Skandinavien: Steinzeitfrauen starben bei blutigen Fehden

Von Angelika Franz

Anthropologie: Gewalt gegen Steinzeitfrauen Fotos
Linda Fibiger/ University of Edinburgh

Gewalt war in der skandinavischen Jungsteinzeit weit verbreitet - und machte auch vor Frauen nicht Halt. Eine Forschergruppe hat die blutigen Auseinandersetzungen anhand der Schädelverletzungen analysiert.

Zum Glück haben sich die Zeiten geändert, und Schläge auf den Kopf zählen heutzutage nicht mehr zu den häufigsten Todesursachen. Das sah in Südskandinavien in der Jungsteinzeit noch ganz anders aus, wie eine Forschergruppe um Linda Fibiger von der schottischen University of Edinburgh untersuchte. Für ihre Studie werteten die Archäologen und Anthropologen 378 dänische und schwedische Schädel aus der Zeit zwischen 3900 und 1700 vor Christus, dem skandinavischen Neolithikum, aus.

In der Februarausgabe des American Journal of Physical Anthropology berichten die Forscher, dass 9,4 Prozent der schwedischen und sogar 16,9 Prozent der dänischen Schädel zu Lebzeiten schwere Schläge hatten hinnehmen müssen.

Traditionell ist nun der Kopf das favorisierte Ziel bei einem Kampf. Der nehme - wie die Forscher bemerken - zwar nur zwölf Prozent der gesamten Körperoberfläche ein. Dafür aber lohnen sich die meisten Treffer, denn er ist so empfindlich, dass schon ein leichter Schlag dem Gegner das Bewusstsein rauben kann. Außerdem sei das Gesicht psychologisch entscheidend für die Identität des Gegners - und damit im Fokus der Aggression.

Die untersuchten Schädel stammen aus 87 verschiedenen Grabungen, meist lagen sie zu mehreren in Kollektivgräbern. Über 90 Prozent der Toten hatte das Erwachsenenalter bereits erreicht. Bei einigen erstaunt diese Tatsache allerdings - denn sie hatten zum einen oder anderen Zeitpunkt bereits vorher schon einmal schwere Verletzungen davongetragen, die sie überlebten.

Frakturen bei dänischen und schwedischen Schädeln gezählt

Dass ein Mensch nach einem Knochenbruch weiterlebt, kann ein Anthropologe leicht anhand der Heilungsprozesse an den Bruchrändern feststellen: Knochen heilen erstaunlich schnell. Schon wenige Tage nach dem Bruch verändert sich die Struktur der Ränder. Bei 33 der 261 dänischen Schädel fanden die Forscher solche verheilten Brüche, ebenso bei acht der 117 schwedischen Exemplare.

Gezählt haben sie dabei jede Fraktur, die größer als einen halben Zentimeter war. Die Opfer werden also zumindest am nächsten Morgen nach dem Kampf mit einer gehörigen Gehirnerschütterung aufgewacht sein. Tödlichen Ausgang dagegen nahmen zwölf der Schläge auf die Schädel aus Dänemark und drei auf die aus dem heutigen Gebiet Schwedens - die Knochenränder hatten keine Chance mehr zu heilen.

Es waren vor allem Männer, die verheilte Wunden auf dem Kopf trugen. Insgesamt 31 von ihnen waren bei früheren Kämpfen schon einmal mit dem Leben davon gekommen. Dagegen hatten nur neun Frauen zu Lebzeiten schon einmal einen schweren Schlag auf den Kopf überlebt. Als Todesursache spielte ein Schädeltrauma jedoch für beide Geschlechter eine annähernd gleich große Rolle. 3,6 Prozent der untersuchten Männer erlagen den schweren Kopfverletzungen (fünf von 197) und sogar 4,5 Prozent der Frauen (sechs von 132).

Frauen schützen eher die Familie

Bei den überlebten Verletzungen der Männer könnte es sich um alte Trainingsverletzungen handeln. "Männer trainierten womöglich von Kindheit an", sagt Fibiger im Interview mit SPIEGEL ONLINE und verweist auf ethnografische Parallelen zu anderen Gesellschaften, wo die Vorbereitung auf reale Kampfsituationen Teil der männlichen Ausbildung ist. "Frauen übten dagegen eher häusliche Tätigkeiten aus - ihnen fehlte dieses Training, wenn es um den Kampf und die Selbstverteidigung ging."

Auch dieser Umstand spiegelt sich in den Knochen. Denn Männer erhielten die tödlichen Schläge am häufigsten auf die linke Seite. Frauen dagegen starben meist durch Schläge auf die rechte Seite. Stehen sich zwei Gegner im Kampf gegenüber, so halten sie in den meisten Fällen die Waffe in der rechten Hand. Ein Schlag auf den Kopf des Kontrahenten trifft dann mit großer Wahrscheinlichkeit dessen linke Seite. Dieses Szenario ist eine plausible Erklärung für die Verletzungen der Männer. Schwingt ein Rechtshänder aber seine Schlagwaffe gegen ein Opfer, das sich von ihm abwendet, so wird er in der Regel dessen rechte Kopfseite treffen - wie es meist bei den Verletzungen der Frauenschädel der Fall war.

"Schauen wir uns diese Ergebnisse an, dann war Gewalt in der südskandinavischen Jungsteinzeit wahrscheinlich endemisch", folgert Fibiger. "Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass sie jeden Tag in gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt waren. Aber die meisten sahen zu Lebzeiten eine ganze Menge davon."

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Einen über die Rübe
Ylex 18.02.2013
Zitat: „Frauen dagegen starben meist durch Schläge auf die rechte Seite. Stehen sich zwei Gegner im Kampf gegenüber, so halten sie in den meisten Fällen die Waffe in der rechten Hand. Ein Schlag auf den Kopf des Kontrahenten trifft dann mit großer Wahrscheinlichkeit dessen linke Seite. Dieses Szenario ist eine plausible Erklärung für die Verletzungen der Männer. Schwingt ein Rechtshänder aber seine Schlagwaffe gegen ein Opfer, das sich von ihm abwendet, so wird er in der Regel dessen rechte Kopfseite treffen - wie es meist bei den Verletzungen der Frauenschädel der Fall war.“ Hmh... und ich dachte immer, dass ich mich dem logischen Denken zumindest angenähert hätte – warum wendete sich die Steinzeit-Kämpferin denn von ihrer Gegnerin ab? Weíl sie eine Frau war und weil sich eine Frau immer wieder mal abwendet und dann für kurze Zeit nicht aufpasst? Mag sein, aber das überzeugt mich nicht. Ich habe vielmehr den starken Verdacht, dass die zahlreichen Kopfverletzungen der Frauen entstanden, weil sie von den Männer einen über die Rübe bekamen – die Steinzeit-Männer waren Wüstlinge, die Ehestreitigkeiten entweder aus dem Weg gingen oder sie auf ihre Weise ultimativ beendeten.
2. Und?
hansmaus 18.02.2013
Zitat von sysopGewalt war in der skandinavischen Jungsteinzeit weit verbreitet - und machte auch vor Frauen nicht halt. Eine Forschergruppe hat die blutigen Auseinandersetzungen anhand der Schädelverletzungen analysiert. Frauen in der Steinzeit starben bei Fehden sagen Anthropologen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/frauen-in-der-steinzeit-starben-bei-fehden-sagen-anthropologen-a-884034.html)
Und was ist daran so "bahnbrechend"? Frauen sollen beim US Militär auch in vorderster front kämpfen und ich hege gewisse Zweifel das ein Gegner sagt "Och Jööhhh die arme kleine Frau mit dem Gewehr in der Hand, auf die schieße ich mal lieber nicht!" Darf der garnicht denn die Frau an forderster Front hat das gleiche Recht erschossen zu werden wie ihr männlicher Kollge alles andere wäre ja diskriminierend und wenn das raus kommt kann auch der traditionellste Taliban einpacken! Interessant das wir uns immer mehr der Steinzeit anpassen desto "moderner" wir in unserem denken angeblich werden.
3. Oje
Schlumperli 18.02.2013
Zitat von sysopGewalt war in der skandinavischen Jungsteinzeit weit verbreitet - und machte auch vor Frauen nicht halt.
Wird das jetzt eine neue Sexismus-Debatte ? Die Skandinavier der Jungsteinzeit wussten halt damals schon: Mit Gewalt gegen Männer schafft man es nie auf SPON ;-)
4.
Celegorm 18.02.2013
Zitat von YlexHmh... und ich dachte immer, dass ich mich dem logischen Denken zumindest angenähert hätte – warum wendete sich die Steinzeit-Kämpferin denn von ihrer Gegnerin ab?
Wer sagt denn, dass es eine Gegner*in* war? Angesichts der Beschreibung scheint es trivialer, dass die Frauen vor einem stärkeren, potentiell männlichen Angreifer flüchtend niedergestreckt wurden. Mitten im Kampf mal eben wegzusehen macht effektiv eher wenig Sinn, ausser man geht von einem Getümmel aus, in dem man einen Angreifer von hinten nicht kommen sieht bzw dadurch abgelenkt wird.
5.
Loewe_78 18.02.2013
Wie wäre es mit der These, dass Menschen im Neolithikum sich viel öfter auf nicht so gut ausgebauten Wegen und in nicht sturzsicherer Infrastruktur bewegten, auch öfter vor "tiereischen" Gefahren in unwegsamem Gelände schnell flüchten (und hoch kletternd) flüchten mussten, so dass sie öfter stürzten - und sich hierbei mitunter Verletzungen zuzogen? Auf den Verletzungen wird wohl kaum draufstehen "ich rühre von einer Waffe / menschlichen Faust her" oder "ich bin durch einen Sturz auf einen Gegenstand / den Boden entstanden"...
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