Fossilien-Vermarktung Frankfurter Forscher weist Kritik zurück

Medienhype um einen Uraffen: Die Entdeckung des Fossils "Ida" war in US-Werbespots sogar mit der Mondlandung verglichen worden. Jetzt reagiert der Frankfurter Paläontologe Jens Franzen auf die Kritik an der unter Wissenschaftlern ungewohnten Vermarktung.


Schadet eine professionelle Vermarktung der Wissenschaft? Wie laut darf man trommeln? Wann wird das Ganze unseriös? Forscher reagieren mitunter sehr sensibel, wenn Entdeckungen beworben werden wie ein neues Auto oder ein Antischuppen-Shampoo. Deshalb überrascht es kaum, dass die medienwirksame Präsentation eines frühen Ahnen von Affe und Mensch bei Forscherkollegen auf Skepsis bis Ablehnung stieß.

Der Frankfurter Paläontologe Jens Franzen hat derartige Kritik nun zurückgewiesen: "Welcher Fehler sollte darin bestehen, wenn wir die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, was die Wissenschaft zu bieten hat - dass es noch etwas mehr gibt als erfolgreiche Sportler und gute Musik?", sagte der Spezialist vom Forschungsinstitut Senckenberg in New York. Wichtig sei, dass das Ergebnis auf solider wissenschaftlicher Arbeit ruhe.

Nachdem in der Grube Messel bei Darmstadt ein extrem gut erhaltenes, etwa 47 Millionen Jahre altes Fossil entdeckt worden war, das wahrscheinlich den ältesten bekannten Vorfahren von Mensch und Affe zeigt, hatte es Kritik an der weltweiten Vermarktung der Forschungsarbeit gegeben. Unter anderem hatten TV-Spots in den USA die Entdeckung beworben und ihre Bedeutung mit der ersten Mondlandung verglichen.

Für den Paläontologen Jens Franzen ist der Fund "ein Traum von einem Fossil". Nicht nur, dass das Skelett des Äffchens nach 47 Millionen Jahre noch fast komplett erhalten sei: "Auch der Weichkörper ist überliefert, und zwar bis in die einzelnen Haarspitzen."

Großes Aufsehen verdient?

Franzen hat das versteinerte Tier in seinem Labor in Frankfurt untersucht. "Wir haben vor allem intensive Röntgen- und Mikrocomputerstudien betrieben", sagte er. Anfang dieser Woche war es dann so weit: Das Team aus norwegischen, deutschen und US-Forschern stellte das Ergebnis seiner zweijährigen Arbeit in New York vor.

Dass Werbespots im US-Fernsehen den Uraffen "Ida" mit der Entdeckung Amerikas durch Columbus oder der ersten Mondlandung verglichen, quittiert Franzen "mit einem Lächeln", wie er sagte. Das Fossil habe großes Aufsehen verdient. Es handle sich um das besterhaltene Primaten-Fossil, das bislang gefunden wurde. "Dies ist das erste Mal, dass ein uralter Angehöriger der Ordnung, zu der wir uns selbst zählen, in dieser Qualität erhalten ist."

Durch die Erkenntnisse steige eine ganze Gruppe fossiler Primaten, die sogenannten Feuchtnasenaffen, in die höhere Gruppe der sogenannten Trockennasenaffen auf. Aus der letzten Gruppe, die ihren Geruchssinn sozusagen gegen ein besseres Sehvermögen tauschte, seien später die höheren Primaten hervorgegangen, erläuterte der Paläontologe.

Feuchtnasenaffen, zu denen auch Lemuren zählen, wurden früher manchmal als Halbaffen bezeichnet. Trockennasenaffen dagegen galten als echte Affen. "Insofern ist es richtig zu sagen, dass 'Ida' eine Übergangsform einnahm", sagte Franzen.

Zu Vorwürfen, dass sein Team die Merkmale des Uräffchens bisher nur oberflächlich herausgearbeitet habe, sagte der Frankfurter Forscher: "Es ist nicht aller Tage Abend. Wir freuen uns darüber, eine Debatte angestoßen zu haben". Es gebe bereits konkrete Pläne, wie an dem Uraffen weitergeforscht werden soll.

hda/dpa



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