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18. Februar 2013, 12:59 Uhr

Skandinavien

Steinzeitfrauen starben bei blutigen Fehden

Von Angelika Franz

Gewalt war in der skandinavischen Jungsteinzeit weit verbreitet - und machte auch vor Frauen nicht Halt. Eine Forschergruppe hat die blutigen Auseinandersetzungen anhand der Schädelverletzungen analysiert.

Zum Glück haben sich die Zeiten geändert, und Schläge auf den Kopf zählen heutzutage nicht mehr zu den häufigsten Todesursachen. Das sah in Südskandinavien in der Jungsteinzeit noch ganz anders aus, wie eine Forschergruppe um Linda Fibiger von der schottischen University of Edinburgh untersuchte. Für ihre Studie werteten die Archäologen und Anthropologen 378 dänische und schwedische Schädel aus der Zeit zwischen 3900 und 1700 vor Christus, dem skandinavischen Neolithikum, aus.

In der Februarausgabe des American Journal of Physical Anthropology berichten die Forscher, dass 9,4 Prozent der schwedischen und sogar 16,9 Prozent der dänischen Schädel zu Lebzeiten schwere Schläge hatten hinnehmen müssen.

Traditionell ist nun der Kopf das favorisierte Ziel bei einem Kampf. Der nehme - wie die Forscher bemerken - zwar nur zwölf Prozent der gesamten Körperoberfläche ein. Dafür aber lohnen sich die meisten Treffer, denn er ist so empfindlich, dass schon ein leichter Schlag dem Gegner das Bewusstsein rauben kann. Außerdem sei das Gesicht psychologisch entscheidend für die Identität des Gegners - und damit im Fokus der Aggression.

Die untersuchten Schädel stammen aus 87 verschiedenen Grabungen, meist lagen sie zu mehreren in Kollektivgräbern. Über 90 Prozent der Toten hatte das Erwachsenenalter bereits erreicht. Bei einigen erstaunt diese Tatsache allerdings - denn sie hatten zum einen oder anderen Zeitpunkt bereits vorher schon einmal schwere Verletzungen davongetragen, die sie überlebten.

Frakturen bei dänischen und schwedischen Schädeln gezählt

Dass ein Mensch nach einem Knochenbruch weiterlebt, kann ein Anthropologe leicht anhand der Heilungsprozesse an den Bruchrändern feststellen: Knochen heilen erstaunlich schnell. Schon wenige Tage nach dem Bruch verändert sich die Struktur der Ränder. Bei 33 der 261 dänischen Schädel fanden die Forscher solche verheilten Brüche, ebenso bei acht der 117 schwedischen Exemplare.

Gezählt haben sie dabei jede Fraktur, die größer als einen halben Zentimeter war. Die Opfer werden also zumindest am nächsten Morgen nach dem Kampf mit einer gehörigen Gehirnerschütterung aufgewacht sein. Tödlichen Ausgang dagegen nahmen zwölf der Schläge auf die Schädel aus Dänemark und drei auf die aus dem heutigen Gebiet Schwedens - die Knochenränder hatten keine Chance mehr zu heilen.

Es waren vor allem Männer, die verheilte Wunden auf dem Kopf trugen. Insgesamt 31 von ihnen waren bei früheren Kämpfen schon einmal mit dem Leben davon gekommen. Dagegen hatten nur neun Frauen zu Lebzeiten schon einmal einen schweren Schlag auf den Kopf überlebt. Als Todesursache spielte ein Schädeltrauma jedoch für beide Geschlechter eine annähernd gleich große Rolle. 3,6 Prozent der untersuchten Männer erlagen den schweren Kopfverletzungen (fünf von 197) und sogar 4,5 Prozent der Frauen (sechs von 132).

Frauen schützen eher die Familie

Bei den überlebten Verletzungen der Männer könnte es sich um alte Trainingsverletzungen handeln. "Männer trainierten womöglich von Kindheit an", sagt Fibiger im Interview mit SPIEGEL ONLINE und verweist auf ethnografische Parallelen zu anderen Gesellschaften, wo die Vorbereitung auf reale Kampfsituationen Teil der männlichen Ausbildung ist. "Frauen übten dagegen eher häusliche Tätigkeiten aus - ihnen fehlte dieses Training, wenn es um den Kampf und die Selbstverteidigung ging."

Auch dieser Umstand spiegelt sich in den Knochen. Denn Männer erhielten die tödlichen Schläge am häufigsten auf die linke Seite. Frauen dagegen starben meist durch Schläge auf die rechte Seite. Stehen sich zwei Gegner im Kampf gegenüber, so halten sie in den meisten Fällen die Waffe in der rechten Hand. Ein Schlag auf den Kopf des Kontrahenten trifft dann mit großer Wahrscheinlichkeit dessen linke Seite. Dieses Szenario ist eine plausible Erklärung für die Verletzungen der Männer. Schwingt ein Rechtshänder aber seine Schlagwaffe gegen ein Opfer, das sich von ihm abwendet, so wird er in der Regel dessen rechte Kopfseite treffen - wie es meist bei den Verletzungen der Frauenschädel der Fall war.

"Schauen wir uns diese Ergebnisse an, dann war Gewalt in der südskandinavischen Jungsteinzeit wahrscheinlich endemisch", folgert Fibiger. "Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass sie jeden Tag in gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt waren. Aber die meisten sahen zu Lebzeiten eine ganze Menge davon."

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