Knochensplitter

Fundstücke Mehr als nur Nachahmer

Ornithomimus: Gefiederter Körper, nackte Beine
Julius Csotonyi

Ornithomimus: Gefiederter Körper, nackte Beine

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In seinem ersten Studienjahr entdeckte Aaron van der Reest ein sensationelles Fossil. Der Fund brachte ihm eine Veröffentlichung mit einem der berühmtesten Paläontologen der Welt ein. Weitere Glücksfunde, paläontologische Überraschungen und gewagte Thesen im Überblick.

Von so einem Fund träumt jeder Student: Aaron van der Reest fand in der Dinosaur Park Formation im kanadischen Bundesstaat Alberta ein ungewöhnlich gut erhaltenes Ornithomimus-Fossil. Der Fund ist erst das dritte und zugleich bisher beste Fossil dieser Art, bei dem auch Strukturen von Federn erhalten blieben. Zum ersten Mal gelang so die Rekonstruktion des Gefieders. Das Fossil bewahrte sogar die Federn des Unterbauchs - bisher gab es solche Funde nur von archaischen Vögeln.

"Wir wissen jetzt", zitiert eine Pressemitteilung der University of Alberta ihren Studenten, "wie das Schwanzgefieder aussah, und auch, dass seine Beine vom Oberschenkel abwärts nackt waren."

Kurzum: Das Gefieder von Ornithomimus sah aus wie das eines Strauß oder Emus.

Genau an solche großen Laufvögel hatte Ornithomimus schon seine Entdecker erinnert. Der lateinische Name bedeutet übersetzt "Vogelnachahmer": Othniel Charles Marsh, der die Spezies 1890 erstmals beschrieb, lieferte mit der Benennung schon fast einen thesenhaften Kommentar, stellte den Dinosaurier in einen Kontext zu Vögeln. Doch es sollte noch mehr als ein Jahrhundert vergehen, bis erstmals federartige Strukturen an einem Ornithomimus-Fossil entdeckt wurden.

Van der Reest hält den spezifischen Schnitt des Saurier-Gefieders für aufschlussreich: Strauße nutzten Gefieder und nackte Haut, um ihre Körpertemperatur zu regulieren. "Das Gefieder an diesem Exemplar ist nahezu identisch zu dem eines Straußen", sagt er. Daraus könne man schließen, dass Ornithomimus es auch genauso nutzte.

Für Alex Wolfe, neben Philip Currie zweiter Koautor der nun im Fachblatt "Cretaceous Research" erschienenen Studie, liefert der Fund aber mehr als nur Informationen über Wärmeregulierung, die Evolution der Feder oder das Gefieder eines spezifischen Sauriers. "Dieser Fund festigt die Verbindung zwischen Vögeln und Dinosauriern, vor allem im Bezug auf Theropoden (Raubsaurier, Red.). Viele Dinge in der Morphologie dieses Fossils und in der chemischen Struktur seiner Federn kann man kaum von den Merkmalen moderner Vögel unterscheiden."

Will sagen: "Vogelnachahmer" war wohl ein Understatement. Die Grenze zwischen Vogel und Dinosaurier ist fließend.

Unvermutet: Spaniens Ur-Luchse kamen früher

Luchse und ihre Vorfahren haben sich über 4,5 Millionen Jahre nur unwesentlich verändert. Nur ihre Größe und Körpermasse nahm beständig ab.
José Antonio Peñas/ Sinc

Luchse und ihre Vorfahren haben sich über 4,5 Millionen Jahre nur unwesentlich verändert. Nur ihre Größe und Körpermasse nahm beständig ab.

Vor 1,6 Millionen Jahren starb in einer Höhle im Garraf-Mittelgebirge bei Barcelona ein Luchs (Lynx pardinus). Das ist zum einen deshalb bemerkenswert, weil man bisher davon ausging, dass die ersten iberischen Luchse erst vor rund einer Million Jahre dort ankamen. Zum anderen erwies sich der Schädel-Fund als besonders aufschlussreich, wie die Entdecker des Fundes nun im Fachblatt "Quaternary Science Reviews" berichten.

Es gelang ihnen nicht nur, die Ernährungsweise der stummelschwänzigen Katze nachzuvollziehen (vor allem Kaninchen, Kaninchen und, ach ja: Kaninchen), sondern auch ihre Gestalt zu rekonstruieren. Demnach waren diese frühen Luchse des Pleistozän ihren heutigen Nachfahren zum Verwechseln ähnlich: Nur größer (10 bis 20 Prozent) und schwerer (zehn Kilogramm) dürften sie gewesen sein.

These über Dino-Nasen: Hohl- war Kühlraum

Viele besonders große Dinosaurier hatten in ihren Schädeln überproportional große Nasenhöhlen. Darüber, wofür die wohl gut waren, gibt es so einige Thesen. Neben auf der Hand liegenden Deutungen (besonders feine Riechorgane, Kommunikation, Lärm machen) gibt es nun noch eine neue: Die Hohlräume seien vor allem Kühlräume gewesen.

Und zwar, um das Saurier-Gehirn vor Überhitzung zu schützen. Das behauptet jedenfalls Jason Bourke, Doktorand an der Ohio University, in einer Studie, die er auf dem Jahrestreffen der Society of Vertebrate Paleontology vorstellte.

Demnach seien die oft kompliziert aufgebauten Nasenhöhlen nichts anderes als Wärmetauscher gewesen: Das warme Blut sei dort hindurchgeleitet worden, bevor es den Schädel und damit das Gehirn erreichte. Bourke geht davon aus, dass die voluminösen Nasenhöhlen keineswegs hohl und leer, sondern mit gut durchblutetem Gewebe gefüllt waren.

Dass zumindest zahlreiche Dinosaurier warmblütig waren, gilt inzwischen als weitgehend gesichert. Eine kürzlich veröffentlichte Studie spricht ausgerechnet den riesigen Sauropoden ("Langhals-Dinosaurier") besondere Heißblütigkeit zu: Mit rund 38 Grad Bluttemperatur hatten sie nach menschlichen Maßstäben Dauer-Fieber.

Riesige Körper produzieren und halten unter Aktivität aber auch besonders viel Wärme. Die Frage, wie Saurier da einen kühlen Kopf behielten, gehört tatsächlich zu den bisher ungelösten Rätseln. Vielleicht hat Bourke da ja wirklich die richtige Nase.



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