Knochensplitter

Treffen mit Homo sapiens Der Neandertaler-Genozid fand nie statt

DPA

Von


Europäer sind die Nachfahren von modernen Menschen und Neandertalern. Doch die große Spezies verbindende Romanze fand laut einer neuen Studie gar nicht hier statt: In Europa seien sich die Arten nie begegnet. Das hätte Konsequenzen für Theorien über das Aussterben der Neandertaler.

1955 veröffentlichte der spätere Literatur-Nobelpreisträger William Golding "Die Erben", die Geschichte des Aufeinandertreffens zweier Arten der Gattung Mensch: Auf der einen Seite der seit vielen zehntausend Jahren in Europa verwurzelte Neandertaler, auf der anderen Seite der aggressive, frisch aus Afrika eingewanderte Cro Magnon - also wir.

Das Buch ist kaum noch zu haben, obwohl Golding selbst es als sein liebstes bezeichnete: Er erzählt darin die bittere Geschichte der Ausrottung der Neandertaler durch Homo sapiens. Was die Aggressivität unserer Natur angeht, war Golding ("Herr der Fliegen") eben immer Pessimist. Heute könnten wir ihn beruhigen. Was auch immer dazu führte, dass vor rund 30.000 Jahren, wie man bisher annahm, irgendwo in Südspanien die letzten der Neandertaler starben: Homo sapiens war daran wohl nicht beteiligt.

Das zeigen aktuelle, bisher nicht veröffentlichte Studien spanischer Forscher und ihr Abgleich mit Untersuchungsergebnissen, die in den vergangenen drei Jahren in Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Italien erarbeitet wurden. Sie alle besagen, dass in den untersuchten Gebieten Neandertaler und moderner Mensch niemals aufeinandertrafen - sie verpassten sich - etwa im Falle Spaniens - um bis zu 44.000 Jahre.

Das weicht deutlich von den Ergebnissen früherer Datierungen ab, die mit der sogenannten C-14-Methode gemacht wurden. Sie basiert darauf, dass das radioaktive Isotop Kohlenstoff-14 überall in der Umwelt vorhanden ist und von Tieren wie Menschen aufgenommen wird. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf. Dank der gleichmäßigen Zerfallsrate des Isotops lässt sich recht zuverlässig auf das Alter des entsprechenden Fundstücks schließen.

Anhand dieser Methode ging man in den letzten 25 Jahren davon aus, dass die beiden Menschenarten auch in Westeuropa 8000 bis 10.000 Jahre lang Seite an Seite lebten. Die neuen Datierungen beruhen auf neuen Methoden, die erst in den vergangenen Jahren entwickelt wurden. Bei ihnen wird die Zerfallsrate von Erbgut in Funden gemessen - was als präziser und sicherer gilt als die C-14-Datierung, weil man bei sorgfältig gewonnener DNA äußere Kontaminationen besser ausschließen kann.

Wir waren am Aussterben schuldlos

Das führt nun dazu, dass akzeptierte Gewissheiten wanken. Nicht vor 30.000 Jahren, glauben die spanischen Forscher um Alvaro Arrizabalaga, sondern erheblich früher starben die Neandertaler auf der iberischen Halbinsel aus - und die soll nach akzeptierter Lehrmeinung ihr letztes Refugium gewesen sein.

Arrizabalagas Team hatte gezielt Funde aus drei Höhlen am westlichen und östlichen Rand der Pyrenäen untersucht. Die liegen wie ein Sperrriegel zwischen Südwesteuropa und dem heutigen Spanien. Wer von Ost nach West wollte, musste dort vorbeikommen, zumal prähistorische Migrationswege vorzugsweise entlang von Küsten und Flüssen verliefen. Topografisch wie klimatisch erschien Spanien vielen Forschern darum wie der natürliche Rückzugsraum einer Spezies unter Druck.

Ähnlich wie bei William Golding hat man daraus immer wieder auch Theorien über Konkurrenz, Verdrängung und Ausrottung gestrickt. Doch wenn Arrizabalaga Recht hat, wären sie alle falsch: Mensch und Neandertaler hätten ihr Date in Europa um etliche tausend Jahre verpasst. Die Gründe für das Aussterben des Neandertalers bleiben damit ein Mysterium - doch zumindest in Westeuropa hatte Homo sapiens damit offenbar nichts zu tun.

Dass die Begegnung der Arten und eine Vermischung stattfanden, steht natürlich weiterhin außer Frage. Der Ort der prähistorischen Romanze - so es eine war - war aber wohl der östliche Rand des Mittelmeers. Dort waren Neandertaler und ihre Vorfahren seit wahrscheinlich rund 400.000 Jahren ansässig. Als vor rund 100.000 Jahren die Nordwanderung des Homo sapiens aus Afrika einsetzte, trafen die beiden Menschenarten zwangsläufig aufeinander: Für die Levante und Kleinasien ist das Nebeneinander der Arten belegt. Die Spuren dieser Nachbarschaft, die in einzelnen Fällen ein Miteinander gewesen sein mag, finden sich noch heute in unserem Genom.

Diskutieren Sie mit!
31 Leserkommentare
tritop 15.04.2014
blob123y 15.04.2014
cindy2009 15.04.2014
expendable 15.04.2014
Mike Macke 15.04.2014
Yersinia 15.04.2014
albert schulz 15.04.2014
partey 15.04.2014
manuelw. 15.04.2014
nariu 15.04.2014
IchHasseBesserwisser 15.04.2014
frequenz11 15.04.2014
mijaps 15.04.2014
_2xs 15.04.2014
cindy2009 15.04.2014
total_perspective_vortex 15.04.2014
J-Créme 15.04.2014
Yersinia 15.04.2014
pefete 15.04.2014
rompipalle 15.04.2014
wauz 15.04.2014
achim_fd 15.04.2014
Palmstroem 15.04.2014
lachina 15.04.2014
middleearth 15.04.2014
lavama 16.04.2014
joachim_m. 16.04.2014
cindy2009 16.04.2014
cindy2009 16.04.2014
albert schulz 17.04.2014
malef 01.09.2014

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.