Frühe Astronomie Zerstörte ein Asteroid Sodom und Gomorrha?

Nicht Gottes Zorn machte die Städte Sodom und Gomorrha dem Erdboden gleich, sondern ein Asteroid. Das jedenfalls behaupten zwei britische Raketenforscher - und verweisen auf eine alte Himmelscheibe. Doch Archäologen und Geologen bleiben skeptisch.


Am Morgen des 29. Juni 3123 vor Christus, kurz bevor der Morgen dämmert, beobachtet ein sumerischer Astronom im Zweistromland den Himmel. Penibel notiert er seine Beobachtungen. Den Weg der Sterne. Den Lauf der Wolken. Und jene seltsame Erscheinung, die für etwa viereinhalb Minuten über den langsam heller werdenden Himmel streift. Ein Fremdkörper aus dem All, etwa ein Zehntel so groß wie der Mond.

Was dort am Morgenhimmel leuchtete, behaupten die beiden Raketenforscher Mark Hempsell und Alan Bond vom Department of Aerospace Engineering der University of Bristol, war ein Asteroid. Der sumerische Beobachter verlor ihn schließlich über dem Mittelmeer aus den Augen. Der Brocken aber fegte über das Wasser gen Norden und schlug bei dem heutigen Ort Köfels in den Ötztaler Alpen ein.

Doch das war erst der Anfang der Katastrophe. Die Gewalt des Aufpralls erzeugte eine riesige Pilzwolke. Die allerdings, so Hempsell und Bond, stieg nicht gerade auf, sondern bog sich, und trat in der Region der Levante, des Sinai und des nördlichen Ägyptens wieder in die Erdatmosphäre ein. Binnen Sekundenbruchteilen wurde der Boden in jenem Landstrich brutal aufgeheizt – genug, um alles flammbare Material in einem nie dagewesenen Inferno aufgehen zu lassen. Bäume, Tiere, Kleidung menschliche Haare, alles stand plötzlich in Flammen.

Kein Wunder, dass die Überlebenden noch Generationen später von der Katastrophe erzählten. Dass sie versuchten, eine Erklärung für den Feuersturm zu finden. So wie diese, aufgeschrieben im Buch Moses: "Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorrha und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war."

"Da hätte ein Archäologe lange rätseln können"

Mit dieser These machen sich Hempsell und Bond nicht gerade Freunde. Denn sie wildern in fremden Jagdgründen. "So genau konnten die Sumerer den Himmel gar nicht beobachten", wettern die Archäologen. "Der Landrutsch von Köfels im Ötztal datiert rund 6000 Jahre früher", schnauben die Geologen.

Immerhin staubte die Himmelsscheibe von Ninive – eine Kopie der ursprünglichen Beobachtungen aus der Zeit um 700 vor Christus - rund 150 Jahre im British Museum vor sich hin, ohne dass ein Vertreter der naheliegenden Disziplinen einen Sinn darauf hätte erkennen können.

Erst als Hempsell und Bond die beschriebenen Sternkonstellationen in ihren Computer fütterten und eine Simulation laufen ließen, ergaben die Notizen plötzlich Sinn. "Man muss halt wie ein Astronom denken, um den Schreiber des Textes zu verstehen", verteidigt sich Hempsell im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Wir hatten einfach die passende Software. Da hätte ein Archäologe lange rätseln können."

So ganz aus heiterem Himmel kam das Interesse der beiden Raketenforscher für die handgroße Scheibe mit der Inventarnummer K8358 allerdings nicht. Schon länger hatten sie sich mit dem Bergrutsch von Köfels beschäftigt und vermutet, dass er die Folge eines Asteroideneinschlags war. Dann entdeckte Bond in einem Buch eine Abbildung der Scheibe und dachte: "Das könnte es sein!"

Hempsell und Bond glaubten nämlich nicht daran, dass ein gewöhnlicher Bergrutsch ausreichend Energie freigesetzt hätte, um den Köfelsit zu bilden, eine örtliche bimssteinähnliche Gesteinsverglasung. Die Energie von 4,5 Megatonnen TNT war nötig, um das Gneisgestein am Hang des Gamskogel auf 1700 Grad Celsius zu erhitzen, damit der Köfelsit entstehen konnte. Selbst die Atombombe "Little Boy", die 1945 über Hiroshima abgeworfen wurde, brachte es nur auf 13 Kilotonnen. Geologen hatten die Möglichkeit eines Asteroideneinschlags schon lange verworfen, weil jede Spur eines Kraters fehlt.



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