Fukushima-Folgen Forscher weisen Cäsium 137 an Japans Stränden nach

Auch Jahre nach der Kernschmelze im Reaktor Fukushima steckt noch radioaktives Cäsium in dessen Umgebung. Hohe Werte fanden Experten dort, wo sie es nicht vermutet hatten.

Ungewöhnlicher Verbreitungsweg von radioaktivem Material
DPA/ Natalie Renier/ Woods Hole Oceanographic Institution

Ungewöhnlicher Verbreitungsweg von radioaktivem Material


Eines war 2011 nach der Katastrophe von Fukushima ziemlich schnell klar: Die Folgen für Mensch und Umwelt waren kaum absehbar. Sicher war aber, dass der Reaktorunfall Japan noch lange beschäftigen würde. Dass eben selbst Wissenschaftler die Konsequenzen, die solche Katastrophen verursachen, manchmal nur schwer einschätzen können, zeigt sich nun in einer neuen Studie.

Dafür haben Forscher radioaktives Cäsium in der Umgebung der Reaktorruine gemessen. Die höchsten Werte der Substanz haben sie im Brackwasser unter nahegelegenen Stränden gemessen. Auch Jahre nach dem Reaktorunfall seien dort hohe Konzentrationen von Cäsium 137 sogar noch hundert Kilometer vom Reaktor entfernt nachzuweisen, schreiben die Forscher aus den USA und Japan in den "Proceedings" der US-nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS). Brackwasser entsteht in Regionen, in denen sich Süß- und Salzwasser mischen.

"Niemand hat erwartet, dass die höchsten Konzentrationen von Cäsium in Ozeanwasser heute nicht im Hafen des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi zu finden sind, sondern in unterirdischem Wasser viele Meilen entfernt unter dem Sand der Strände", sagte Virginie Sanial von der Woods Hole Oceanographic Institution (US-Staat Massachusetts). Die Werte seien bis zu zehn Mal höher gewesen als im Hafen des Reaktors. Nur im Reaktor selbst und in dessen Wassertanks seien höhere Werte zu finden.

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Karten: Betroffene Ostküste, Fukushima im Überblick

Sanial und ihre Kollegen untersuchten Wasser in bis zu rund zwei Metern Tiefe an acht Stränden in der Zeit von 2013 bis 2015 und nahmen Vergleichsproben. Ergebnis: Die Konzentration an Cäsium 137 im Brackwasser war generell höher als im Ozean, im Flusswasser, in Süßwasserquellen und in Grundwasserbrunnen. Daher könne das Cäsium 137 nicht aus diesen Wasserressourcen stammen.

Die Wissenschaftler vermuten, dass mit radioaktivem Cäsium kontaminiertes Wasser nach dem Unfall 2011 im Ozean zunächst tage- und wochenlang über Wellen und Gezeiten entlang der Küsten ausgebreitet wurde. So habe sich schließlich eine große Menge Cäsium 137 an Sandkörner am Strand und im Brackwasserbereich darunter geheftet. Derzeit gelangt nach Annahmen der Forscher weniger radioaktiv belastetes Salzwasser ebenfalls durch Wellen und Gezeiten in die Brackwasserregion und spült das Cäsium allmählich aus.

"Es ist, als ob Sand als eine Art Schwamm wirkt, der 2011 kontaminiert wurde und nun langsam geleert wird", sagte Ken Buesseler, ebenfalls von der Woods Hole Oceanographic Institution. Das Team fand im Brackwasser Werte bis zu 23.000 Becquerel pro Kubikmeter (Bq/m3). Zum Vergleich ein Beispiel vom Bundesamt für Strahlenschutz: Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 3000 Becquerel pro Kilogramm entspricht der Strahlenbelastung eines Fluges von Frankfurt nach Gran Canaria (o,oo8 Millisievert).

Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Was richtet Strahlung im menschlichen Körper an?
Corbis
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.
Wie verläuft eine leichte Strahlenkrankheit?
Menschen mit einer leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Doch oft bleibt das Immunsystem ein Leben lang geschwächt, die Betroffenen haben häufiger mit Infektionserkrankungen und einem erhöhten Krebsrisiko zu kämpfen.
Wie kann man sich schützen?
DPA
Im Gebiet, in dem ein nuklearer Niederschlag zu befürchten ist, kann es helfen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Gegen radioaktives Jod schützt die vorsorgliche Einnahme von Kaliumjodidtabletten. Allerdings schützt diese nur vor Schilddrüsenkrebs. Das eingenommene Jod lagert sich in den Drüsen links und rechts des Kehlkopfes an und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod. Wichtig: Jodtabletten nicht ohne behördliche Aufforderung einnehmen.
Radioaktives Jod baut sich in der Umwelt allerdings schnell ab. Gefährlicher ist radioaktives Cäsium, es hat eine längere Lebensdauer und wirkt bei Aufnahme durch die Luft oder über Nahrungsmittel im ganzen Körper. Dagegen helfen keine Pillen. Bricht ein Reaktor, wie in Tschernobyl geschehen, auseinander, gelangen großen Mengen Cäsium in die Atmosphäre und verstrahlen die Gegend, in der die Partikelwolke niedergeht, auf viele Jahre.
Was bedeutet die Maßeinheit Millisievert?
DPA/ Kyodo/ Maxppp
Sievert (Sv) ist eine Maßeinheit für radioaktive Strahlung. Ein Sievert entspricht 1000 Millisievert. Die Einheit gibt die sogenannte Äquivalentdosis an und ist somit ein Maß für die Stärke und für die biologische Wirksamkeit von Strahlung.
7000 Millisievert, also sieben Sievert, die direkt und kurzfristig auf den Körper treffen, bedeuten den sicheren Tod (siehe Grafik). Zum Vergleich: Am Montagmorgen maßen die Techniker am Kraftwerk Fukushima I eine Intensität von 400 Millisievert pro Stunde. In Tschernobyl tötete die Strahlung von 6000 Millisievert 47 Menschen, die unmittelbar am geborstenen Reaktor arbeiteten.
Wie hoch ist die Belastung im Alltag?
DPA/ NASA
Menschen sind tagtäglich der natürlichen radioaktiven Strahlung im Boden oder der Atmosphäre ausgesetzt. In Deutschland beträgt sie laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr (siehe Grafik). Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen gegen die natürliche Strahleneinwirkung entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen.

Die Forscher nehmen an, dass die Menge an kontaminiertem Wasser, die vom Brackwasser in den Ozean gelangt, genauso groß ist wie die aus zwei anderen Quellen: die weiterhin vom Unglücksreaktor ausströmende Radioaktivität und der radioaktive Eintrag durch kontaminierte Flüsse in den Ozean. Alle drei Quellen seien Tausende Male kleiner als in den Tagen direkt nach dem Unglück.

Da kein Mensch dem Wasser ausgesetzt sei oder es trinke, sei die Gesundheit der Bevölkerung nicht das Hauptanliegen der Studie, schreiben die Forscher. Sie zeige, wie radioaktives Material an Orte weit weg von der Unfallstelle gelangen, sich an Sandkörner lagern und gespeichert werden könne. "Dieser neue, unerwartete Pfad, Radionuklide zu speichern und wieder in den Ozean freizusetzen, sollte beim Management von Küstenstreifen, an denen Kernreaktoren liegen, berücksichtigt werden", betonen sie auch mit Verweis auf den britischen Reaktor Sellafield. Nach Angaben der Autoren gibt es weltweit 440 aktive Kernreaktoren, etwa die Hälfte davon an Küsten.

Neben anderen radioaktiven Isotopen entsteht Cäsium 137 bei der Kernspaltung von Uran. Im Gegensatz etwa zu Jod 131, das nach rund acht Tagen zur Hälfte zerfallen ist, hat Cäsium 137 eine Halbwertszeit von 30 Jahren und ist damit besonders gefährlich, da es auf Jahrzehnte Auswirkungen auf die Landwirtschaft und das Leben der Menschen in den betroffenen Gebieten hat.

Im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi war es am 11. März 2011 nach einem schweren Erdbeben und einem Tsunami zu Kernschmelzen in drei Reaktoren gekommen. Zwar wurde bei diesem Reaktorunfall niemand direkt getötet, doch mehr als 100 000 Menschen mussten wegen der Strahlenbelastung ihre Häuser verlassen. Die Lage in dem Komplex gilt zwar inzwischen als stabil.

Fukushima Lecks: Undichtes Ungeheuer
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Ein großes Problem stellen jedoch weiter die gewaltigen radioaktiven Wassermassen in den Tanks und deren Entsorgung dar, ebenso wie die Bergung abgebrannter Brennstäbe. Zudem konnten Suchroboter den geschmolzenen Brennstoff in den Reaktoren noch nicht sicher orten. Eine vollständige Stilllegung der Ruine dürfte Schätzungen zufolge etwa 30 bis 40 Jahre dauern..

joe/dpa



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