Fremde Fische Invasion der kaspischen Grundeln

Angler ziehen sie aus Rhein und Mosel: Grundel-Arten, die eigentlich in Osteuropa beheimatet sind. Die Fische, klein, stummelig und nicht besonders behände, haben sich Tausende Kilometer nach Westen vorgekämpft - mit Hilfe des Menschen und zu Lasten einheimischer Arten.


Götz Kuhn hatte es auf Aale abgesehen im Karlsruher Ölhafen. Doch stattdessen fielen dem Berufsfischer im Herbst zwei komisch geformte Fische in die Hand - mit langen Nasenröhrchen und den saugnapfartigen Flossen am Bauch. Die knapp zehn Zentimeter langen Fischlein waren zwischen den Steinblöcken am Ufer hervorgetorkelt, nachdem Kuhn den Stab seines Elektro-Fischereigeräts ins Wasser getaucht hatte. Vom Strom betäubt ließen die Fremdlinge sich leicht einfangen.

Kuhn brachte seinen Fang zu Frank Hartmann von der Karlsruher Fischereibehörde, der sie als Angehörige einer osteuropäischen Fischart erkannte: der Marmorierten Grundel (Proterorhinus marmoratus). Das war Ende Oktober. "Inzwischen fange ich die Grundeln dutzendweise, im gesamten Rheinabschnitt zwischen Karlsruhe und Mannheim", sagte Kuhn zu SPIEGEL ONLINE. Die Invasion ist längst geschehen.

Für seinen Expansionsdrang ist der fremde Fisch berüchtigt. Zoologen haben seine Ausbreitung über die Jahrzehnte verfolgt. Die Grundeln sind ein Paradebeispiel für die natürliche Ausbreitung einer reisefreudigen Art - und wie diese durch das Zutun des Menschen unterstützt wird. Erheblich.

Die ursprüngliche Heimat der Grundeln liegt in den brackigen Küstengewässern des Schwarzen und des Kaspischen Meeres, sowie den Unterläufen der hinein mündenden Flüsse. Fischer haben Buch geführt: Um das Jahr 1900 kamen Marmorierte Grundeln in der Donau 50 Kilometer stromabwärts von Wien vor. Weiter westlich jedoch nicht, diese Verbreitungsgrenze blieb lange Zeit stabil. In den achtziger Jahren überkam die Tiere dann eine erstaunliche Wanderlust. Rasch breiteten sie sich stromauf bis Kelheim in Bayern aus.

Heute tummeln sich die Fremden mitten in Moskau

Viel weiter östlich, in den Einzugsgebieten von Dnjepr, Don und Wolga, beobachteten Fachleute denselben Trend. Heute tummeln sich die Grundeln Mitten in Moskau. Als blinde Passagiere überquerten sie sogar in Ballastwasser-Tanks von Schiffen den Atlantik und erreichten so Nordamerika, wo die schuppigen Siedler bereits alle großen Seen kolonialisiert haben.

In Mitteleuropa mussten Ingenieure der Grundel den Vorstoß nach Westen ermöglichen. Die Eröffnung des Rhein-Main-Donau-Kanals im Jahr 1992 war es, die nicht nur dem europäischen Binnenschiffsverkehr neue Perspektiven bot. Allerlei Wassertiere reisten auf diesem Weg in den Westen. Offenbar stellten auch die 16 Schleusen der Wasserstraße kein echtes Hindernis dar: Bereits 1997 fanden Forscher zahlreiche junge Marmorierte Grundeln im Kanalbereich, zwei Jahre später erreichte die Art den Main. Stromabwärts konnten die Tiere besonders schnell vorrücken.

Zwar ist P. marmoratus ein Bodenfisch, und als solcher kein behänder Schwimmer, die Larven jedoch lassen sich von der Strömung über weite Strecken tragen. 2002 tauchten die ersten Marmorierten im niederländischen Rhein bei Nijmegen auf. In der Mosel wurden bereits die unteren Staustufen besiedelt. Christian von Landwüst, Biologe an der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz, erwartet, dass die Kleinfische schon bald nach Frankreich einwandern und dort über die Kanäle in andere Gewässersysteme eindringen werden. Der Weg über die Mosel führt die fremde Art flussaufwärts, genauso wie der Weg von der Mainmündung in den Karlsruher Hafen - und in die Hände von Götz Kuhn.

Die stummeligen Fischlein kommen nicht alleine

Die Grundeln stehen für einen größeren Trend. Doch ist die Invasion der stummeligen Fischlein eine Bedrohung? Oder eine Bereicherung, ein Kuriosum?

Fast alle einheimische Fischarten kommen auch im natürlichen Verbreitungsgebiet der Marmorierten Grundel vor. "Eine Koexistenz müsste also möglich sein", sagte Fischexperte Landwüst. "Eine Konkurrenz wird es dennoch geben. Manche Arten könnten dadurch in der Anzahl zurückgehen." Die kleinwüchsigen Grundeln – ihre maximale Länge beträgt gerade einmal elf Zentimeter – sind bereits nach einem Jahr geschlechtsreif und pflanzen sich rasant fort. Ihre Populationen können explosionsartig wachsen. Und die Art P. marmoratus kommt nicht alleine.

Auch andere Grundel-Arten aus dem Schwarzen Meer ziehen gen Westen: Vor wenigen Wochen fing ein Angler bei Königswinter südlich von Bonn die erste Kesslergrundel (Neogobius kessleri). Die nahverwandte Schwarzmundgrundel (N. melanostomus) ist donauaufwärts bis Regensburg vorgedrungen, während sich die Nackthalsgrundel (N. gymnotrachelus) immerhin schon in Wiens Industriehäfen tummelt. Früher drangen diese Arten höchstens bis zum rumänisch-bulgarischen Grenzgebiet die Donau hinauf.

Größere Fremde fressen auch heimische Jungfische

Anfang des Jahres hatte ein Kollege von Landwüst eine Zählung fremder Wassertiere in Deutschland veröffentlicht: Seinen Untersuchungen zufolge finden sich 46 fremde Arten an der Nordseeküste, 27 an der Ostseeküste und sogar 76 in den Flüssen.

Einige Experten schlagen jetzt Alarm. "Einheimische Kleinfische, wie etwa die Groppe, haben bereits massive Bestandseinbrüche erlitten und die Neulinge werden sie zusätzlich bedrängen", warnte Christian Wiesner vom Wiener Institut für Wasservorsorge, Gewässerökologie und Abfallwirtschaft. "Die Grundeln fressen alles, was ihnen vor’s Maul schwimmt". Denn Neogobius-Arten werden doppelt so groß wie ihre marmorierten Verwandten und verfügen über einen gehörigen Appetit. Vor allem die Kesslergrundel verschlingt auch gerne Jungfische.

Welche katastrophalen Auswirkungen die Zuwanderung von Tierarten aus dem so genannten Pontokaspischen Raum haben kann, verfolgten Biologen bereits am Beispiel des räuberischen Höckerflohkrebses (Dikerogammarus villosus). Dieser über zwei Zentimeter große Tyrannosaurus rex unter den Kleinkrebsen hat sich im gesamten Rheinsystem massiv vermehrt und die einheimischen Flohkrebs-Bestände komplett vernichtet. Nicht einmal Libellenlarven sind vor den mahlenden Mundwerkzeugen der Mini-Räuber sicher.

Warum heute? Wissenschaftler rätseln über die Ursachen für die Fischinvasion. Wieso sind die Grundeln nicht schon vor Jahrhunderten die Donau hochgewandert? Der Wiener Ökologe Wiesner vermutet, dass der Bau von Staustufen und Kraftwerken eine Rolle spielt. "Dadurch erwärmt sich das Flusswasser", sagte er. Die Regulierung der Fließgewässer schaffe auch deshalb bessere Lebensbedingungen für die Einwanderer, weil diese in den Steinschüttungen am Ufer Schutz vor Raubfischen fänden. "Und vielleicht wird ihre Verbreitung zusätzlich durch die massenhafte Anwesenheit von Höckerflohkrebsen und anderen Wirbellosen aus Osteuropa begünstigt", mutmaßt der Koblenzer Experte Landwüst. "Das ist ein optimales Nahrungsangebot."



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