Vorfahren moderner Primaten Funde füllen Lücken im Stammbaum

Wann begannen sich die Wege von Mensch und Affe zu trennen? Bisher gab es nur Indizien und Vermutungen über die Frühphase unserer Entwicklung. Zwei neue Funde füllen nun klaffende Lücken im Primatenstammbaum - und bestätigen die Richtigkeit von auf Genen basierenden Hochrechnungen.

Rukwapithecus (vorn) und Nsungwepithecus gelten als älteste bekannte Vertreter von Menschenartigen (Hominoidea) und Altweltaffen
Mauricio Antón

Rukwapithecus (vorn) und Nsungwepithecus gelten als älteste bekannte Vertreter von Menschenartigen (Hominoidea) und Altweltaffen

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Rukwapithecus fleaglei heißt die neueste Ergänzung im Teil des Primatenstammbaums, der hin zu den Menschenaffen führt - und damit zu uns Menschen. Was ein Forscherteam um die Paläontologin Nancy Stevens in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature" veröffentlicht, füllt eine Lücke von gut zehn Millionen Jahren im Primatenstammbaum, über die es bisher zwar Theorien und genetische Indizien gab, aber keine fossilen Belege. Alle bisher gefundenen, eindeutig identifizierten Fossilien von Menschenartigen (Hominoidea) waren jünger als 20 Millionen Jahre.

Es geht also um das Zeitfenster von 20 bis 30 Millionen Jahren vor unserer Zeit. Irgendwann in diesem Zeitraum, nahm man seit längerem an, trennten sich die Wege von geschwänzten Altweltaffen und Menschenartigen. Der Fund von Rukwapithecus fleaglei im Verbund mit einem zweiten Fund aus gleicher Zeit, der als Nsungwepithecus gunnelli bezeichnet wurde, bestätigt nun die Vermutungen und siedelt den Zeitpunkt der Trennung der Entwicklungslinien im Oligozän an.

Und zwar früher, als bisher gedacht, aber innerhalb des Zeitfensters, das man mit Hilfe von Hochrechnungen über DNA-Mutationen definiert hatte. Die Fossilfunde werden deshalb auch als Bestätigung der Richtigkeit solcher immer öfter eingesetzten Methoden ("molekulare Uhr") gesehen.

Urahnen getrennter Stammeslinien

Insbesondere im Zeitfenster vor 20 bis 30 Millionen Jahren galt der Stammbaum der Primaten bisher als nicht hinreichend durch Fossilien belegt. Genau in diesem Zeitraum vermutete man seit längerem den "Missing Link" zwischen den Entwicklungslinien der menschenartigen Primaten (Hominoidea) und der geschwänzten Altweltaffen (Cercopithecoidea). Der spektakuläre Doppelfund macht nun klar, dass man hier eher am oberen Ende ansetzen muss.

Während die Zahn-Merkmale von Rukwapithecus ihn als menschenartigen Primaten ausweisen, gehöre Nsungwepithecus klar zu den geschwänzten Altweltaffen. Ihre Existenz zu parallelem Zeitpunkt aber zeige, dass die Trennung der beiden Entwicklungslinien früher stattfand, als bisher gedacht. Weltweit gab es aus der betreffenden Zeit bisher nur fossile Belege für drei Primatenarten. Rukwapithecus und Nsungwepithecus sollen laut Stevens und Kollegen nun die jeweils ältesten bisher bekannten Vertreter ihrer jeweiligen Stammeslinien sein.

Beide Fossile wurden auf 25,2 Millionen Jahre datiert, die Trennung muss deutlich vor diesem Zeitpunkt erfolgt sein. Der Paläontologe Gregg Gunnell, einst Ausbilder der Nsungwepithecus-Entdeckerin Stevens, setzt den Zeitpunkt bei 26 bis 27 Millionen Jahre an.

Das Rift Valley: wo alles begann

Fündig geworden waren die Forscher 2011 im tansanischen Teil des großen afrikanischen Grabenbruchs (Great Rift Valley) in der Provinz Rukwa, wo sie zunächst Backenzähne des Nsungwepithecus fanden. Im Folgejahr und etwa 15 Kilometer entfernt fanden sie in der gleichen Gesteinsschicht ein Kiefersegment, das gleich vier Zähne des Rukwapithecus enthielt. Zähne gehören zu den aufschlussreichsten Fossilien, wenn es um Artbestimmung und Stammeslinien-Zuordnung geht.

Das sogenannte Rift Valley, das sich von Äthiopien bis hinab nach Südafrika zieht, gilt als der Ort, an dem die größten Diversifikationen des Primatenstammbaums stattfanden - und wo auch der Mensch seine Ursprünge hatte.

Dass die nun belegte Aufspaltung des Primatenstammbaums ausgerechnet dort und zu diesem Zeitpunkt stattfand, dürfte kaum zufällig sein: Der afrikanische Grabenbruch begann vor circa 35 Millionen Jahren und formte nicht nur die Landschaft um. Er verursachte auch massive Klimaveränderungen, die alles Leben in der Region unter starken evolutionären Druck setzte. Für das Zeitfenster, in dem es zur Aufspaltung der zwei Stammeslinien kam, nimmt man eine Phase rapider Klimaerwärmung an. Das Rukwa-Tal war zu diesem Zeitpunkt zudem starken tektonischen Veränderungen unterworfen.

Rukwapithecus fleaglei dürfte kein direkter Vorfahre heute lebender Menschenaffen gewesen sein. Stevens und Co. siedeln ihn bei den Nyanzapithecinen an, einem später ausgestorbenen Zweig der Hominoidea. Wenn man eine populäre Analogie dafür suchen wollte, wäre Rukwapithecus also kein "Urururgroßvater" des Menschen gewesen, sondern dessen Bruder - ein "Urururgroßonkel".



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