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Fossil-Entdeckung: Forscher finden frühen Ahnen von Affe und Mensch

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47 Millionen Jahre alt ist das Fossil - und womöglich der älteste Vorfahr von Affen und Menschen: So stolz sind die Entdecker auf ihren Fund, dass sie die in der Wissenschaft üblichen Prüfungen nicht abwarten - und sich gleich an die Vermarktung des kleinen Uraffen machen.

Es passiert nicht alle Tage, dass es eine Wissenschaftsgeschichte ins Medien-Ressort der "New York Times" schafft. Einem kleinen affenähnlichen Tier einer längst ausgestorbenen Primatenart ist es gelungen. Sein Medien-Agent: Jørn Hurum, Paläontologe von der Universität Oslo.

47 Millionen Jahre nach seinem Tod soll das kleine lemurenartige Tier nun als wissenschaftliche Berühmtheit vermarktet werden. Seine Leistung: Es könnte ein "missing link" sein, ein fehlendes Bindeglied zwischen zwei Arten. Auch den richtigen Namen hat der Kleine schon. Darwinius masillae tauften ihn die Wissenschaftler.

Mehr Evolution geht nicht.

Dabei ist die Verwendung des Begriffs Missing Link PR in Reinform. Obwohl es eine Menge Missing Links in der Evolution gibt, verstehen viele Menschen darunter eines: das von Wissenschaftlern seit langem gesuchte evolutionäre Verbindungsglied zwischen Affe und Mensch. Sozusagen der Heilige Gral der Paläontologie.

Eins aber ist schon jetzt klar: Darwinius ist - wenn er überhaupt einer ist - sicherlich nicht dieser Missing Link. Affen und Menschen trennten sich vor etwa fünf bis zehn Millionen Jahren. Hier geht es um den letzten gemeinsamen Vorfahren von Feuchtnasenaffen und Trockennasenaffen. Erstere Gruppe umfasst Tiere wie Lemuren, Makis und Loris. Letztere alles, was man eigentlich unter Affen versteht - den Menschen inklusive. Zugegeben: Feuchte und trockene Nasen lassen sich etwas schlechter vermarkten.

Der erste gemeinsame Vorfahr, aber nicht der letzte

Das Fossil ist erstaunlich gut erhalten, so gut wie keine andere Primatenversteinerung, schreiben die Forscher in ihrer wissenschaftlichen Veröffentlichung im Fachmagazin " Public Library of Sciences ONE" (PLoS ONE). Es stamme von einem weiblichen Jungtier, das im Alter von etwa einem Jahr starb. Es zeigt das etwa 50 Zentimeter lange Tier von der Seite, Skelett, Körperumrisse und Eingeweide sind gut zu sehen - der lange Schwanz ähnelt heutigen Lemuren. Darwinius aber ist kein Lemur, sondern gehört zur einer bisher unbekannten Art der Familie der Adapoiden. Er ähnele, so schreiben die Forscher, mehr den Trockennasenaffen als den Feuchtnasen - also mehr den wirklichen Affen.

Ein ganz ganz entfernter Verwandter von uns Menschen also ist Darwinius - und könnte so etwas wie der Stammvater der Primaten sein. Nicht der letzte gemeinsame Vorfahr von Affe und Mensch, sondern der erste. Wissenschaftlich spannend auf jeden Fall - aber auch für die breite Masse? Eher nicht. Für eine richtige Medienstory musste also noch etwas Indiana-Jones-Flair her.

Die Geschichte von dem Fund geht so: Ein privater Fossilien-Jäger fand Darwinius in der in der Grube Messel, nordöstlich von Darmstadt, wo schon viele paläontologisch bedeutende Funde gemacht wurden. Dann aber landete der Affen-Urahn erst einmal in der Schublade, wo er viele Jahre verkannt schlummerte.

Erst im Jahr 2006 dann zeigte der Sammler auf einer Ausstellung in Hamburg ein Bild von seinem Fund dem Paläontologen Hurum - bei einigen wodkahaltigen Getränken, wie die "New York Times" schreibt. Trotz der Drinks erkannte Hurum die Relevanz des Fundes sofort und setzte sich dafür ein, dass das Fossil von der Universität Oslo gekauft wurde. Schließlich berief er ein Paläontologen-Team ein, um den Fund zu untersuchen - mit beteiligt sind die deutschen Forscher Jens Franzen und Jörg Habersetzer vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt. Und die waren offenbar seiner Meinung, was die Wichtigkeit des Funds anging.

Exklusiv Medienrechte vergeben

Soweit so gut, aber ab dann schlägt Hurum einen für einen Wissenschaftler ungewöhnlichen Weg ein: Felsenfest von der Bedeutsamkeit seines Fundes überzeugt, bietet er seinen Star verschiedenen Medien an. Mit dem "History Channel" hat er unter strengster Geheimhaltung seit vergangenem Jahr einen Film über den Fund produziert, er wird am 30. Mai in den USA ausgestrahlt. Danach wird ihn die BBC in Großbritannien und das ZDF in Deutschland zeigen.

Der Vorgang ist ein Beispiel für die zunehmende Vermarktung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Ähnliches kannte man bisher auch von spektakulären Stonehenge-Grabungen, wo einerseits die BBC, andererseits die National Geographic Foundation als Sponsoren zweier miteinander konkurrierender Wissenschaftler-Teams auftraten.

Normalerweise wird eine Forschungsarbeit bei einem Fachmagazin eingereicht, wo sie vor der Veröffentlichung von anderen Experten geprüft wird. Dieser Prozess des "peer review" kann mehrere Monate dauern, für diese Zeit verhängt das Magazin eine Informationssperre. Die Forscher dürfen nicht über ihre Arbeit sprechen. Die Praxis ist bei vielen Fachmagazinen üblich und hat das Ziel, die Verbreitung ungeprüfter und womöglich falscher Fakten zu verhindern.

Hurum aber hat schon mehrere Medienpartner mit ins Boot geholt - vor Veröffentlichung der Arbeit. Am Dienstag, den 19. Mai um 16.30 Uhr MEZ präsentierte er bei einer Pressekonferenz im New Yorker American Museum of Natural History seinen Fund. Zeitgleich zur Pressekonferenz in den USA - und nicht etwa vorher - wurde die Arbeit in dem Fachmagazin veröffentlicht. Ein weiterer ungewöhnlicher Punkt hierbei: Sie erschien nicht in einem der Top-Blätter wie "Nature" oder "Science", sondern in PLoS, einem noch relativ jungen Online-Fachmagazin, das für unbeschränkten Informationszugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen eintritt.

Es ist nicht der erste Medien-Coup des Norwegers: Ende März strahlte etwa der "History Channel" eine aufwändige Dokumentation über die Arbeit des in Gesprächen stets freundlich und zugänglich auftretenden Forschers aus. Auf Spitzbergen hatte er seit 2006 einen Saurierfriedhof ausgegraben. Wichtigster Fund war ein riesiger Pliosaurus, der unter dem martialischen Namen "Predator X" vermarktet wurde.

Mit stimmungsvoller Musik unterlegt, präsentierte der Film die Bilder der dreckverschmierten Paläontologen, die ihrer Arbeit nicht weit entfernt vom Nordpol nachgingen. Wissenschaft als Abenteuer, das war das Image, das die aufwändige Dokumentation vermitteln wollte - menschelnde Forscher inklusive. Hurum nutzte den Film aber auch, um sein Tun als wissenschaftlich seriös zu verteidigen. Zehn Jahre Arbeit im Labor seien für solch ein Projekt nötig. "Am Ende bekommt man dabei auch gute Wissenschaft", so der Forscher.

Totale Vermarktung - nun auch von wissenschaftlichen Ergebnissen? Am Telefon wollte Hurum das gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren und verwies auf die Pressekonferenz. Der "New York Times" sagte der Forscher aber: "Jede Pop-Band macht es so. Jeder Athlet macht es so. Wir müssen auch in der Wissenschaft beginnen, solche Wege zu gehen."

Darwinius masillae könnte somit zum Wissenschafts-Popstar werden.

Mitarbeit: Christoph Seidler

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Darwinius masillae: Die Mutter aller Primaten


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