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24. Juni 2005, 11:15 Uhr

Fossilienfund

Raubsäuger trug Giftzähne

Vor 60 Millionen Jahren machte ein kleines Säugetier die Prärien Nordamerikas unsicher, das seine Beute mit Giftzähnen attackierte. Das schließen kanadische Forscher aus fossilen Eckzähnen des ausgestorbenen Raubtiers.

Klapperschlange: Nicht nur Reptilien haben Giftzähne
AP

Klapperschlange: Nicht nur Reptilien haben Giftzähne

Schlangen nutzen Gift, um sich zu verteidigen oder ihre Beute zu erlegen. Dagegen bedienen sich nur wenige heute lebende Säugetiere dieser Methode. Jetzt aber stellt sich heraus, dass Säuger häufiger als bisher gedacht Gift verwendet haben.

Kanadische Paläontologen haben jetzt fossile Eckzähne eines kleinen, bereits ausgestorbenen Raubsäugers entdeckt, die eine nach unten spitz zulaufende Einkerbung aufweisen. Durch sie könnte das Gift aus entsprechenden Drüsen direkt in die Beute geleitet worden sein, berichten Richard Fox und Craig Scott von der University of Alberta in Edmonton im Wissenschaftsmagazin "Nature" (Vol. 435, S. 1091).

Die Forscher hatten die Eckzähne an zwei Ausgrabungsstellen in der Provinz Alberta entdeckt. Die kleinen Säuger mit dem Namen Bisonalveus browni lebten vor rund 60 Millionen Jahren und ähnelten möglicherweise heutigen Igeln oder Maulwürfen.

Die gut erhaltenen oberen Eckzähne sind mit ihrer scharfen Spitze geformt wie ein Dolch. Von der Basis bis an die Spitze des Zahnes verläuft eine tiefe, an ihrem unteren Ende V-förmige Rinne, deren Wände mit Zahnschmelz ausgekleidet sind. Dies beweise, dass diese Struktur nicht nachträglich durch Splittern des Zahnes entstanden sei, schreiben die Forscher. Nur die sogenannte Boomslang (Afrikanische Baumschlange) weist ähnliche Giftrinnen in ihren Fangzähnen auf.

Lanzenotter beim Giftmelken: Tödlicher Biss
AP

Lanzenotter beim Giftmelken: Tödlicher Biss

Zu den wenigen heute lebenden Säugetieren, die bei der Jagd Gift einsetzen, gehören einige Spitzmausarten und der auf Haiti und Kuba heimische Schlitzrüssler. Die Nordamerikanische Kurzschwanzspitzmaus hat zwar einen hochgiftigen Speichel, jedoch zeigt keiner ihrer Zähne Spuren eines derartig spezialisierten Giftspritzsystems. Fox und Scott konnten nun zeigen, dass bereits frühe Säugetiere eine solche Giftstrategie nutzten.

Biologen fragen sich seit langem, warum Säugetiere kaum Giftzähne haben und wann diese Methode in der Evolution entstanden ist. Dass frühe Säugetiere Gift häufiger verwendet haben als bislang vermutet, beweist auch ein weiterer Fund von Eckzähnen im Süden Albertas: Diese Zähne sind deutlich größer als die von Bisonalveus browni und enthalten ebenfalls eine tiefe Einkerbung. Von welchem Tier sie stammen, ist jedoch unbekannt.

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