Neue Fossilfunde Gigantischer Raubsaurier lebte im Wasser

Der mächtige Spinosaurus verblüfft die Fachwelt erneut: Die Echse lebte offenbar hauptsächlich im Wasser. Zu diesem Schluss kommen Forscher, die den größten bekannten Raubsaurier anhand von neuen Fossilfunden aus Marokko rekonstruieren konnten.

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Davide Bonadonna/ Ibrahim et al., Science/AAAS

"Heute lassen wir einen Giganten aus längst vergangenen Zeiten wiederaufleben" - mit diesen Worten präsentierte Nizar Ibrahim seine spektakulären Ergebnisse auf einer Pressekonferenz. Und er übertreibt damit nicht: Den Forschern um den deutsch-marokkanischen Paläontologen von der University Chicago ist es gelungen, ein digitales Modell des größten bekannten Raubsauriers zu erstellen. Und nicht nur das: Die jetzt im Fachmagazin "Science" veröffentlichten Ergebnisse bringen das Verständnis von der Lebensweise und Ernährung der Urzeitgiganten ins Wanken.

Gingen Paläontologen bisher davon aus, dass Dinosaurier reine Landlebewesen waren, die nur gelegentlich im Wasser wateten, müssen sie jetzt umdenken. Die neuen Funde belegen: Die gigantischen Dinosaurier der Art Spinosaurus aegyptiacus waren offenbar gute Schwimmer. Die Fachwelt ist beeindruckt: "Bisher war noch kein Spinosaurierfund so vollständig", sagt Bernd Herkner, Museumsleiter am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt am Main. "Insbesondere über die Extremitäten gibt der Fund Auskünfte, die man vorher nicht hatte."

Universität Chicago
Der außergewöhnliche Körperbau des Spinosaurus hatte Forschern lange Zeit Rätsel aufgegeben. Obwohl ein deutscher Paläontologe erste Fossilien des Giganten schon vor über 100 Jahren in Ägypten entdeckte. Ernst Stromer von Reichenbach brachte sie damals nach München in die Bayerische Staatssammlung und beschrieb als erster diesen Dinosaurier, der vor etwa 97 Millionen Jahren lebte. Das Tragische: Fast alle Fossilien überstanden im Zweiten Weltkrieg den Angriff der Royal Air Force nicht, die die Staatssammlung zerbombte und die Funde für immer zerstörte. Nur ein paar wenige Knochen blieben übrig und die Zeichnungen des Paläontologen.

Vieles blieb daher Spekulation, weitere Funde waren rar. Bis jetzt ein internationales Forscherteam um Ibrahim in der Kem-Kem-Region im Süden von Marokko auf eine unglaubliche Fülle vollständig erhaltener Fossilien stieß - darunter Teile des Schädels, der Wirbelsäule, des Beckens und der Extremitäten.

Damit begann für Ibrahim und sein Team die Fleißarbeit - oder besser Puzzlearbeit. Sie kombinierten die neuen Fossilfunde mit Daten früherer Funde, Stromers übriggebliebenen Knochen und Zeichnungen sowie Knochen nahe verwandter Arten. Mit ehrgeizigem Ziel: "Wir wollten ein digitales Skelett des Spinosaurus erstellen, das so genau und detailgetreu wir irgendmöglich ist", sagt Ibrahim.

Das Ergebnis ist beeindruckend: Das rekonstruierte Modell zeigt, dass der gefundene Spinosaurus von der Schnauze bis zum Schwanz bis zu 15 Meter maß. In seinem krokodilähnlichen Maul steckten lange Zähne, und auch sein Rückenkamm beeindruckt. Der Spinosaurier hätte sogar den berühmten Tyrannosaurus rex überragt - wenn beide Arten zur gleichen Zeit gelebt hätten.

Universität Chicago
Die Körperanatomie verriet den Forschern dann auch, dass der Dinosaurier viel im Wasser gelebt haben muss. "Hüft- und Beinknochen waren verkürzt - etwas, das wir von Tieren kennen, die einst zurück ins Wasser gingen - wie die Vorfahren der heutigen Wale", so Ibrahim. Außerdem vermuten die Forscher, dass der Körperschwerpunkt sehr weit hinten lag - was das Schwimmen erleichtert. Der Schwanz war ähnlich aufgebaut wie der eines Krokodils und taugte damit als Antriebsorgan. "Auch die krokodilähnliche Kopf- und Schnauzenform sowie die Lage der Nasenöffnungen spricht für eine Ernährung unter Wasser", sagt Paläontologe Herkner.

Dass Spinosaurier Fische gefressen haben, ist schon länger bekannt. Bisher gingen die Paläontologen aber davon aus, dass die Spinosaurier die Fische im flachen Wasser - also watend - jagten. "Offenbar handelt es sich um ein Tier, das sich häufig im Wasser aufgehalten hat und besser schwimmen konnte als jeder andere Dinosauriertyp", sagt Herkner. Und stimmt den Autoren der Studie zu: "Die Hinweise auf eine voll aquatische Jagdweise sind in der Tat überraschend."

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insgesamt 8 Beiträge
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Ossifriese 11.09.2014
1. Jurassic Park III
Ist das nicht das Vieh, das in "Jurassic Park 3" die tierische Hauptrolle spielte? Falls es stimmt - auch in diesem Film ist der Riese im und unter Wasser unterwegs! Und das schon 2001. Also scheint damals den beratenden Wissenschaftlern das Wasserleben bereits bekannt gewesen zu sein... und allen Filmfans auch.
schmusel 11.09.2014
2. Tja
Damit wäre wohl der in superlativen suhlende Jurassic Park 3 mit seiner Hauptattraktion Spinosaurus geplatzt wie eine Seifenblase - er war zwar grösser als der T-Rex den er mit seiner dürren Schnauze erlegt hat, hätte das mit seinen verkümmerten Gliedmaßen an Land gar nicht zustande gebracht. ;) Ja ja, ich weiss. Nur ein dümmlicher Blockbuster. Hat mich aber damals schon genervt, dass man aus unvollständigen Fossilien und dem Wissen um einen Fischfresser einen Supersauerier konstruiert hat, weil man mit dem ollen T-Rex niemanden mehr hinterm Ofen hervor locken konnte. :P
nilaterne 11.09.2014
3. Intressant
ZUr Zeit lässt wohl kaum absolutes über Dinosaurier sagen. Dinofunde mit Federn weit früher als gedacht, wird warscheinlich zu einer Veränderrung der Stammbäume der Saurierarten führen, wobei die Vogelartigen warscheinlich einen eigenen Stammbaum bekommen... Saurierpaleontologen leben heute in einer spannensten Zeit, allein schon wegen der Funde in China. Festgezurrtes Wissen gibt es da jedenfalls heutzutage nicht mehr. Es ist außerdem falsch zu sagen, dieser oder jener Saurier seien sich nicht begegnet, weil Fund bereits des öffteren zeigten: Und sie begegneten sich doch! Spinosaurus und Federnfunden in China sei Dank
febra 11.09.2014
4. JP3 ein Dokufilm?
wer hat denn jemals behauptet, dass die JP-Filme dokumentarisch sind? Die kosten viel und müssen deshalb viel einspielen. Das geht wohl kaum im Grizmek-Style...
50penny 12.09.2014
5.
Ich warte erstmal ab, was die paläontologische Szene in den nächsten Tagen und Wochen dazu sagt, bis ich mir eine Meinung erlaube.
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