Frühe Meeresbewohner Stachelhäuter profitierten vom Massenaussterben

Es war eine Arten-Apokalypse: Vor rund 360 Millionen Jahren starb ein großer Teil der Lebewesen im Meer aus, viele Fischarten verschwanden. Die frühen Verwandten der Seesterne gingen jedoch als Gewinner aus der Katastrophe hervor. Forscher haben jetzt festgestellt, warum.

Robert Nicholls

Spurlos verschwand vor 360 Millionen Jahren ein großer Teil der Arten aus den Ozeanen. Warum, konnten Wissenschaftler bisher nicht klären. Das Massenaussterben im späten Devon beendete eine Zeit, die von Forschern auch als "Ära der Fische" bezeichnet wird. Die faszinierende Artenvielfalt, die Paläontologen anhand von Fossilfunden rekonstruieren konnten, schwand - und es dauerte lange, bis neue Arten die geschlagenen Lücken füllten.

Einige Meeresbewohner profitierten allerdings von der Katastrophe: frühe Seelilien und Haarsterne, die als sogenannte Crinoide zusammengefasst werden. Seelilien leben fest verankert am Meeresgrund und ernähren sich von Plankton; Haarsterne verbringen den ersten Teil ihres Lebens ähnlich, sind jedoch später auch mobil und kriechen oder schwimmen. Wie Seeigel und Seesterne gehören sie wegen ihres Aussehens zu den Stachelhäutern.

In den 15 Millionen Jahren, die auf das Massenaussterben folgten, breiteten sich die Crinoide rasant aus, wie Wissenschaftler um Lauren Cole Sallan von der University of Chicago im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten. Große Kalkablagerungen aus der Zeit bestehen komplett aus den Stacheln und Skeletten der Tierchen. Danach allerdings nahm die Verbreitung der Seestern-Verwandten wieder ab.

Wissenschaftler hätten verschiedene Theorien aufgestellt, um diese Entwicklungen zu erklären, sagt Thomas Kammer von der West Virginia University, der an der Studie beteiligt war. Umweltveränderungen wie etwa die Wassertemperatur wurden meist in Erwägung gezogen. Da verschiedene Fischarten die Stachelhäuter fressen, profitierten die Tiere wahrscheinlich von deren Verschwinden, nahmen Forscher an. Nur beweisen ließ sich das schlecht. "Man findet nicht gerade häufig ein Fossil, bei dem ein Fisch einen Crinoiden im Maul hat", sagt Kammer.

Sallan, Kammer und weitere Kollegen verglichen schließlich größere Datensätze von Fossilfunden, um die Artenvielfalt von Crinoiden und Fischen direkt in Bezug zu setzen. Dabei zeigte sich klar: Im Devon, als die Artenvielfalt und Verbreitung der Fische im Meer groß war, fanden sich vergleichweise wenige Seelilien und Haarsterne. Nachdem ein Großteil der Fische verschwunden war, breiteten sich die sesshaften Meeresbewohner jedoch aus. Die Studie zeige, dass das Verhältnis von Jäger und Beutetieren sehr langfristige Effekte haben kann, erklären die Forscher.

Als die Fische schließlich die Ozeane zurückeroberten, stand es um die Crinoiden bald schlechter denn je: Zwar hatten die Tierchen harte Panzerungen entwickelt, um es Fischen, die sie mit Reißzähnen angreifen, möglichst schwer zu machen. Doch plötzlich kamen Fische mit mahlendem Mundwerkzeug. Dem konnten die Beutetiere nichts entgegen setzen.

wbr



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