Wissenschaft


Weltberühmtes Fossil: Äthiopien feiert Rückkehr von "Lucy"

3,2 Millionen Jahre alt, einen Meter groß: Das Fossil "Lucy" war ein Sensationsfund, weil es neue Schlüsse über die Evolutionsgeschichte erlaubte. Nach einigen Jahren in den USA kehrten die Knochen nun in das Heimatland Äthiopien zurück - dort waren sie schon schmerzlich vermisst worden.

"Lucy"-Entdecker Johanson (l.): In zwei Koffern wurden die Reste des Fossils transportiertZur Großansicht
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"Lucy"-Entdecker Johanson (l.): In zwei Koffern wurden die Reste des Fossils transportiert

Addis Abeba - Selbst Staatspräsidenten bekommen in Äthiopien keinen solchen Empfang: Als am Mittwoch die zwei schweren Koffer mit den Überresten von "Lucy" ins Nationalmuseum von Addis Abeba getragen werden, gibt es bei Journalisten und Schaulustigen kein Halten mehr.

Fünf Jahre lang war die 3,2 Millionen Jahre alte Fossilien-Dame durch die USA getourt. Jetzt ist sie in ihre afrikanische Heimat zurückgekehrt. Eine Frau im traditionellen Gewand hat zur Begrüßung gar eine rote Rose dabei. "In Äthiopien gab es ein Gefühl der Leere, als sie weg war", sagt der Anthropologie-Professor Berhane Asfaw, der seit 30 Jahren die menschliche Evolution erforscht. "Lucy ist eine Ikone für alle Menschen im Land."

Auch der amerikanische Paläoanthropologe Donald Johanson, der 1974 im Afar-Dreieck den sensationellen Fund gemacht hatte, ließ es sich nicht nehmen, an der Willkommenszeremonie teilzunehmen. "Lucy hat eine Botschaft, die alle kulturellen Barrieren überwindet", sagt er. "Sie beweist, dass die sieben Milliarden Menschen auf der Welt den gleichen Ursprung haben und wir im Grunde alle Afrikaner sind."

Namens-Inspiration durch die Beatles

Doch das allein erklärt nicht die Faszination, die das Skelett der Art "Australopithecus afarensis" seit fast 30 Jahren weltweit ausübt. Johanson meint, die Menschen sähen in Lucy mehr als nur ein Fossil: "Sie ist wie eine Person, mit der sie sich identifizieren können", betont er. "Hinzu kommt natürlich ihr äußerst attraktiver Name." Der hat eine kuriose Geschichte: In jener Novembernacht, als Johansons Team auf die Knochen stieß, dröhnte aus einem Kassettenrekorder der Beatles-Song "Lucy in the sky with diamonds".

Und wie sah der Alltag in grauer Vorzeit aus? "Wir nehmen an, dass Lucy in wäldlichen Gebieten lebte und Vegetarierin war", sagt Johanson. Vermutlich habe sie jedoch Krokodil- und Vogeleier verspeist. "Auch lebte sie ein eher nomadisches Leben und schlief in Nestern auf Bäumen, um sich vor Raubtieren zu schützen."

In seiner Heimat wird das seltsame Wesen "Dinknesh" genannt, "die Wundersame". Der Fund bewies erstmals, dass die Vorläufer des Menschen bereits vor 3,2 Millionen Jahren aufrecht gehen konnten. Obwohl mittlerweile bis zu sechs Millionen Jahre alte Knochen gefunden wurden, ist es weltweit immer noch der Name Lucy, der als Synonym für den menschlichen Ursprung steht.

Nach Amerika verkauft?

Oft wird Äthiopien noch heute in einem Atemzug mit Dürre und Hunger genannt. Die Bevölkerung versucht schon lange, dieses negative Image abzuwerfen. Deshalb erfüllt es fast alle mit Stolz, dass das Land dank Lucy auch als "Wiege der Menschheit" bezeichnet wird. "Es gab einen großen Aufschrei, als sie 2007 in die USA geschickt wurde", erinnert sich der Taxifahrer Tewodros. "Viele Leute dachten, die Regierung habe Lucy nach Amerika verkauft."

In Houston, Seattle und New York war die Kreatur unter anderem zu sehen - und das Interesse war riesig. Gleichzeitig wurden die Knochen weiter analysiert. Die Untersuchungen sollen in einem eigens an das Nationalmuseum in Addis Abeba angebauten Komplex fortgesetzt werden. "Die neuen äthiopischen Laboratorien entsprechen den höchsten Standards", sagt Johanson. "Ich mache mir keinerlei Sorgen um Lucy."

Der Öffentlichkeit wird die nur etwa einen Meter große Primatin ab kommenden Dienstag vorgestellt. Eine fünftägige Sonderausstellung soll es allen Interessenten ermöglichen, einmal im Leben das Original zu betrachten. Anschließend wird das Skelett zu seinem eigenen Schutz wieder hinter dicken Mauern verschwinden. Den Äthiopiern bleibt eine Kopie im Museum - und die Gewissheit, dass Lucy endlich wieder zu Hause auf afrikanischem Boden ist.

Carola Frentzen/dpa/sto

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Ein Hominid oder Menschenaffe ist ein Mitglied der taxonomischen Familie, zu der Menschen, Schimpansen, Gorillas und all deren ausgestorbene gemeinsame Vorfahren gehören. Der Begriff Hominine umfasst dagegen alle Mitglieder der Gattung Homo und deren ausgestorbene Verwandten, die dem Menschen näher stehen als den Schimpansen. Dazu zählen also nicht Schimpansen und Gorillas sowie deren Vorfahren.






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