Forscherstreit Riesen-Saurier könnten Schwanenhals besessen haben

Die gigantischen Sauropoden waren die größten Geschöpfe, die jemals über unsere Erde tappten. Doch wie sahen sie eigentlich genau aus? Forscher streiten, ob die Riesentiere ihren Kopf oben halten konnten. Nun gibt es neue Indizien, wonach einige vielleicht sogar einen Schwanenhals hatten.


Jeder weiß, wie die riesigen Dinosaurier ihren Kopf hielten; man kann es täglich sehen. Ob beim Besuch im Naturkundemuseum oder - vor allem - beim abendlichen Fernsehkonsum: Immer wieder ist klar erkennbar, dass die Giganten ihren Kopf mehr oder weniger vor dem Körper halten - und zwar an einem geraden Hals. Doch möglicherweise müssen die Dino-Filme umgeschrieben werden, denn klar ist im Bezug auf die Kopfhaltung der Tiere überraschend wenig.

Die sogenannten Sauropoden waren die gewaltigsten Lebewesen, die jemals den Erdboden unter ihren Füßen erzittern ließen. Sie trieben den Körperbau von Wirbeltieren an die Grenzen des physikalisch Möglichen. Seit einiger Zeit debattieren Forscher darüber, ob und wie stark die Tiere ihren Kopf anheben konnten und wie ihr Hals wohl ausgesehen haben könnte. Im vergangenen Herbst widmete sich das Fachmagazin "Science" ausgiebig der Diskussion. Nun legen britische Forscher neue Indizien vor, die sie glauben lassen, die gigantischen Pflanzenfresser könnten ihren Kopf extrem hoch getragen haben - an einem möglicherweise schwanenartig gekrümmten Hals.

Eine Forschergruppe um den Briten Mike Taylor von der University of Portsmouth stellt im Fachmagazin "Acta Palaeontologica Polonica" Ergebnisse von Röntgenuntersuchungen vor, die das belegen sollen. Die Wissenschaftler hatten zehn derzeit lebende Tierarten untersucht, darunter Katzen, Hasen, Schildkröten und Krokodile. Einige der Probanden verfügten jeweils über einen beeindruckend langen Hals, Giraffen und Strauße zum Beispiel.

Hals in Form einer S-Kurve

Die Forscher kamen dabei zu dem Schluss, dass sich erstens aus der Analyse der Knochen allein oft nicht absehen ließe, wie die Tiere ihren Kopf tatsächlich trügen. Und dass zweitens überraschend häufig ein Hals in Form einer S-Kurve zu bemerken war.

Brandneu ist die These vom hohen Kopf nicht, einige der ersten öffentlich ausgestellten Dinosaurierskelette Ende des 19. Jahrhunderts sahen bereits so aus. Doch dann setzte sich die These vom niedrigen Kopf durch. Seit einiger Zeit wird in der Wissenschaft aber wieder der Dino mit stolz erhobenem Haupt als ernsthafte Möglichkeit diskutiert. Gordon Dzemski und Andreas Christian von der Universität Flensburg hatten bereits im Herbst 2007 im "Journal of Morphology" erklärt, zumindest in Alarmsituationen hätten Tiere wie der Diplodocus carnegii ihren Kopf hoch erhoben gehalten. Darauf deuteten Beobachtungen an noch lebenden Tieren hin - ein Ansatz wie ihn jetzt auch Taylor und Kollegen verwenden.

"Wir haben widersprüchliche Hinweise", sagt der Paläontologe Martin Sander von der Universität Bonn im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Vergleiche mit heutigen Tieren sprechen dafür, dass die Sauropoden ihren Kopf oben halten konnten, kardiovaskuläre Argumente sprechen dagegen."

Im Kern geht müssen zwei Fragen geklärt werden:

  • Kann das Herz tatsächlich genug Blutdruck aufbauen , um ein bis zu 15 Metern über dem Boden liegendes Sauropodengehirn mit Sauerstoff zu versorgen?

  • War die Wirbelsäule flexibel genug, um ein Heben des Kopfes zu ermöglichen?

Der zweite Punkt scheint tendenziell geklärt, auch noch einmal dank der neuen Ergebnisse. "Falls Sauropoden ihren Kopf nicht ganz anders getragen haben als jedes andere lebende Wirbeltier, müssen wir annehmen, dass die Basis ihres Halses stark nach oben gekrümmt war", sagt Taylor. Einige Arten hätten deswegen einen schwanenartigen Hals gehabt.

Doch nicht alle Forscher sehen das so. Zum Beispiel beklagt Paul Barrett vom Natural History Museum in London, dass ihn die vermeintlichen Belege nicht überzeugten. Der australische Forscher Roger Seymour von der University of Adelaide verweist darauf, dass bei den Sauropoden viel zu viel Energie für das Aufrechthalten des Kopfes draufgegangen wäre. Nach seinen Berechnungen wären allein für das Aufrechterhalten des Blutkreislaufs 45 Prozent des Energiehaushalts der Tiere nötig gewesen.

Kopf hoch oder runter?

Doch die Anhänger der Theorie vom hohen Kopf lassen sich davon nicht abschrecken. In einem Gespräch mit der BBC stellte Taylor indes klar, dass Naturkundemuseen wie das Natural History Museum in London ihre Sauropoden-Skelette nicht umbauen müssten. Die gezeigte Haltung mit gestrecktem Hals und Kopf nach vorn sei eine von zahlreichen Bewegungsmöglichkeiten, sagte der Forscher. So hätten die Tiere etwa zum Trinken ihren Kopf sehr wohl auch nach unten genommen. Die meiste Zeit aber hätten die Giganten ihren Kopf weit oben getragen.

"Es ist eine Frage, wie lange der Kopf oben gehalten werden konnte", sagt der Paläontologe Martin Sander. Um den Streit zu lösen, gibt es seiner Ansicht nach drei Möglichkeiten. Die beste - und die unwahrscheinlichste - wäre, wenn Wissenschaftler fossilierte Dinosaurierherzen finden würden. In seltenen Fällen könnte durchaus Gewebe enthalten bleiben, dessen Analyse bei der Antwort helfen könnte, ob der Kreislauf der Tiere für einen hoch gehaltenen Kopf ausgelegt war.

Doch noch steht solch ein Glücksfund aus.

Blieben, so sagt Sander, zwei realistischere Möglichkeiten. Zum einen müssten sich Analysen verstärkt auf die Halswirbelknochen der Saurier konzentrieren, an denen sich auch der Verlauf der Muskeln ablesen lasse. Zum anderen müssten sich Forscher weiter mit Dinosaurier-Fußspuren befassen. Von ihnen gibt es jede Menge - und ihre genaue Vermessung könnte dabei helfen, die Belastung auf die Vorderbeine der Tiere präzise zu bestimmen.

chs



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