Von Markus Becker
Auf der Kinoleinwand mag es spektakulär aussehen, wenn Kühe und Lastwagen durch die Luft wirbeln. Doch das Gefährlichste bei der Jagd nach Stürmen ist nicht der Wind. Es sind die Blitze. Was ein Sturm in den nächsten Sekunden, Minuten oder gar Stunden tun wird, ist einigermaßen vorhersagbar - anhand von Satellitenbildern, Radardaten oder dem, was man eben sieht. "Blitze sind es nicht", sagt Kevin Erskine. "Man weiß nie, wo der nächste einschlägt. Man kann sich nicht vor ihnen schützen."
Erskine, mit bürgerlichem Namen Erik Hijweege, ist Fotograf - allerdings einer, der es ein wenig windiger mag als andere Vertreter seiner Zunft. Zu besichtigen ist das in einem Bildband, der jetzt im Hatje Cantz Verlag erschienen ist: "Supercell" heißt das 181 Seiten starke und beeindruckend schwere Werk.
Wie der Titel erahnen lässt, geht es um Gewitter - und die können, insbesondere im Mittleren Westen der USA, atemberaubend aussehen. Erskines Jagdgebiet ist die sogenannte Tornado Alley. Hier prallen Luftmassen aus Kanada und den Rocky Mountains (kalt, trocken), dem Golf von Mexiko (heiß, feucht) und der Sonora-Wüste (heiß, trocken) aufeinander - "und dann haben wir eine Party!", sagt Erskine.
"Ich suche die Schönheit im Sturm"
Was der 48-Jährige Party nennt, sind gewaltige Gewitter und Wirbelstürme, die nicht selten ganze Ortschaften dem Erdboden gleich machen. Die sogenannten Storm Chaser scheinen die Gefahr der Naturgewalt nicht zu fürchten. Immer wieder ist etwa in TV-Dokumentationen zu sehen, wie sie sich mit an Todesverachtung grenzendem Mut Tornados nähern.
"Ich bin kein Storm Chaser", betont Erskin. "Ich jage nicht Tornados hinterher, ich suche nach der Schönheit im Sturm." Auf seinen Fotos sehe es oft nur so aus, als gehe er auf Tuchfühlung zu monströsen Unwettern. "Ich benutze Objektive mit extremem Weitwinkel. Darauf wirken die Stürme näher, als sie in Wirklichkeit waren."
Hightech-Geräte, meteorologische Daten und Satellitenbilder helfen ihm herauszufinden, welchen Weg ein Sturm einschlagen könnte. Eine Superzelle - die seltenste und zugleich machtvollste Art eines Gewitters - erkenne man etwaan ihrer Rotation, die auf Radarbildern sichtbar werde. Mit etwas Glück finde man so den perfekten Blickwinkel für ein Foto. "Manchmal fahre ich 800 bis 1000 Kilometer am Tag, um diese Position zu finden", sagt Erskine.
Die Naturgewalt will er so unverfälscht wie möglich wiedergeben - weshalb er nach eigenen Angaben bis heute keine Digitalkameras verwendet. "Ich benutze analoge Kameras mit Diafilmen", sagt Erskine. Eine Nachbearbeitung, etwa mit Photoshop, komme für ihn nicht in Frage. "Manche Leute lieben Photoshop zu sehr. Das geht so weit, dass ihre Fotos am Ende nur noch Fälschungen sind. Die Natur ist auch so schön genug."
Und gefährlich. Ein Kollege habe das beinahe mit dem Leben bezahlt. "Er hatte seine Kamera auf einem Stativ aufgebaut", sagt Erskine. "Dann ging er zu seinem Wagen zurück - und in diesem Moment schlug ein Blitz ins Stativ ein. Er hatte unglaubliches Glück."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Natur | RSS |
| alles zum Thema Gewitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH