Seltener Fossilienfund: Forscher rekonstruieren Entwicklung von Dino-Babys

Seltener Fossilienfund: Dino-Embryos trampelten in ihren Eiern Fotos
DPA/ Nature/ D. Mazierski

Sie wuchsen schnell und trampelten in ihren Eiern herum. Wissenschaftler haben die bisher ältesten Funde fossiler Dinosaurier-Embryos analysiert und konnten die embryonale Entwicklung der Tiere nachvollziehen.

London/Bonn - Wissenschaftler haben mit Hilfe der ältesten bisher bekannten versteinerten Dinosaurier-Embryos ein Rätsel gelöst: Sie konnten erstmals zeigen, wie die Urtiere im Mini-Format im Inneren von Eiern heranwuchsen. Möglich wurde die neue Entdeckung durch Fossilienfunde in China.

Insgesamt untersuchten die Wissenschaftler um Robert Reisz von der University of Toronto rund 200 Knochen. Sie gehörten zu 20 Embryos. Gefunden wurden sie in einem Knochenbett in der heutigen Provinz Yunnan im Südwesten Chinas. Dort lagen keine kompletten Skelette, sondern einzelne Knochen, die nicht mehr in Eiern steckten. Winzige Überreste von Eierschalen fanden die Forscher aber auch - es sind die bisher ältesten überhaupt.

Die Knochen stammen aus dem Jura und sind zwischen 197 Millionen und 190 Millionen Jahre alt, berichten die Forscher im Fachmagazin "Nature". "Wir öffnen ein neues Fenster in das Leben der Dinosaurier", sagt Reisz. "Das ist das erste Mal, dass wir in der Lage sind, das Wachstum embryonaler Dinosaurier während ihrer Entwicklung nachzuvollziehen. Unsere Ergebnisse werden das Verständnis von der Biologie dieser Tiere nachhaltig beeinflussen." Fossile Dinosaurier-Embryos sind sehr selten. Fast alle bisher gefundenen Knochen stammen aus der Kreidezeit und sind damit viel jünger als die nun entdeckten Fossilien.

Da sich die Dino-Knochen in unterschiedlichen embryonalen Entwicklungsphasen befanden, stammen sie aus unterschiedlichen Nestern, berichten die Wissenschaftler. Sie vermuten, dass die Knochen zu Dinosauriern aus der Gruppe der Sauropodomorpha gehören. Das waren jene Dinos mit kleinem Kopf auf einem langen Hals. Vermutlich gehören die Dinosaurier der Gattung Lufengosaurus an, die zu dieser Zeit in der Fundregion weit verbreitet war.

Kurze Brutzeit und Dino-Getrampel im Ei

Reisz und seine Mitarbeiter untersuchten unter anderem die Oberschenkelknochen der Dinos. Sie waren zwischen 12 und 22 Millimeter lang. Die innere Struktur der Knochen in den unterschiedlichen Entwicklungsstadien spräche dafür, dass die Dinosaurier im Ei sehr schnell gewachsen sind, schreiben die Wissenschaftler. Möglicherweise bedeute dies auch, dass die Sauropodomorpha im Vergleich zu anderen Tieren ihrer Zeit eine eher kurze Brutzeit hatten. Die Fähigkeit zum schnellen Wachstum blieb nach dem Schlüpfen offenbar erhalten. Das erkläre, warum die Tiere manchmal gigantisch groß wurden.

Die Struktur der Knochen deutete auch darauf hin, dass die Dinosaurier-Embryos ihre Muskeln bereits im Ei benutzten, heißt es weiter. So bereiteten sie ihr Skelett auf das Laufen nach dem Schlüpfen vor, wie es auch heute lebende Vogelarten tun. Im Inneren der Knochen fanden die Forscher sogar noch Spuren organischen Materials. Möglicherweise handele es sich dabei um Kollagen, ein Protein, das typischerweise in Knochen vorhanden ist.

"Das Faszinierendste an unserer Arbeit ist vielleicht die Tatsache, dass diese Embryonen überhaupt erhalten geblieben sind", sagt Koen Stein von der Universität Bonn. "Solche Strukturen sind sehr zerbrechlich, man denke nur an ein neugeborenes Küken. Dass wir diese untersuchen können, fast 200 Millionen Jahre nachdem sie verschüttet wurden, ist ein echtes Privileg."

jme/dpa

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