie andere zuvor entdeckte Plastikfresser ist Ideonella weit davon entfernt, das globale Problem mit dem Plastikmüll zu lösen. Unter optimalen Bedingungen und bei Temperaturen um die 30 Grad Celsius braucht das Bakterium etwa sechs Wochen, um ein kleines Stück Polyethylenterephthalat (PET) zu zersetzen.

Da ist die Wachsmotten-Raupe, die auch als Fischköder verwendet wird, beim Abbau von Polyethylen (PE) deutlich schneller. Dieses aus Erdöl hergestellte synthetische Polymer werde vor allem zur Herstellung von weltweit rund einer Billion Tüten pro Jahr benutzt, die insgesamt rund 60 Millionen Tonnen Plastik entsprächen, erklärt Bertocchini.

Plastik ist biologisch eigentlich kaum abbaubar. Die Zersetzung kann mehrere Jahrhunderte dauern. Der Plastikmüll landet häufig in der Umwelt. Im Meer wird der Abfall von Fischen oder von Vögeln gefressen, die oft qualvoll an den Folgen des unverdaulichen Stoffes in ihren Mägen verenden.

joe/dpa



insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
2cv 24.04.2017
1. cool...
...als Refill Spray für die gelbe Tonne, beim Schliessen des Deckels wird kurz ne Ladung Bakterien zerstäubt, schrumpft den Müll um die Hälfte... hmmh. Sollte man nicht bei der neuseeländischen Geldscheindruckerei in die Klimaanlage einbringen (die Geldscheine haben einen Plastikstreifen)... Ideen über Ideen... ;)
skimmingstones 24.04.2017
2. Endlich mal wirklich gute Nachrichten
Jetzt brauchen wir nur noch Biber die Uran fressen und Geier die Feinstaub aufsaugen, chillige Umwelt!
SanchosPanza 24.04.2017
3. Abbau von Plastik
Das PE der Plastiktüten baut sich in der Natur im Gegensatz zu PVC unter dem Einfluß von UV-Licht eigentlich recht schnell ab. Zu Wasser und Kohlendioxid aber das ist ja auch böse.
hanfiey 24.04.2017
4. Kleidermottenlarven
Die essen auch Plastikgewebe wenn nichts anderes da ist zum futtern. Das heißt aber nicht das die das gerne machen oder das Zeug gar einen Nährwert für die hätte.
spon-1292604570540 24.04.2017
5. Lesen bildet
PE Film fuer Tueten/Tragetaschen ist nicht stabilisiert gegen UV-Strahlen (kostet Geld!). Daher versproedet der Film im Sonnenlicht und zerbroeselt schliesslich. Das tut er natuerlich nicht, wenn verbuddelt. PE ist inert, daher nicht giftig und verbrennt auch recht ordentlich wie Kerzenwachs. Beste Nutzung: Muellverbrennung. Wenn's dann auch noch welche Wuermer gibt, die den Film zernagen, umso besser. Zu den Kommentaren: Die gelbe Tonne ist auch aus PE (allerdings mehr HDPE), was den Wuermer auch schmecken koennte; und dann ist da noch die Frage, was aus den nun prallen Wuermern wird ... Biber moegen gerne Uran fressen, nur bleibt das Uran auch nach ihrem Dahinscheiden erhalten. Fuer den Feinstaub braucht es keine Geier, denn der Regen waescht es aus.
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